Hundehandel in Belgien
In den Geschäften der Welpenverkäufer in Lüttich drängen sich am Sonntagvormittag die Besucher vor kleinen Glas- und Gitterkäfigen: Welpensupermarkt als Freizeitvergnügen. Im Angebot sind eine Menge kleiner Hunde sämtlicher Moderassen, aber auch Mischlinge. Für 250 bis 550 Euro kann man die einfach mitnehmen – Fragen werden nicht gestellt, es gibt keine Kontrollen, an wen die Tiere gehen, und auch keine Ratschläge für die Haltung der Tiere.
Kathrin Hansen, Tierschützerin aus Herzogenrath beobachtet immer wieder, wie schnell Menschen auf diese Weise kaufen. Die vielen hübschen Tierkinder in offenbar sauberen Käfigen, die alle direkt zum Mitnehmen bereitstehen und viel weniger als bei guten Züchtern kosten, machen offensichtlich Lust auf einen spontanen Kauf. Manche kaufen aber auch, weil sie Mitleid mit den Tierchen hinter Glas haben.
Aber sind die Tiere, die hier verkauft werden, auch gesund? "Selbstverständlich!", antwortet der Verkäufer und überreicht den EU-Impfausweis. Das überzeugt: Ein offizieller Impfausweis erweckt den Anschein von Seriosität. Und der Händler gibt noch eine Garantie: Sollte das Tier innerhalb einer Woche krank werden oder gar sterben, kann man es zurückbringen und erhält den Kaufpreis erstattet oder kann sich einen neuen Hund aussuchen. Das Risiko erscheint damit auf den ersten Blick gering.
EU-Recht geht vor
Schaut man sich den Impfausweis genauer an, stellt man allerdings fest, dass fast immer die Tollwutschutzimpfung fehlt. Die ist in Belgien auch nicht Pflicht. Für Reisen innerhalb Europas allerdings schon. Da es an innereuropäischen Grenzen keine Kontrollen mehr gibt, fällt das erst einmal nicht weiter auf. Aber auch andere sinnvolle Schutzimpfungen fehlen häufig oder sind viel zu früh gesetzt worden.
Die meisten Käufer nehmen an, ein EU-Impfpapier sei die Garantie für alle nötigen Impfungen und prüfen selber nicht noch einmal nach. So nehmen sie einen ungeimpften Welpen mit nach Hause, von dem sie nicht wissen, wo er eigentlich herkommt. Dass die Billighunde nicht aus erstklassigen Zuchten kommen können, müsste eigentlich jedem klar sein – wird beim Kauf aber von den meisten Käufern verdrängt.
In einem Ausweis, den Kathrin Hansen nach dem Kauf begutachtete, war nur die Impfung gegen Zwingerhusten eingetragen – die allerdings wurde vorgenommen, als der Hund zwei Wochen alt war. Der Käufer war so in Hochstimmung über seinen Spontankauf, dass er sich nicht überreden ließ, in den Laden zurückzugehen und den Verkäufer darauf anzusprechen, sondern versprach, am nächsten Tag einen Tierarzt aufzusuchen.
Wenn dort außer der fehlenden Impfung noch andere gesundheitliche Probleme auffallen, geben die wenigsten Menschen ihren Welpen zurück. Sie lassen ihn behandeln und geben dann in kurzer Zeit mehr für den Tierarzt aus, als sie mit dem offenbar günstigen Kauf gespart haben.
Würde jeder Käufer seinen nicht wirklich gesunden Welpen zurückbringen, müssten die Verkäufer ihre Strategie ändern. So aber profitieren sie vom Mitleid und dem Verantwortungsgefühl der Käufer. Und genau das fördert die oft tierquälerische, rein profitorientierte Massenproduktion der Welpen.
Zeit für einen zweiten Blick mitbringen
In einem der Tierläden am Lütticher Markt sah Kathrin Hansen einen besonders hübschen Husky-Welpen: entzückend auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinsehen bemerkte die Tierschützerin, dass der Hund viel zu ruhig in der Ecke lag, dass er sich nur bewegte, um zusammengekrümmt flüssigen, blutigen Stuhl abzusetzen.
Etwa sechs Wochen alt sei das Tier, so die "Züchterin", die außerdem französische Bulldoggen, Yorkies, Shi Tzus, Shelties, Golden Retriever und Labradors im ständigen Angebot hat. Der Husky sei ganz fit, aber „(...) sollte er doch sterben, man weiß ja nie, einfach am nächsten Sonntag wiederbringen“, so die "Züchterin" weiter.
Kathrin Hansen sah auch einen etwa sechs Monate alten Labrador, der sich panisch in die Ecke drückte. Natürlich erobert ein solches Benehmen nicht das Herz der Besucher. Fraglich ist auch, was mit dem Tier passiert, wenn es älter und auf den zweiten Blick nicht mehr so süß scheint?
Die Vermarktungsstrategien der Händler
Manche Händler öffnen während des Sonntagsmarkts in Lüttich ihre Geschäfte, andere nutzen das Internet, um Käufer zu gewinnen. Sie bieten Welpen aller gängigen und beliebten Rassen an, werben mit putzigen Tierkindchenfotos. Da fällt die Entscheidung schon Zuhause am Computer oder zumindest lockt dort das Angebot "einfach auswählen, bezahlen, mitnehmen" zur Fahrt nach Belgien.
Den großen Laden eines dieser Händler kennt Kathrin Hansen gut. Hinter Glas sitzen die winzigen Vertreter der kleinen Hunderassen, in Holzboxen die größeren Welpen. Einige wenige erwachsene Tiere sind Ladenhüter – sehr preiswert und in der hinteren Ecke versteckt.
Initiative zeigen
Die Tierschützerin spricht bei ihren Besuchen auf dem Lütticher Markt Menschen an, die gerade selig mit einem Welpen im Arm auf die Straße treten. Sie weist auf die Problematik der nicht oder unzureichend geimpften Tiere hin, auf Wurmbäuche und andere offensichtliche Probleme. Und sie verteilt Flugblätter mit Informationen über den Hintergrund der Welpenschwemme. Allerdings mit wenig Erfolg: Wer gerade ein süßes Tierbaby gekauft hat, will in der Regel nicht wissen, dass es vermutlich in einer dunklen Box zur Welt gekommen und dort aufgewachsen ist, bis man es der Mutter viel zu früh wegnahm, dass die Zuchthündinnen ein tristes Leben als Geburtsmaschinen fristen oder dass diese Hundeproduktion auf Kosten der Tiere und oft auch der zukünftigen Besitzer beste Gewinne abwirft.
Kathrin Hansen befasst sich täglich mit den Folgen der preiswerten Massenproduktion von Hunden. Ihre eigenen Vierbeiner sind alle Opfer dieser Methode. Eines davon ist Jamie: Der Rüde wurde in einem der einschlägigen Läden in Belgien gekauft. Als sein Besitzer kurz darauf erfuhr, dass der Hund an einem schweren Herzfehler litt, wollte er ihn loswerden. Auch die Hündin Ebby wurde als "unbrauchbare Zuchthündin" an die Tierschützerin abgegeben.
Ein Teufelskreislauf
Kathrin Hansen ist sich ganz sicher: Nur wenn niemand mehr dort Welpen kauft, endet die Qual der Zuchthunde und ihrer oft kranken oder psychisch gestörten Nachkommen. Deshalb betreibt Kathrin Hansen die Übernahme und Rettung ausgedienter Hündinnen aus Massenzuchten mit Bedenken. Auch Mitleidskäufe von Welpen helfen immer dem Einzelnen und schaden der Sache. Ein Dilemma angesichts der putzigen Tierkinder hinter Gittern. Und leider gibt es solche Märkte nicht nur in Belgien, sondern europaweit.
Zwar haben die belgischen Behörden einige Einschränkungen der Verkäufe beschlossen, aber nicht drastisch genug, um den Markt auszutrocknen.
Mehr kritische Stimmen gefragt
Vergleicht man den Widerstand in Deutschland gegen herrenlose Hunde, die aus südlichen Urlaubsländern nach Deutschland gebracht werden, mit der Reaktion auf massenhaften Import von Rassewelpen, so fällt auf, dass die Akzeptanz für Letztere größer ist.
Obwohl die Hunde von der Straße und aus Tötungsanlagen im Süden meist richtig geimpft und tierärztlich versorgt hier ankommen, wird immer wieder vor dem „Einschleppen“ von Krankheiten gewarnt. Dass Rassehunde der Massenzüchter hingegen, die oft ohne gültige Impfung aus unbekannter Herkunft kommen, mindestens ebenso gefährliche Krankheiten einschleppen können, scheint Kritiker weniger zu reizen.
Und noch ein wesentlicher Unterschied: Herrenlose Hunde aus dem Süden sind fast immer Opfer verantwortungsloser Besitzer, die sich um Geburtenkontrolle nicht kümmern. Die Welpen der Massenzüchter werden gezielt so günstig wie möglich für den Markt produziert.
Autor: Cornelia Baumsteiger