Sehr verehrter Herr Professor Aldridge,
Woran erkenne ich ein Lieblingslied?
Ich singe (sang), summe, pfeife es vor mich hin,
ich kann (konnte) es nicht oft genug hören,
hören und singen weckt(e) in mir heftige Gefühle, Hingabe, Begeisterung, Glück, Wehmut
Durch solche Wertungsgesichtspunkte ausgezeichnete Lieder rief ich mir in Erinnerung.
Dabei hielt ich erschrocken inne.
Ich bin Jahrgang 1934.
Als Zehnjähriger kam ich selbstverständlich zum Jungvolk, wurde Pimpf, bekam Uniform, Braunhemd, Schulterriemen.
Noch habe ich das Lokal vor Augen, in das mich meine Mutter zur Anmeldung begleitete.
Das erschien mir als Widerspruch. Denn meine Eltern waren ernsthafte Katholiken.
Bei der Entnazifizierung hatte mein Vater einen weißen Fragebogen; er gehörte keiner NS Gliederung an.
Als Ingenieur konstruierte er in der Firma Hirth Flugzeugmotoren.
Wir gingen jeden Sonntag zur Messe, ich war Ministrant.
Und begeisterte mich für "Führer, Volk und Vaterland" - jene Dreiheit, die in den meisten Todesanzeigen für gefallene Soldaten erschien.
Für uns war sie blutvoll erlebter Alltag.
Nach 1945 verkehrten sich viele Gefühle in Haß und Abscheu. Später wurde ich bekennender Anhänger von Sir Karl R. Popper.
Diesen zwiespältigen Hintergrund. muß muß ich Ihnen ausmalen, denn in Lieblingsliedern spiegelt sich der Ablauf meines Lebens und damit die Weltgeschichte, in der ich gelebt habe.
Wenn ich ehrlich sein soll, dann muß ich Lieder in meine Sammlung von Lieblingsliedern aufnehmen,
zu denen man sich öffentlich besser nicht bekennt, gleichgültig, welch überzeugter Demokrat man heute ist;
sie erregen aufrichtig Gutmeinende, Heuchler, Böswillige und solche, die von ihrer Verstrickung in die andere Diktatur auf deutschem Boden ablenken wollen ("haltet den Dieb!"). Ich bin nicht Herr Grass oder Jens, sondern unbedeutend. Wer bekannt ist und bekennt, wird von seiner Umwelt dazu genötigt, daß er seine Reue und Buße öffentlich macht. Die Beichte ist mir als Katholiken wohl vertraut. Aber es widert mich an, wenn Unwürdige mich dazu zwingen wollen, daß ich sie vor ihnen ablege.
Ich stelle mir vor: Was könnte - würde - geschehen, wenn in einer wissenschafllichen Arbeit Lieder auftauchen würden wie:
"Ein junges Volk steht auf, zum Sturm bereit ..." das Lied des Jungvolks, das ich, in Reih und Glied stehend, in solcher Leidenschaft mit sang, daß ich heute noch eine Gänsehaut bekomme, wenn ich mich in die Lage von damals versetze (ich denke an die Deutung der Gänsehaut durch Konrad Lorenz).
Heute noch kann ich die erste Strophe Wort für Wort auswendig.
Wie viel zur Hingabe bereite Liebe erfüllte das Herz beim Lied der Deutschen: "Deutschland, Deutschland über alles ..."
Wir waren bereit zum Heldentod, so unvorstellbar für Elfjährige das heute klingen mag. Langemarck leuchtete uns voran.
Die Entrüstung derer, die sich empören wollen, würde auch nicht dadurch gedämpft, daß es gleichzeitig einen zweiten Schauplatz gab, den katholischen, auf dem Lieblingslieder erscheinen wie "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren".
Wenn ich in der archäologischen Schicht meiner zehn Jahre (1944) weiter suche, dann grabe ich Lieder aus, die aus heutiger Sicht scheinbar zwischen diesen beiden Schauplätzen erschallen wie: "Ich hatt einen Kameraden". Viel später erst erfuhr ich, daß Uhland damit seiner revolutionären Gesinnungsfreunde gedachte, die auf den Barrikaden des Jahres 1848 gefallen waren. Er nannte sie ausdrücklich, als er einen Orden dankend zurück wies, den ihm Bismarck verleihen wollte.
Damals aber gehörte das Lied zu den düster-weihevollen Feiern am Heldengedenktag im November mit Aufmarsch, Fahnen, Trompeten und Flammen, die aus Schalen am Ehrenmal aufstiegen. Das Heldische drückte sich im Blutopfer aus, die Nibelungen waren Vorbild für uns Germanen