Unterwegs im Norden Frankreichs

Imposante Wehrkirchen und eindrucksvolle Kathedralen, verfallene Klöster, alte Burgen und prächtige Schlösser, das tosende Meer und vor allem ganz viel Landschaft lagen entlang der Routen, auf denen wir die Picardie erkundeten. Der Norden Frankreichs ist ein echter Geheimtipp für Motorradfahrer. Auf kleinen, kurvenreichen Straßen waren wir oft stundenlang  ganz allein unterwegs.

| Dienstag, 1.5.2007

Unterkunft bei Ludwig XV.

Schon unsere Unterkunft war ungewöhnlich: Unsere Zimmer waren in den ehemaligen Reitställen des alten Schlosses von Bernouville untergebracht. Das gehörte um 1748 dem Marshall von Ludwig dem XV. Vor ein paar Jahren wurde der gesamte Gebäudekomplex zu einem stilvollen Hotel umgebaut. Und das nahmen wir komplett in Beschlag, brauchten wir doch 16 Zimmer - mehr gab es auch nicht.

Nach und nach trafen die Teilnehmer in dem kleinen 297 Seelen zählenden Dorf Aisonville-et-Bernoville ein. Die „Rösser“ wurden im Innenhof geparkt, dann lud ein kühles Bier auf der sonnendurchfluteten Terrasse zur Entspannung ein. Schon gegen 17 Uhr waren alle Teilnehmer da und harrten gespannt der Dinge, die da kommen sollten.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde wartete ein leckeres Abendessen auf uns und dann eine ruhige Nacht: Außer dem Rauschen des Windes in den Baumwipfeln, dem Zwitschern der Vögel und dem Krähen eines Hahns am frühen Morgen war nichts zu hören. Dass die Picardie eine sehr ländlich geprägte Region ist, sollte sich nicht nur daran zeigen.


| Mittwoch, 2.5.2007

Kirchen zur Verteidigung

Das erste Frühstück war ein französisches: Baguette, Croissant, Marmelade, frisch gepresster Orangensaft und ein großer Bol mit dampfenden Kaffee - nach dem opulenten Abendessen sicher mehr als genug.

Punkt 9 Uhr starteten wir zur ersten Tour. Die Thierache war das Ziel, ein kleiner Landstrich nahe der Grenze zu Belgien, der einst immer wieder von marodisierenden Söldner überfallen wurde. Um sich zu schützen, bauten die Bewohner Wehrtürme an ihre Kirchen, in die sie sich zurückziehen konnten, wenn sich ausgehungerte und zu Allem entschlossene Soldaten dem Dorf nähern sollten.

Fürs gemeinsame Mittagessen hatten wir in einer kleinen Ferme auberge Tische reserviert. Während wir aufs frisch zubereitete Essen warteten, warf Werner einen kenntnisreichen Blick ins Weinregal des Hausherrn. Ein 78er Pomerol weckte sein Interesse. Den hütete der Maitre allerdings wie seinen Augapfel. Kein Wunder, stand das Fläschchen doch mit 1550 Euro in der Karte - Wahnsinn!

Einen kurzen Fotostopp legten wir wenig später an den imposanten Ruinen der Abteikirche von Vauclair ein. 1134 vom Heiligen Bernhard gegründet, blieb die Kirche zisterziensischen Ursprungs bis zum Jahr 1914 unbeschädigt. Dann begann der Verfall. Heute stehen noch die Grundmauern und einige gewaltige Säulen.

Für die Kaffeepause am Nachmittag fuhren wir nach Laon. Die Stadt steht hoch oben auf einem Bergkegel und wird von einer sehenswerten Kathedrale gekrönt. Mit dem Bau des Gotteshauses war um das Jahr 1155 begonnen worden, nachdem der Vorgängerbau im Jahr 1112 beschädigt worden war. Nach einem kurzen Bummel durch die engen Gassen der Altstadt ging es zurück ins Hotel, wo wieder ein mehrgängiges Abendessen auf uns wartete.


| Donnerstag, 3.5.2007

Einmal bis ans Meer fahren

Die so genannte Opalküste begrenzt die Picardie im Westen. Das Meer ist ein beliebtes Ausflugsziel der Franzosen, die hier im Sommer gern ihre Ferien verbringen. Auch wir wollten einen Abstecher an den „Ärmelkanal“ unternehmen, der wenige Kilometer später in den Atlantik mündet.

Gegen Mittag hatten wir unser Ziel erreicht. Zunächst durch das malerische St-Valery-sur-Somme fahrend, legten wir am „Cap Horny“ einen ersten Fotostopp ein. Die Mittagsrast erfolgte - mit Blick aufs Meer - in Cayeux-sur-Mer. Thomas hatte ein kleines Lokal gefunden, das frische Muscheln auf der Speisekarte offerierte. Nach einer ausgiebigen Rast unternahmen wir noch einen kurzen Spaziergang am Strand, der hier ganz kiesig ist. Weiter im Norden - bei Berg und Le Touquet - finden sich hingegen ausgedehnte Sandstrände.

Auf dem Weg zurück ins Hotel unternahmen wir noch einen Abstecher zur Burg von Rambures. Das imposante Bauwerk gilt als das beste Beispiel für die „neue Militärarchitektur“ Frankreichs - und ist die erste Burg aus Ziegel und Stein des Nachbarlandes. Die Mauern sind bis zu 6 Meter dick und leicht gerundet, um dem Artillerie-Feuer des Gegners besser widerstehen zu können.

1412 hatte David de Rambures, ein großer Meister unter den Armbrustschützen Frankreichs, entschieden, die Burg von Rambures zu bauen. Drei Jahre später starb er im Kampf bei Azincourt. Shakespeares verarbeitet die verlorene Schlacht der Franzosen gegen die Engländer in seinem Drama „Heinrich V“, in dem auch jener Lord Rambures erwähnt wird.


| Freitag, 4.5.2007

Schlösser, Burgen und Champagner

Zahlreiche Schlösser und Burgen - zum Teil als Ruine oder auch gut erhalten - finden sich im Süden der Picardie. Die wollten wir am dritten Tag unserer Reise durch den unbekannten Norden Frankreichs erkunden.

Zunächst steuerten wir Coucy-le-Chateau an. Der ganze Ort war eine gewaltige Festung von gut 14 Hektar Fläche. Umschlossen wurde das Areal von einem insgesamt 2,4 Kilometer langen Mauerring, der von insgesamt 30 Türmen umgeben wurde. Rund 700 Jahre lang, bis zum Anfang des vergangenen Jahrhunderts, galt die Burg als uneinnehmbar. Die imposante Ruine kann heute gegen Eintritt besichtigt werden. Aber auch der Weg um die Burg herum bietet eindrucksvolle Eindrücke - und kostet außer ein wenig Schweiß nur eine halbe Stunde Zeit.

Gegen Mittag hatten wir Chateau-Tierrry, ganz im Süden und an der Somme gelegen, erreicht. Nach einem kleinen Imbiss in einer netten Brasserie führte uns der Weg zurück ins Hotel durch die weitgehend unbekannten Weinanbaugebiete der Picardie. Dem geschickten Schachzug eines Bürgermeisters ist es zu verdankten, dass hier seit gut 100 Jahren Champagner hergestellt werden kann, obwohl die „Champagne“ selbst weiter östlich liegt.

Am Nachmittag wollten wir noch einen Abstecher zum Bergfried von Vez unternehmen. Jean d´Árc soll sich hier gleich zweimal aufgehalten haben. Doch das Tor zum Anwesen mit seinen historischen Gärten und dem mittelalterlichen Bergfried war verschlossen. So blieb nur die Möglichkeit, ein paar Fotos über die mächtigen Burgmauern hinweg zu machen.

Lohnender war wenig später der Fotostopp am Schloss von Pierefonds, das mit seinen vielen Türmchen ein wenig an Disney-world erinnerte. Das Schloss wurde Ende des 14. Jahrhunderts erbaut und im 17. Jahrhundert abgerissen. Später wurde es für Napoléon den III. originalgetreu wieder aufgebaut. Der und Kaiserin Eugénie wohnten hier allerdings nie.

Am Abend saßen wir dann wieder lange in einem der historischen Reitställe zusammen, die zum Restaurant des Hotels umgebaut worden war, und ließen uns von der guten Küche verwöhnen. Schade, dass sich die Reise durch die Picardie so langsam ihrem Ende zuneigte.


| Samstag, 5.5.2007

Zur Kathedrale von Amiens

Die letzte Tour führte uns nach Amiens, der Hauptstadt der Picardie. Dort wollten wir einen Blick auf die Kathedrale werfen, die aufgrund ihrer Größe einen Vergleich mit der Kirche Notre Dame in Paris nicht scheuen muss.

Gut 100 Kilometer Wegstrecke lagen vor uns, was auf den kleinen kurvenreichen Straßen der Picardie mehr als zwei Stunden Fahrzeit bedeuten würde. Die obligatorische Kaffeepause am Vormittag legten wir an der Burgruine von Ham ein. Einst als Staatsgefägnis genutzt, waren hier der Seeräuber Cassard, Mirabeau und Prinz Ludwig Napoléon Bonaparte (der künftige Napoleon der III.) inhaftiert. Heute erinnern nur noch ein paar kärgliche Mauerreste an die Historie.

Gegen Mittag erreichten wir Amiens und fanden direkt an der Kathedrale einen Parkplatz. Dort wachte der Heilige Sankt Martin, auf einem mächtige Sockel stehend, über unsere Maschinen. Ein römischer Soldat soll es gewesen sein, der in Amiens einst seinen Mantel mit einem Bettler teilte und nach seinem Tod heilig gesprochen wurde.

Die imposante Kathedrale von Amiens wurde 1137 errichtet, brannte aber ab und musste neu errichtet werden. Dank der aufstrebenden Textilindustrie ist dafür ausreichend Geld vorhanden. Die Färber begründen ihrem Reichtum durch die Waide, einer örtlichen Pflanze, aus der das „Amiener Blau“ gewonnen wird - eine für die Färberei von Stoffen sehr ausgesuchte Farbe. 

Nach einem ausgiebigen Bummel durch das imposante Gotteshaus, das 1220 an der Kreuzung der Pilgerwege von Canterburry, Köln, Aachen, Santiago de Compostella, Rom und Jerusalem errichtet wurde, nutzen wir die Gelegenheit zu einer kleinen Mittagsrast.

Hartmut hoffte, dass die Zeit ausreichen würde, um die neue Batterie seines Motorrades ausreichend aufzuladen. Nach einer Pause während der Anfahrt war seine Triumph nicht mehr angesprungen. Die glücklicherweise schnell gefundene Werkstatt diagnostizierte einen defekten Regler und  baute auch gleich eine neue Batterie ein - vergeblich wie sich herausstellte: der Bordstrom reichte gerade nur für die Rückfahrt zum Hotel.

Also kam die defekte Triumph am Abend in den Begleitbus und Hartmut für die Heimreise das Ersatzmotorrad. Wieder einmal hatte sich der hohe logistische Aufwand bewährt, den wir bei unseren Touren betreiben. 


| Sonntag, 6.5.2007

Und das war es schon wieder

Ein letztes ausgiebiges Frühstück: frische Baguettes, leckere Croissants, Käse, Wurst, Salami - es gab alles, was das Herz begehrt. Solchermaßen gestärkt traten wir die Heimreise an; in kleinen Grüppchen oder auch allein. Für viele war der Abschied nur ein kurzer, würden wir uns doch auf der Drei-Länder-Tour, in Irland, der Schweiz oder bei der Herbsttour im Apennin wiedersehen.

Da Hartmut mehr oder weniger nahe an der Rückreiseroute lag, bekam er sein Motorrad nach Hause gefahren und konnte so die Reparatur in der heimischen Werkstatt schnell in Auftrag geben.

Wir verbinden mit der Reise in die Picardie viele schöne Erinnerungen und werden in einigen Jahren sicher gerne wiederkommen.

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