Wie ich denn zu dem Special Agent kommen könne, schließlich sei ich ja noch nicht abgefertigt und ohne Abfertigung kein Gang zum Special-Agent, dessen Büro sich in einer der Behausungen am anderen Ende des Grenzübergangs befinden solle.
   Ich könne auch ohne Abfertigung zunächst einmal die Versicherung abschließen, dazu den Grenzübergang völlig durchqueren und am anderen Ende in die Hütte des Special Agents gehen. Ich bin gespannt wie die ukrainische Version eines Agenten aussieht, vielleicht der James Bond von Chernigov? Oder doch eher die ukrainische Variante von „Herrn Kaiser“, des Mannes von der Humbug-Mülleimer Versicherung? Fragen über Fragen. Ich mache mich auf den Weg - der eigentlich illegal ist weil ich ja noch nicht über sämtlichen amtlichen Siegel und Papiere verfüge um in die Ukraine einzureisen - auf die Suche nach „Herrn Kaiser“. „Freundliches“ grau-blaues aber wenig effizientes Licht beleuchtet den Grenzübergang und seine Gebäude. Hier muß wohl erst noch eine ganze Ladung von vormals sozialistischen Leuchtmitteln verbraucht werden bevor so etwas wie eine Beleuchtung im Grenzübergang installiert werden wird.
    Alles hat den Anstrich von Grenzübergang Helmstedt-Marienborn 1972, nur eben alles etwas ukrainischer. Die Kulisse zum „Spion der aus der Kälte kommt“ drängt sich in mein Gedächtnis und innerlich höre ich Chris de Burghs „Borderline“ Song.  Am Ende der Behelfshütten finde ich die Niederlassung des Special Agent und seiner Versicherung. Ich trete erwartungsfroh ein. Vier Figuren bevölkern das „Versicherungshauptquartier“ und jemand hinter einem Fenster das mit einer mehr als waschreifen Gardine halb verhängt ist, bedeutet daß ich mich rechts halten solle. Dort, so die Auskunft, sitze der Agent. Ich gehe um eine Ecke und da ist er endlich, der Chernigov-James-Bond, der mir zur notwendigen Versicherung verhelfen soll. Leider scheint James in den vergangenen Stunden sich eher mit „Geschütteltem und Gerührtem“ befaßt zu haben, m.a.W. „Herr Kaiser“ hat Versicherungsabschlüsse gefeiert und das Ganze nicht vollkommen alkoholfrei.
    Aber ungeachtet dessen macht er sich an die Arbeit. Ich reiche ihm alles an Papieren zu was notwenig sein könnte um eine Versicherungspolice auszufertigen. Aber der Agent hat ganz andere Probleme als sich mit meinen Papieren zu befassen. Seine Sorgen sind eher pekuniärer Natur, ob ich in Euro zahlen wolle. Ich muß ihn enttäuschen, ob er auch Rubel nehmen würde frage ich ihn, der mir in einer schwer verständlichen Mischung aus Ukrainisch, Russisch und Alkohol antwortet. Ich kann seine Ausführungen nur ahnen und zu 90 % habe ich recht bei meinem Ratespiel. Im Gedanken stelle ich mir vor wie es dem ergehen könne der weder  des Russischen noch des Ukrainischen mächtig sei. Im Gedanken stelle ich mir stundenlange schwer verständliche Dialoge eines genervten Westlers mit diesem Special Agent vor. Innerlich danke ich meiner Russisch-Lehrerin Irina daß sie uns durch die „harte Schule des Russischen“ gejagt hat und erinnere mich an einige eigene Gelage im Verlauf derer mein Russisch wahrscheinlich auch ins „schwer Verständliche“ abgerutscht sein muß.
   Mittlerweile duzt mich der ukrainische „Herr Kaiser“ nachdem er unter einigen Mühen meinen Vornamen entziffert hat. Wieviel Hubraum das zu versichernde Fahrzeug habe, will Herr Kaiser wissen. Vier Liter antworte ich wahrheitsgemäß. „Herr Kaiser“ schüttelt bedächtig den Kopf, au, au, sagt er, das wird teuer. Wie teuer es wird sagt er noch nicht. Dann kramt er einen Taschenrechner hervor, der auch schon bessere Tage gesehen haben muß und beginnt bedächtig einige Zahlen einzutippen, dann ein paar weitere arithmetische Operationen und schon steht das Ergebnis fest. 1.400.- Rubel soll der Spaß kosten wenn mich die staatliche Versicherung für drei Wochen unter ihre Fittiche nimmt. Vierzig Euro nach heutigem Kurs. Da ich die Kosten erstattet bekomme zücke ich bereits die Geldbörse als „Herr Kaiser“ einen weiteren „kreativen“ Vorschlag unterbreitet. Falls ich auf einen Kassenbon verzichten könne, dann würde sich die Summe um 400 Rubel ermäßigen, macht dann 28,58 Euro, wahrlich ein nicht schlechter Rabatt den mir die Humbug-Mülleimer ukrainischer Provinienz da einräumen will. Ob das allerdings mit meiner langjährigen Fahrpraxis zutun hat wage ich mehr als zu bezweifeln.  Im Zweifel sind wohl eher die pekuniären Erwägungen von „Herrn Kaiser“ und seines Mitarbeiters namens „Wasch-die-Gardine“ ausschlaggebend. Ich willige ein, der Special Agent macht die letzten Striche und bringt einige Stempel an, alles sehr amtlich, aber leider ohne gültigen Zahlungsnachweis. Tausend Rubel wechseln den Besitzer,  James wünscht mir noch alles Gute nicht ohne zu fragen wie denn die Gebrauchtwagenpreise in Deutschland zur Zeit so seien. Wahrscheinlich bin ich nicht der einzige der einen großzügigen Rabatt eingeräumt bekommt und die Einnahmen sollen wohl dem Kauf eines Gebrauchtwagens zugeführt werden. Mir soll es recht sein, so wandert mein Geld letztlich in die deutsche Wirtschaft.
   Ich verlasse das territoriale Hauptquartier der überaus flexiblen Versicherungsgesellschaft innerlich ein „Welcome to Ukraine“ murmelnd. Was jetzt folgt ist eigentlich Routine, oder sollte es zumindest sein. Die Zollkontrolle und genau da passiert es. Was ich achtzehn Jahre vermißt habe, die blödeste aller Fragen, hier an der Nahtstelle zwischen zwei ehemaligen Sowjetrepubliken feiert die längst Totgeglaubte eine überraschende Wiederauferstehung. Als der Zöllner mich nämlich fragt „Haben Sie Waffen, Narkotika oder sonstige anmeldepflichtige Gegenstände an Bord?“ Ich habe schlagartig einen Flashback an ehemalige DDR Kontrollen mit ihren ebenfalls sinnvollen Fragen nach „Waffen, Funkgeräten oder Munition“. Was erwartet der Vertreter des ukrainischen Staates von mir, etwa daß ich antworte, „Klar 10 Kg Marihuana, 5 Kg Schimmelafghanen, drei Kalaschnikovs und zehn Handgranaten.“
   Völlig baff entgegne ich daß ich in Business unterwegs sei und nicht in Kriegsfragen. Der Zöllner läßt uns passieren. ca. zwei Stunden haben wir im ukrainischen Grenzübergang verbracht. Nun dürfen wir endlich weiter. Welcome to Ukraine. Noch 250 Km, letztlich ein Klacks, dann sollten wir in Kiew sein. Eben, sollten wir, sind wir aber noch nicht. Noch haben wir einiges zu bewältigen, ukrainische Umleitungen zum Beispiel.
 
Der Spezial-Agent