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Dienstag, 3. Juli 2007
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Sag niemals, nie! Fakt ist: so etwas darf nicht passieren. Titelbild
 
 
BPZ / Polizeimeldung Kanton Aargau: Ein Scania-Sattelschlepper mit Muldenauflieger musste am Dienstag, 19. Juni 2007 wegen eines anderen Lastwagens, einem 8x4 Renault-Kipper, ebenfalls mit Kippmulde, auf der Ausserortstrasse Richtung Wöschnau stark abbremsen. Gleichzeitig wollte der Fahrer noch nach links ausweichen. Dabei kippte die Fahrerkabine des bremsenden Sattelschleppers nach vorne und prallte auf ein entgegenkommendes Auto. Der Personenwagen rollte indessen noch ein Stück weiter und kollidierte schliesslich mit einem weiteren Auto, das in Richtung Wöschnau fuhr. Die Lenkerin des Personenwagens wurde verletzt ins Spital gebracht.
 
Wie unser Unfallbild zeigt, kippte die Lastwagenkabine nicht nur nach vorne, sondern knallte vollends auf die Strasse. Der angegurtete Lastwagenchauffeur überstand den spektakulären Unfall völlig unversehrt.
 
Eigentlich unmöglich..
Swissmotor recherchierte über das Ereignis, denn auch wir fragten uns, wie es geschehen kann, dass sich eine Fahrerkabine durch ein blosses Bremsmanöver aus der mechanischen Verriegelung losreissen kann. Gemäss unserem Kenntnisstand kann sie es eigentlich nicht, denn es sind mehrere Verriegelungen, die ein ungewolltes Abkippen nach vorne verhindern.
 
Oder doch nicht?
Anderseits hatte der Schreibende schon selbst beobachtet, wie die Kabine eines Lastwagens auf der Gegenfahrbahn bei einer etwas heftigen Bremsung nach vorne abkippte. Damals sauste sogar der Fahrer durch die Windschutzscheibe, die durch allerlei fliegende Gegenstände in der Kabine in Stücke ging. Auch anlässlich von Instruktionskursen kippten schon Kabinen unplanmässig nach vorne.
 
Nicht ganz idiotensicher
Bei den bisherigen Kippkabinen musste zunächst die mechanische Verriegelung ausgeklinkt werden, bevor der hydraulische Pumpenmechanismus die Kabine anheben konnte. Fehlmanipulationen mit teilweise gewaltigen Folgekosten waren jedoch möglich. In modernen Kippkabinen geschieht das mechanische Ausklinken automatisch durch Betätigung der Hydraulikpumpe.
 
Nachteile einer soliden Sicherheitskabine
Auf Einladung der Hächler AG, Nutzfahrzeuge in Othmarsingen erfolgte eine detaillierte Besichtigung des verunfallten Scania-Sattelschleppers. Der zweijährige Lastwagen ist ein Totalschaden. Es bedurfte keiner detektivischen Fähigkeiten beim Schreibenden, um das Rätsel zu lösen. Die erfolgten Zerstörungen sprechen eine deutliche Sprache. Durch den Aufprall auf den vorausfahrenden Kipper wurde die Kabine des Scania rechts regelrecht aufgeschlitzt und seitlich verdreht. Dadurch scherte es die mechanischen Verriegelungen der Kabine ab. Auch die vordere Kabinenaufhängung, der Drehpunkt zum Abkippen also, ist weggebrochen. Hubzylinder und die Kipp-Arretierung sind ebenfalls abgerissen, was dann zum völligen Abkippen des Fahrerhauses führte – und das Bild der auf der Strasse liegenden Fahrerkabine erklärt.
 
Farbspuren belegen der Unfallhergang
Nicht ganz korrekt war dagegen die Polizeimeldung, worin es hiess, die allein durch die Vollbremsung abkippende Kabine habe den Personenwagen flachgedrückt. Tatsächlich prallte der Scania-Sattelschlepper zunächst diagonal mit grosser Wucht gegen die scharfkantige Kippmulde des vorausfahrenden Renault. Dieser Aufprall bewirkte das seitliche Verdrehen und anschliessende Abscheren der Sicherheitskabine aus den Verankerungen. Der entgegenkommende Personenwagen streifte zunächst das vordere Trittbrett des Lastwagens und wurde anschliessend noch von der seitlich abkippenden Kabine erwischt. Die Farbspuren am Lastwagen belegen dies überdeutlich. Das ist auch der Grund, warum der Personenwagen danach noch 50 Meter weiterrollen konnte.
 
Schwachstellen
Swissmotor entdeckte als eigentliche Schwachstelle die hinteren – und teilweise auch die vorderen mechanischen Verriegelungen und Drehpunkte der Kabine. Diese sind lediglich auf Zugkraft ausgelegt, keinesfalls auf plötzliche seitliche Verschiebungen der Kabine. Durch zusätzliche Sicherungs-Stahlseile oder Gurten, was leider bis dato kein einziger Hersteller anordnet, könnten derartige Vorkommnisse ein für allemal nachhaltig vermieden werden.
 
Bleibt zu hoffen
Weil dieser Bericht jedoch mit Sicherheit an das Herstellerwerk in Schweden geht, könnte der Swissmotor-Tipp schon bald in die Praxis umgesetzt werden.
 
Bilder und Text: Ruedi Baumann