Kapitel III
Es folgte für mich eine Zeit der musikalischen Neuorientierung als Akkordeonspielerin mit Gesang. Ich wurde in diesem Metier selbständiger und mutiger. Anhand des Telefonbuches und dem Vereinsanzeiger in meiner Zeitung begann ich, meine Dienste telefonisch anzubieten. Ich blieb dabei aber stets in der Nähe meines bisherigen musikalischen Umfelds. Ich rief Altenheime an, Wohlfahrtsorganisationen und Frauenkreise. Es kam manches Einzelne zustande. Darüber genau zu berichten, ist nicht unbedingt nötig. Ich kann daraus aber den Schluss ziehen, dass ich eine Unmenge an musikalischen Erfahrungen sammeln konnte. Sowohl was die Lied, Musikstück- und Moderationsauswahl betrifft, als auch, wie mir selbst das jeweilige Publikum behagte. Inzwischen hatte ich mir eine bessere musikalische Ausstattung zugelegt: Es wurden drei Akkordeon-Instrumente (klein, mittel, groß). Ich legte mir einen, so wie ich es nenne, Notenkoffer zu: Das war eine Art Koffer, wie es Pilotenkoffer genannt wird mit einer Einteilung, die mir sehr gelegen kam. Ein nicht so ganz üblicher Notenständer (in Rot, etwas stabiler als mein einfacher bisher) war auch nötig. Der wichtigste Bestandteil für mich aber wurde ein „Akkordeonwagen“, den ich in einem großen Musikgeschäft erst bestellen und lange auf die Auslieferung warten musste. Da ich ständig mit dem Zug und noch, wenn nötig, per U-Bahn unterwegs war, war das sehr praktisch. Ich musste mein Instrument nicht schleppen (es ging immer sehr ins Gewicht, denn nur mein Mittleres oder Großes nahm ich für Auftritte). Obenauf, auf dem Wagen, war nicht selten der Notenkoffer oder eine etwas kleinere Notentasche und eine Handtasche für persönliche Dinge musste ich des öfteren über meiner Schulter hängend auch mitnehmen.
 
Mit der Zeit hatte ich diese Vagabundiererei satt. Es ergab sich, dass in meiner jetzigen Heimatstadt ein altes Feuerwehr-Gebäude umgebaut wurde zu einer Begegnungsstätte für Senioren, wie ich in der Zeitung las und dass die spätere Eröffnung nicht allzu weit sei. Das alles geschah unter der Obhut einer hier ansässigen Wohlfahrtsorganisation.
 
Ich rief bei dieser Organisation an und wurde eingeladen, gleich nach der Eröffnung zu einem Kaffeenachmittag zu kommen und bitte auch mein musikalisches Können unter Beweis zu stellen. Da gibt es für mich noch eine sehr deutliche Erinnerung: Die damalige Vorsitzende dort war auch Mitglied des Stadtrates und sehr kritisch. Das war für mich nicht leicht, Lampenfieber hatte ich natürlich auch. Aber kurz nach dem Beginn meines Musizierens ging es mir wie immer, alles Lampenfieber war weg und wir sangen alle miteinander – es gab sogar nach einiger Zeit ein Schunkeln zu einem schwungvollen Walzer. Leider weiß ich nicht mehr, welcher das war, vielleicht aber „Schön ist die Liebe im Hafen“.
 
Bei der nachfolgenden allgemeinen Kaffee-Plauderei kamen wir uns alle, sämtlich Frauen, gleich näher. Die Vorsitzende erzählte mir lächelnd von ihren musikalischen Vorlieben (barocke Musik, da konnte ich nicht so mitreden!). Auf meine Erzählung hin musste sie herzhaft lachen – denn ich schilderte ihr, in welch musikalischem Durcheinander ich oftmals übe zuhause. Ich sagte, wenn wir vergessen würden, ein Fenster zu schließen und wenn da jemand außen vorbeiginge, er müsste sich denken: „Da sind lauter Chaotische innen, so wie das klingt“. Man muss sich vorstellen: Ich übte damals Akkordeon mit und ohne Gesang und mein Sohn stand noch am Anfang, das Geigenspielen zu lernen und übte mit Begeisterung „kratzenderweise“ leise und laute tiefe und hohe Violintöne – alles miteinander klang wirklich zum Schaudern! Aber wir übten einzeln in entfernten Zimmern, Gott sei Dank störte uns selbst das nicht im Mindesten und bis zu unseren Nachbarn klang es auch nicht, wir haben dicke Zwischenmauern.
 
Jedenfalls, ich bekam weitere Engagements bei dieser Wohlfahrtsorganisation. Das waren erst kleinere musikalische Aufgaben bei deren einzelnen Veranstaltungen. Aber ich stand namentlich schon mit in der Ankündigung im Vereinskalender in meiner Heimatstadt-Zeitung und war damals mächtig stolz darauf.
 
Mit der Zeit bekam ich dort für über 5 Jahre zusätzlich eine jährliche musikalische Aufgabe, die mich riesig freute, mich sehr viel weiterbrachte, und mich ungeheuer in meinem Können wachsen ließ:
 
Es gab gegen die Adventszeit ein festliches Konzert, durchsetzt mit Beiträgen eines Mannes auf mundartliche, fränkische Art in humorvoller und ernster Weise bei Gedichten und Geschichten. Er rezitierte gekonnt und ging mit dem Publikum sehr vertraut um, kam er doch aus ihren Reihen. Das war für mich eine große Hilfe und Freude, mit ihm zusammenzuarbeiten.
 
Und das Konzert selbst konnte ich bestimmen, ich konnte ebenso (das ist äußerst ungewöhnlich!) Kunstlieder mit Akkordeon und Gesang vorbringen (zum Beispiel „Die Forelle“ von Schubert), wie wunderschöne Volkslieder (das Lorelei-Lied: „Ich weiß nicht, was soll das bedeuten“) und Akkordeon-Stücke, sogar Filmmusik („Unter dem Sternenzelt“).
 
Das Bedeutendste dabei für mich war: Ich durfte die musikalische Zwischenmoderation durch die Vorsitzende dort  - inzwischen war es eine andere, auch Stadträdtin, die sehr herzlich zu mir war -  restlos selbst überlegen und schreiben. Sie übernahm meine Worte ohne Änderung. Es waren nicht nur Ankündigungen für die musikalischen Beiträge, sondern pro Stück drei oder vier oft längere Sätze, die nicht immer mit den Stücken direkt etwas zu tun hatten. Auf jeden Fall denke ich, hatten damals meine Worte dazu beigetragen, Liebe zur Musik zu erwecken oder zu verstärken.
 
Diese Ära für mich ging zu Ende, als ich, wie ich später von einem Orthopäden erfuhr, große Schwierigkeiten mit meinen Fingergelenken bekam. Er sagte mir, das hinge mit einer Altersumstellung zusammen, die es bei Frauen gebe und es müsse in meinem Fall nicht von Dauer sein.
 
Es hieß von heute auf morgen für mich: Fast kein Akkordeonspielen mehr – auf eine der großen Vorlieben meines Lebens verzichten, und zwar sofort! Mein Singen verging mir natürlich auch bald und das stürzte mich in eine längere Phase, die mit Depression noch zu wenig umschrieben ist – ich war fassungslos.
 
Gleich vorab: Es hat sich für mich vieles zum Guten gewendet, meine musikalische Geschichte beginnt von Neuem, ganz anders und überraschend positiv. Aber Geduld, ich will nichts vorwegnehmen!
 
 
Kapitel IV
 Es verging für mich eine längere Zeit ohne Musik – das war so umfassend, dass ich nicht nur auf das Musizieren völlig verzichtet habe, es fiel mir schwer, die Musik anderer auch nur anzuhören. Musik-Sendungen im Fernsehen (mag ich sowieso meist nur klassischer Art) wollte ich gar nicht mehr miterleben.
 
Natürlich kamen viele Krankheitssymptome dazu. Damals war ich fast ständig unterwegs von Arzt zu Facharzt und umgekehrt – sogar ein Augentumor war einige Zeit im Gespräch, von anderem ganz zu schweigen. Bis sich herausstellte: Es ist vor allem seelisch bedingt und dagegen ist nur etwas zu machen, wenn ich selbst wieder den Willen habe, aufwärts zu schauen.
 
Es kam für mich zunächst nur ein winziger Lichtblick, wenn man so will: Mein Sohn sorgte für einen Laptop (Das allerdings auch aus Gründen, die bei ihm lagen, damit ich schneller mit ihm kommunizieren konnte – er hat mich mit in das Geschehen seiner Firma einbezogen.). Und jetzt erwachte in mir ein alter Ehrgeiz: Ich musste mit dem PC besser zurechtkommen, konnte ich doch auf eine mehrere Jahre zurückliegende Ausbildung zurückgreifen, die damals sehr umfassend war. Damals wollte ich eigentlich in meinen Beruf zurück (Ich war bis zur Geburt meines Sohnes Sekretärin in einem Personalwesen gewesen, in einer Fachabteilung für Aus- und Fortbildung. Eine Erfahrung mit Menschen und auch mit Bildung, die mir noch heute zugute kommt.), entschied mich aber, in erster Linie für meinen Sohn da zu sein. Außerdem: Andere redeten oft für mich „Fachchinesisch“ im Computer-Bereich und ich stand da wie jemand völlig Dummes.
 
Ich investierte Stunden, Tage, Wochen am Computer und konnte durch meine Vorkenntnisse selbst auf einen wesentlich höheren Wissensstand kommen, den ich heute noch immer verbessere und der mir inzwischen ungeheuer viel bringt. Nicht nur im Tippen und Lesen, sondern mit und für die Menschen.
 
Um zur Musik zurückzukommen: Mir ging es viel besser und ich begann, meine neuen Kenntnisse für die Musik umzusetzen, und zwar erst einmal in Datei-Arbeiten, in verschiedene Speicherungen.
 
Und dann entwarf ich Musikprogramme, schön angeordnet auf einer Seite, druckte aus und freute mich riesig. Mit meinen inzwischen leider etwas verformten oberen Fingergelenken (Die Krankheit stoppte plötzlich und hörte auf, wie mir damals mein Orthopäde als Hoffnung vorausgesagt hatte.) wollte ich nicht mehr komplizierten Tasteneinsatz auf dem Pianoakkordeon. Was also tun mit meiner inzwischen trotzdem vorhandenen Musizierfreude?
 
Ich nahm mir das Telefonbuch, sah die Daten eines Altenheimes in meiner Heimatstadt, in dem ich vor Jahren des öfteren engagiert war. Nach meinem Anruf dort, ob überhaupt Interesse bestehe an Akkordeoneinsatz und Singen, ehrenamtlich und stundenmäßig je Einsatz begrenzt, hörte ich am anderen Ende fast ein Jauchzen: Dort gab es eine neue Arbeitskraft, eine Diplom-Sozialpädagogin, die einen Heimchor gründen wollte. Und so dauerte es nicht mehr lange, bis wir gemeinsam damit begannen und das noch heute jede Woche einmal durchführen.
 
Inzwischen ist für mich sehr viel dazugekommen. Neben völlig unterschiedlichen Dingen auf dem Gebiet der Musik, auch mit PC-Einsatz, auch anderes, das zu meiner Erzählung irgendwie dazugehört und ich werde noch darauf eingehen.
 
Es wird die Fortsetzung meiner Geschichte und ihr Ende sein, denn jetzt bin ich fast in der Gegenwart angelangt.
 
 
Es gibt inzwischen vielerlei Verschiedens auf musikalischen Gebieten, mit dem ich mich beschäfte. Ein Anfang war sicherlich meine Tätigkeit im Heimchor meines heimatlichen Altenheimes. Es dauerte nicht lange, und meine Arbeit dort weitete sich aus. Zunächst begann es damit, dass ich auch half, Liederhefte nach Themen zusammenzustellen, die von den Senioren besonders gefragt waren. Heute gibt es, wie in einer top-ten-Liste, auch folgende Themen:
 
Liederpotpourris in mehreren Bänden (meist Volkslieder, aber auch Evergreens),
Wanderlieder,
Lieder aus der Kindheit und Jugendzeit,
Abendlieder,
Lieder für das Frühjahr und die Weihnachtszeit,
Evergreens,
Operettenlieder,
Wiener Lieder.
 
Zur Zeit in Arbeit ist das nächste Evergreens-Heft (zum Beispiel mit „Liebe kleine Schaffnerin“, „In einer kleinen Konditorei).
 
Alles ist vorbereitet für eine leichte Handhabung durch ältere Menschen, sodass ein Heft zum Singen gerne in die Hand genommen wird.
 
Ich bin während meiner musikalischen Tätigkeiten viel herumgekommen und habe doch nie erlebt, dass derart liebevoll vorbereitet wird für den gemeinsamen Gesang.
 
Für mich begann schon wieder ein völlig neuer Abschnitt:
 
Durch meine inzwischen selbst erworbenen Fähigkeiten, besser mit dem Computer umzugehen, schrieb ich zunächst in einem allgemeinen Forum. Dann begann die Arbeit mit den Fachforen:
 
Musik, insbesondere Gesang (Diskussionen mit Sängerkollegen, Gesangspädagogen und Gesangsanfängern gehörten und gehören noch immer dazu),
 
Musiktherapie-Foren sind für mich sehr wichtig (Sonst wäre ich nicht auf das „top-ten“-Projekt gekommen!).
 
Meine neue große Begeisterung ist die Digitalfotografie (In einem größeren Fachforum stelle ich immer wieder einmal Bilder ein.).
 
Ein Wildtier-Forum, in dem sogar Liedtexte gefragt sind („Kommt ein Vogel geflogen“, „Wenn ich ein Vöglein wär“ samt einem Spatzen-Foto gehören dazu), ist eines meiner Favoriten.
 
Und, last, but not least, schreibe ich seit längerer Zeit in einem Handarbeits- und Bastelforum und habe dort sogar Musikerinnen getroffen.
 
 
Kapitel V