Es folgte für mich eine Zeit der musikalischen Neuorientierung als Akkordeonspielerin mit Gesang. Ich wurde in diesem Metier selbständiger und mutiger. Anhand des Telefonbuches und dem Vereinsanzeiger in meiner Zeitung begann ich, meine Dienste telefonisch anzubieten. Ich blieb dabei aber stets in der Nähe meines bisherigen musikalischen Umfelds. Ich rief Altenheime an, Wohlfahrtsorganisationen und Frauenkreise. Es kam manches Einzelne zustande. Darüber genau zu berichten, ist nicht unbedingt nötig. Ich kann daraus aber den Schluss ziehen, dass ich eine Unmenge an musikalischen Erfahrungen sammeln konnte. Sowohl was die Lied, Musikstück- und Moderationsauswahl betrifft, als auch, wie mir selbst das jeweilige Publikum behagte. Inzwischen hatte ich mir eine bessere musikalische Ausstattung zugelegt: Es wurden drei Akkordeon-Instrumente (klein, mittel, groß). Ich legte mir einen, so wie ich es nenne, Notenkoffer zu: Das war eine Art Koffer, wie es Pilotenkoffer genannt wird mit einer Einteilung, die mir sehr gelegen kam. Ein nicht so ganz üblicher Notenständer (in Rot, etwas stabiler als mein einfacher bisher) war auch nötig. Der wichtigste Bestandteil für mich aber wurde ein „Akkordeonwagen“, den ich in einem großen Musikgeschäft erst bestellen und lange auf die Auslieferung warten musste. Da ich ständig mit dem Zug und noch, wenn nötig, per U-Bahn unterwegs war, war das sehr praktisch. Ich musste mein Instrument nicht schleppen (es ging immer sehr ins Gewicht, denn nur mein Mittleres oder Großes nahm ich für Auftritte). Obenauf, auf dem Wagen, war nicht selten der Notenkoffer oder eine etwas kleinere Notentasche und eine Handtasche für persönliche Dinge musste ich des öfteren über meiner Schulter hängend auch mitnehmen.
Mit der Zeit hatte ich diese Vagabundiererei satt. Es ergab sich, dass in meiner jetzigen Heimatstadt ein altes Feuerwehr-Gebäude umgebaut wurde zu einer Begegnungsstätte für Senioren, wie ich in der Zeitung las und dass die spätere Eröffnung nicht allzu weit sei. Das alles geschah unter der Obhut einer hier ansässigen Wohlfahrtsorganisation.
Ich rief bei dieser Organisation an und wurde eingeladen, gleich nach der Eröffnung zu einem Kaffeenachmittag zu kommen und bitte auch mein musikalisches Können unter Beweis zu stellen. Da gibt es für mich noch eine sehr deutliche Erinnerung: Die damalige Vorsitzende dort war auch Mitglied des Stadtrates und sehr kritisch. Das war für mich nicht leicht, Lampenfieber hatte ich natürlich auch. Aber kurz nach dem Beginn meines Musizierens ging es mir wie immer, alles Lampenfieber war weg und wir sangen alle miteinander – es gab sogar nach einiger Zeit ein Schunkeln zu einem schwungvollen Walzer. Leider weiß ich nicht mehr, welcher das war, vielleicht aber „Schön ist die Liebe im Hafen“.
Bei der nachfolgenden allgemeinen Kaffee-Plauderei kamen wir uns alle, sämtlich Frauen, gleich näher. Die Vorsitzende erzählte mir lächelnd von ihren musikalischen Vorlieben (barocke Musik, da konnte ich nicht so mitreden!). Auf meine Erzählung hin musste sie herzhaft lachen – denn ich schilderte ihr, in welch musikalischem Durcheinander ich oftmals übe zuhause. Ich sagte, wenn wir vergessen würden, ein Fenster zu schließen und wenn da jemand außen vorbeiginge, er müsste sich denken: „Da sind lauter Chaotische innen, so wie das klingt“. Man muss sich vorstellen: Ich übte damals Akkordeon mit und ohne Gesang und mein Sohn stand noch am Anfang, das Geigenspielen zu lernen und übte mit Begeisterung „kratzenderweise“ leise und laute tiefe und hohe Violintöne – alles miteinander klang wirklich zum Schaudern! Aber wir übten einzeln in entfernten Zimmern, Gott sei Dank störte uns selbst das nicht im Mindesten und bis zu unseren Nachbarn klang es auch nicht, wir haben dicke Zwischenmauern.
Jedenfalls, ich bekam weitere Engagements bei dieser Wohlfahrtsorganisation. Das waren erst kleinere musikalische Aufgaben bei deren einzelnen Veranstaltungen. Aber ich stand namentlich schon mit in der Ankündigung im Vereinskalender in meiner Heimatstadt-Zeitung und war damals mächtig stolz darauf.
Mit der Zeit bekam ich dort für über 5 Jahre zusätzlich eine jährliche musikalische Aufgabe, die mich riesig freute, mich sehr viel weiterbrachte, und mich ungeheuer in meinem Können wachsen ließ:
Es gab gegen die Adventszeit ein festliches Konzert, durchsetzt mit Beiträgen eines Mannes auf mundartliche, fränkische Art in humorvoller und ernster Weise bei Gedichten und Geschichten. Er rezitierte gekonnt und ging mit dem Publikum sehr vertraut um, kam er doch aus ihren Reihen. Das war für mich eine große Hilfe und Freude, mit ihm zusammenzuarbeiten.
Und das Konzert selbst konnte ich bestimmen, ich konnte ebenso (das ist äußerst ungewöhnlich!) Kunstlieder mit Akkordeon und Gesang vorbringen (zum Beispiel „Die Forelle“ von Schubert), wie wunderschöne Volkslieder (das Lorelei-Lied: „Ich weiß nicht, was soll das bedeuten“) und Akkordeon-Stücke, sogar Filmmusik („Unter dem Sternenzelt“).
Das Bedeutendste dabei für mich war: Ich durfte die musikalische Zwischenmoderation durch die Vorsitzende dort - inzwischen war es eine andere, auch Stadträdtin, die sehr herzlich zu mir war - restlos selbst überlegen und schreiben. Sie übernahm meine Worte ohne Änderung. Es waren nicht nur Ankündigungen für die musikalischen Beiträge, sondern pro Stück drei oder vier oft längere Sätze, die nicht immer mit den Stücken direkt etwas zu tun hatten. Auf jeden Fall denke ich, hatten damals meine Worte dazu beigetragen, Liebe zur Musik zu erwecken oder zu verstärken.
Diese Ära für mich ging zu Ende, als ich, wie ich später von einem Orthopäden erfuhr, große Schwierigkeiten mit meinen Fingergelenken bekam. Er sagte mir, das hinge mit einer Altersumstellung zusammen, die es bei Frauen gebe und es müsse in meinem Fall nicht von Dauer sein.
Es hieß von heute auf morgen für mich: Fast kein Akkordeonspielen mehr – auf eine der großen Vorlieben meines Lebens verzichten, und zwar sofort! Mein Singen verging mir natürlich auch bald und das stürzte mich in eine längere Phase, die mit Depression noch zu wenig umschrieben ist – ich war fassungslos.
Gleich vorab: Es hat sich für mich vieles zum Guten gewendet, meine musikalische Geschichte beginnt von Neuem, ganz anders und überraschend positiv. Aber Geduld, ich will nichts vorwegnehmen!