Es kam nach meinem kurzzeitigen Gesangsunterricht mit 15 Jahren eine längere Familienpause, in der ich meinen Sohn großgezogen habe. Als ich Ende 30 war und wieder einmal ein wenig mehr Zeit für eines meiner größten Hobbys, die Musik, aufwenden wollte, wandte ich mich an meine zuständige evangelische Gemeinde. Nach einer längeren Anlaufzeit kam tatsächlich etwas zustande – Akkordeonmusik und Gesang an einem Seniorennachmittag.
Und dann begann meine Tätigkeit dort, weit über zehn Jahre lang, und es wurden für mich viele Freundschaften damit gegründet. Sie würden sicherlich noch immer andauern, wenn nicht inzwischen leider viele der schon damals älteren Herrschaften verstorben wären.
Es ergab sich für mich eine musikalische Richtung, die aus meinen bisherigen top ten nahezu andere top ten machten. Denn dort waren Volkslieder mehr gefragt und vor allem sehr schöne geistliche Lieder, die aber oft auch volksliedartig gefärbt waren.
Ich erlebte im Lauf der vielen Jahre für mich völlig Neues mit: Da gab es wunderschöne Bastel-Gegenstände (auch, um ein Beispiel zu nennen, einen Herbstkranz aus kleinen Stoffquadraten, mit Stecknadeln auf einen Styropor-Untergrund gesteckt in den Farben Hell- bis Dunkelbraun, durchsetzt mit Dunkelorange und Rost).
Es gab, wie es oft üblich ist, Gedächtnis-Wortspiele, Geschichten-Vorlesen, Gedichte vortragen, Erlebnisberichte von Reisen. Es wurden Referenten von außen geholt mit für mich auch sehr interessanten Themen ganz verschiedener Art. Da war auch einmal eine Flughafen-Besichtigung mit dem Omnibus.
Ein besonderes musikalisches Erlebnis sind die Sitztänze gewesen für die Menschen, die sich nur noch begrenzt bewegen konnten. Natürlich mit musikalischer Begleitung, diesmal aber nicht durch mich, sondern vom Band.
Am schönsten fand ich aber die Feste je nach Jahreszeit. Das erste größere Fest war das Frühlingsfest: Erst ein kleiner Busausflug, er ging in eine Gaststätte mit größerem Haupt-, nicht Nebenraum: Kaffeetrinken, Kaffee-Musik von mir mit dem Akkordeon, dann ein glanzvolles Programm.
Natürlich wieder einmal Sitztänze, auch sehr schnell, wo man absichtlich durcheinander kam mit dem Einsatz von Armen oder Fußspitzen. Bayerisch gesagt ein „Kuddelmuddel“, ein Durcheinander mit großem Gelächter.
Auch dazwischen eine Polonaise gemütlicher Art mit musikalischer Begleitung vom Band. Das waren meist top ten auch aus den Volksliedern entliehen („Lasst doch der Jugend ihren Lauf“ zum Beispiel). Die Senioren zogen dabei paarweise durch die Tisch- und Stuhlreihen des Lokals mit viel Lachen.
Der Höhepunkt war eine Frühlings-Tombola mit das ganze Jahr über gebastelten oder handgearbeiteten und zugekauften Gegenständen. Das ging von einer kleinen Vase über Babysöckchen für die Enkelkinder bis hin zum Kaffee in der Packung oder Bonbons und so weiter.
Dazwischen war immer einmal ein Block mit einer Solo-Einlage von mir. Interessant dabei: Im Lauf der Jahre änderte sich die gewünschte Hit-Liste von Operetten-Liedern wieder hin zu den Volksliedern. Alte Schlager waren damals nur als Untermalungsmusik zu Gesprächen gefragt („Junge komm bald wieder“, „In einer kleinen Konditorei, da saßen wir zwei bei Kuchen und Tee“).
Später dann war Musik-Ende, Abendessen und Heimfahrt.
Danach gab es das Sommerfest – es war ein Riesenspaß. Die beiden Leiterinnen des Seniorenkreises hatten meist einen Sketch einstudiert und verkleideten sich passend. Es war zum Kaputtlachen, wie die eine oft den Mann spielte oder auch eine andere Frau auf kumpelhafte Art. Die andere, sie war eine piekfeine Dame, gab oft pikiert Antwort. Alle amüsierten sich köstlich und ich habe musikalisch mit meinem Instrument und Gesang aufgelockert. Außerdem sangen wir, wie eigentlich immer, gemeinsam zu meiner musikalischen Begleitung. Am liebsten fast jedes Jahr das Lied „Geh aus mein Herz, und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit an deines Gottes Gaben“. Es gehört noch heute zu meinen top ten – ich finde die Melodie wunderschön.
Der Herbst begann oft schon mit Besinnlichem, mit Basteln, mit Vorlesen und dezenter Musik. Darin war unbestritten der Hit „Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder, und der Herbst beginnt“, wofür ich mich noch heute begeistern kann.
Das Top-Fest war der weihnachtliche Nachmittag, der aus Termingründen stets schon Mitte Dezember stattfinden musste. Es waren viele Gäste da: Eine Seniorentanzgruppe, die Super-Vorführungen brachte mit extra einstudierten Tänzen und einer Leiterin, die wirklich ihr Handwerk verstand.
Dann gab es außerdem kleine Gäste: Eine Kindergruppe mit einer großen Begleiterin, oftmals spielte sie Gitarre zu sehr hübschen Kinderliedern, die wir aus den kleinen, frischen Kehlen hörten – es waren Vorträge, die die Herzen erfreuten. Wie gerne hören Senioren da die Kinderlieder von Weihnachten her! Es kam auch „Morgen, Kinder, wird’s was geben, morgen werden wir uns freu’n“ und es gab völlig unbekannte Lieder von den Kleinen.
Meist war der zuständige Pfarrer da (Er tat das übrigens auch unter dem Jahr immer wieder einmal und kam gerne, um zumindest Guten Tag zu sagen, auch wenn er Terminenge hatte.). Es kam auch vor, dass der Pfarrer seine Gitarre dabei hatte und wir alle miteinander zu seiner Gitarrenbegleitung ein Weihnachtslied sangen (der Hit: „Tochter Zion“).
So war unser Jahreslauf. Zu all den vergnüglich klingenden Erzählungen ein kleiner Wermutstropfen: Natürlich waren damals auch Menschen dabei, bei denen sich Demenz ankündigte (Nicht viel später traf ich in einem Altenheim eine Seniorin von damals, die zu mir sogar noch von ihrer Krankheit sprach, bevor sie das aus Krankheitsgründen leider nicht mehr konnte.) Besonders machte sich das auch bei den Tanzschritten bemerkbar, als in „meinem“ Seniorenkreis eine Dame ständig die Tänze durcheinanderbrachte und viele aus ihrem Programm warf – das war etwas sehr Trauriges.
Umso mehr freue ich mich heute darüber, mitgeholfen zu haben, Fröhlichkeit durch Musik zu vermitteln und bei Besinnlichem ebenso durch Musik beigetragen zu haben – das hilft mir in Gedanken über das Traurige von damals hinweg.
Meine Tätigkeit für diese Menschen würde ich sicherlich noch fortgesetzt haben. Aber als die Leiterin verstarb, die die größte Antriebsfeder für alle war, wurde leider der Kreis immer kleiner und mit Nachwuchs hapert es, das ist sehr schade. Deshalb bin ich dann auf andere Weise musikalisch tätig geworden, was ich gerne noch erzählen werde.