Untot
 
Er war alt.
Älter als er aussah.
Seine Haut war normal,aber fast ohne Falten. Sein Blondes Haar war modisch kurz geschnitten.
Seine blauen Augen schienen allesdurchdringend zu sein.
Seine Gesicht war das eines 30jährigen,ebenso sein Body.
Durchtrainiert.
Ein Hauch von Eau de Toilette umwehte ihn, gemischt mit Tabakgeruch.
Er stand in der regennassen Nacht, mitten in der vom Neonlicht erhellten Stadt.
Etwas unheimliches und doch vertrautes ging von ihm aus. So wie er da stand.Schwarz angezogen.
Fast edel und doch mystisch.
Ein bodenlanger schwarzer Ledermantel umhüllte den schlanken Körper.
Die Hände waren von schwarzen Lederhandschuhen bedeckt, wie sie in den 60er Jahren von Playboys beim Autofahren getragen wurden.
Er trug sie damals schon.
Als er noch Mensch war.
Er war einer dieser Playboys gewesen,die mit ihrem geerbten Geld ihre Autos und Yachten und den aufwändigen Lebensstil finanzierten.
Mike war gerade 23 geworden als der Milliardär John Collins,sein geliebter Vater,an Herzversagen starb.
Der Tod seines Vaters traf ihn hart.
Er schmiss Parties ohne Ende, nahm alle Frauen mit,die sich ihm an den Hals warfen und lebte in den Tag hinein.
Als er,im Juni 1940 geboren,nicht wusste was tun in seiner Trauer.
Er versuchte seinen Schmerz mit Alkohol und Sex zu betäuben.
Bis zu jenem verhängnisvollen Abend als er Michelle traf...
Sie faszinierte ihn.
Langes dunkles Haar,weiblicher Körper und ihrem bezaubernden Lächeln.Er nahm sie mit auf seine Yacht.
Sie war sein Schicksal.
An jenem Abend würde alles anders werden.
In dieser Nacht machte sie ihn zu ihresgleichen. Zu einem Vampir...
Sie liess ihm keine Wahl. Sie hatte ihn nicht gefragt.
Dafür hasste er Sie!
Sie wollte alles für sich- Das Geld,den E-Type,die Yacht...
Das alles konnte ihr gehören.
Aber dazu brauchte sie ihn...

Nachdem dem trauernden Mike bewusst wurde,was ihm geschehen war,tötete er sie.
Instinktiv wusste er wie.
Mit einem schnellen Griff nach ihrem Herzen. Er riss es ihr heraus,ihr schwarzes Herz.
Mitten im Liebesspiel. Sie hatte keine Gelegenheit zu reagieren.
Den toten Körper beschwerte er mit einer Kiste Champagner und versenkte ihn neben dem Pier im Hafen.
Keiner wusste es.
So führte er das Leben,oder das,was er dafür dafür hielt,weiter,so gut er konnte.

Er erkannte ungeahnte Kräfte in seinem neuen ICH schlummern.
Er war schnell geworden.Sehr schnell.
Und stark.
Er konnte mit der blossen Hand Stahlträger zerquetschen.
Fliegen konnte er nicht.Aber an der Wand,der Decke laufen...
Eines Nachts nahm er eine Stoppuhr und nahm seine Zeit,während er um einen Sportplatz lief.
Er brauchte für eine Runde eine Sekunde.

Alles,was man in den Hollywoodfilmen über Vampire sah, war erfunden.
Mike konnte weiterhin in der Sonne spazieren.Wenn auch nur mit Sonnenbrille.
Er konnte weiterhin alles essen und trinken.
Aber er brauchte auch Blut.
Gegen den Durst.
Gegen die Schmerzen.

Er verbrachte sein neues Dasein als Mörder.
Er selbst konnte nur von einem stärkeren Vampir getötet werden.
So wie er Michelle einst vernichtete.
Gegen Waffen war er fast immun.Fast.

Hier stand er nun im dunklen Licht der Stadt.
Sein nächstes Opfer suchend...
Sein Besitz war weiss oder schwarz,manchmal auch rot.
Blutrot.
Sein Gallardo war schwarz,ebenso der Turbo.
Die Kleidung.
Die Handschuhe.
Und seine Seele...

Seine Villa dagegen war weiss,eingerichtet in kühlem Metall und weissen und schwarzen Farben. Etwas rot.
Rot wie sein geliebter E-Type Jaguar.
Das einzige,was er
wirklich liebte...
Seine Liebe zu Autos hatte er von seinem Vater,den er über alles liebte.
Den Jaguar hatte er zu seinem 23. Geburtstag von ihm geschenkt bekommen,ein früher Prototyp.
Es sollte das letzte Geschenk seines Vaters sein...

Er hasste sein Dasein als Blutsauger.
Als Mörder.
Er hasste Michelle.
Seine Gier nach Blut.
Nach aussen spielte er den sorglosen Playboy weiter.
Tief in sich wollte er seinen Schmerz und Hass herausschreien. Heulen.
Nach aussen aber spielte er den Playboy weiter...
Die schwarzen Klamotten halfen ihm,machten ihn sicherer. Die Anzüge,die Handschuhe-Alles schwarz.

Er hatte Angst. Angst ertappt zu werden. Gejagt zu werden wie ein räudiger Hund.
Dass er kein Mensch war.
Nicht mehr.
Ähnlich,aber kein Mensch.
Manchmal schlief er. Allein. Nur sein Hund in seiner Nähe.

Er lebte in Einsamkeit. Aus Angst.
Unauffällig zu sein bedeutete aufzufallen.
Er tötete aus Durst. Nicht aus Lust. Nicht aus Ungnade.
Um seinen Durst zu mildern.
Er konnte ihn nicht löschen-Niemals! Eigentlich wollte er nur eines.
Sterben,in den Himmel zu seinem Vater,ihn in die Arme schliessen und ihm sagen,wie sehr er den Vater vermisste.
Aber...
Gab es einen Himmel?
Konnte es einen Gott geben,der so etwas wie Mike auf Erden wandeln lässt? Hier stand er nun neben seinem schwarzen Porsche Turbo. In der Nacht.
Seine Zungenspitze fuhr über die spitzeren Eckzähne.
Sein Durst wurde grösser. Durst nach Blut.
Bald würde wieder ein Mensch sein Leben lassen.
Ein Mädchen,dass er in seinen Bann zog mit seinen blauen Augen.
Seinem Geld.
Seinem unwiderstehlichen Charme...
Bald wäre sein Durst für ein paar Tage gestillt.
Ein Windstoss fuhr durch die Herbstnacht und wehte um seinen offenstehenden Mantel.
Bald würde er wieder zuschlagen.
Ein Leben vernichten.
Weil er durstete...
Mittwoch, 6. Dezember 2006