Ein kurvenreiches Wochenende
Ein kurvenreiches Wochenende
Irgendwie scheint es sich der Klimawandel anders überlegt zu haben. Nachdem Deutschland wochenlang unter einer Hitzewelle stöhnte - und jeder schon Afrika in Europa wähnte - kippte das Wetter ausgerechnet zum verlängerten Wochenende: ergiebiger Regen und ein deutlicher Temperaturrückgang waren prognostiziert. Doch es sollte - wieder mal - ganz anders kommen.
| Donnerstag, 17.5.2007
Anfahrt im Regen
Nein, schön war das Wetter an Christi Himmelfahrt wahrlich nicht. Es regnete ununterbrochen und kalt war´s auch. Insofern sollte der Wetterbericht schon recht behalten. Die meisten entschlossen sich über die Autobahn anzureisen. Fünf Stunden Fahrt ab Frankfurt mit zwei kleinen Pausen - dann wären wir so gegen 15 Uhr im Hotel. Sedan war das Ziel, die alte Festungsstadt im Norden Frankreichs.
Hinter Kaiserslautern wurde der Regen wärmer und ab Saarbrücken kam gelegentlich sogar die Sonne raus. Sollten wir wieder einmal Glück haben? In Frankreich waren die Straßen trocken, so dass wir das Hotel, unterhalb der mächtigen Festungsmauern, pünktlich erreichen konnten.
Nach und nach trudelten auch die Teilnehmer ein. 26 Motorradfahrer hatten sich für diese abwechslungsreiche Tour angemeldet - deutlich mehr, als wir erwartet hatten. Mit den fünf Sozias und drei Tourguides zählte unsere Gruppe insgesamt 34 Personen - eine stolze Zahl.
Mit allen, die bis 16 Uhr im Hotel waren, unternahmen wir am Nachmittag noch eine erste kleine Runde. Drei Gruppen machten sich auf den gut 100 Kilometer langen Weg, der uns in den Nordwesten der Region „Champagne & Ardennen“ führte. Die kleinen, kurvenreichen Straßen machten deutlich, was uns in den nächsten Tagen erwarten würde: viel Fahrspaß.
Nach einem opulenten Abendessen stellte sich die Frage: wie würde das Wetter morgen? Die Vorhersage war nicht schlecht, so dass wir an der Hotelbar eifrig Pläne für den nächsten Tag schmiedeten.
| Freitag, 18.5.2007
Zwischen Semois und Maas
In den Norden, das Grenzgebiet zwischen Frankreich und Belgien, sollte es gehen. Hier sind die Ardennen nicht ganz so schroff wie rund um das Hohe Venn. Schnell waren die Gruppen eingeteilt und schon ging es los - bis zum ersten Feldweg. Irgendwie war das Navi am Lenker der Meinung, dass die einprogrammierte Route unbedingt über einen schmalen, unbefestigten Pfad gleich hinter dem Hotel führen müsse. Der sah verlockend aber auch reichlich rutschig aus. Also wenden und zurück auf den Asphalt - schade.
Mehrfach wechselten wir an diesem Tag die Grenze zwischen Frankreich und Belgien, folgten dabei häufig dem Verlauf der Flüsse Semois und Maas. Die Maas entspringt in Frankreich bei Pouilly-en-Bassigny und fließt nach 925 Kilometern in Holland in die Nordsee. Auf ihrem Weg gen Meer quert sie auch die Ardennen. Die Semois ist nur 210 Kilometer lang, entspringt westlich von Arlon, in der belgischen Provinz Luxemburg, und fließt bei Monthermé in die Maas.
Herrlich kurvenreich war die Strecke, die häufig entlang des Ufers führte, immer wieder bergan stieg, um sich bald darauf erneut ins Tal zu stürzen. Häufig begegneten uns Horden wilder holländischer Motorradfahrer, die ihre Supersportler pulkweise über die engen Straßen trieben. Einer lag bald darauf im Graben; passiert ist glücklicherweise nichts.
Nach einer ersten Kaffeepause „überrundeten“ wir die Gruppe vom „kleinen Uwe“, der am Aussichtspunkt „la Faligeotte“ nahe Revin Rast gemacht hatte - von hier aus bot sich ein herrlicher Blick auf die Maas; beim Mittagessen fuhr Dieter mit seinen Teilnehmern an uns vorbei. Da alle drei Gruppen um wesentlichen die gleiche Strecke fuhren, waren solche „Treffen“ fast schon zwangläufig.
Trotz allem blieb ausreichend Gelegenheit für spontane Abstecher. Einer führte uns zum „La Tour du Millénaire“ nahe Gedinne in Belgien, einem atemberaubenden Aussichtspunkt. Einst hatten die Deutschen hier im Wald einen Aussichtsposten errichtet, der 1920 dem Sturm zum Opfer fiel. Später erneuerten die Belgier den Ausguck. 2001 wurde dann an dessen Stelle, dank finanzieller Förderung der europäischen Union, ein ganz neuer, futuristischer Aussichtsturm mit drei Plattformen errichtet. Georg und Hans-Friedrich waren die beiden einzigen, die Mut und Schwindelfreiheit bewiesen und sich ganz nach oben wagten.
Auf kleinen und kleinsten Straßen fuhren wir bei strahlendem Sonnenschein weiter durch´s französisch-belgische Grenzgebiet, legten bei Rochehaut, an der Semois-Schleife, einen Fotostopp ein und gönnen uns in der „Auberge Le Vieux Moulin“ noch ein lecker Eis. Wer hätte das angesichts der doch recht düsteren Wetterprognosen noch zu Beginn der Tour gedacht?
Zurück im Hotel versuchen wir unsere Motorräder möglichst Platz sparend im Innenhof zu parken. Der war für 29 Motorräder eigentlich viel zu klein. Da wir des morgens aber immer gemeinsam los fuhren, wurde jeder freie Zentimeter gnadenlos zugeparkt. So passten schließlich alle Maschinen doch irgendwie in das enge Kareé.
| Samstag, 19.5.2007
Tagestour nach Verdun
Heute wollten wir den Südwesten der Region „Champagne & Ardennen“ entdecken, die Stadt Verdun sollte der südlichste Punkt der Reise sein. Auf kleinen, kurvenreichen Straßen ging es zunächst nach Montmedy. Hier legten wir die erste Kaffeepause ein. Während sich die beiden Uwes - mehr oder weniger zufällig - mit ihren Teilnehmern in einer kleinen Bar am Rand der Altstadt trafen, war Dieter hoch zur Zitadelle gefahren und hatte dort ein nettes Café entdeckt.
Die erste Burg von Montmedy wurde bereits 1221 errichtet. Im 16. Jahrhundert wurde dann die eindrucksvolle Festung hoch oben auf dem Bergkegel errichtet. 1657 belagerten 30.000 Soldaten unter Führung von König Ludwig XVI die Zitadelle, die 57 Tage von nur 756 Männern gehalten wurde. Vauban - wer sonst - besserte später dann Burggräben und Befestigungsanlagen nach.
Gegen Mittag erreichten wir Verdun. Die Schlachtfelder rund um die Stadt sind zwischenzeitlich von Gras und Bäumen überwuchert, Bombentrichter und Schützengräben aber bei genauem Hinsehen immer noch erkennbar.
Wir halten am „Mémorial de Verdun“ und nehmen uns eine Stunde Zeit für die Besichtigung. Die Gedenkstätte wurde an der Stelle des einstigen Dörfchens Fleury-devant-Douaumont errichtet, das im Ersten Weltkrieg - wie viele andere rund um Verdun auch - völlig dem Erdboden gleich gemacht wurde. Anschließend fahren wir weiter zum nahegelegenen „Beinhaus von Douaumont“. In 18 großen Grabkammern liegen die Gebeine von 130.000 unbekannten deutschen und französischen Soldaten, die einst auf dem Schlachtfeld ihr Leben ließen und nicht mehr identifiziert werden konnten. Auf dem 114.360 Quadratmeter großen Heeresfriedhof gegenüber stehen, fein säuberlich aufgereiht, 16.142 Holzkreuze. Ein jedes für einen französischen Soldaten, der in der Schlacht um Verdun sein Leben ließ und hier namentlich bestattet werden konnte.
Schweigend setzen wir uns auf die Motorräder und fahren wieder zurück Richtung Sedan. Vorbei an Hinweisschildern die zum „Toten Mann“ oder zur „Höhe 304“ führen - Stellungen, an denen einst heftig gekämpft wurde. Heute fahren wir hier relativ sorglos Motorrad.
Gut eineinhalb Stunden sind wir unterwegs und legen, nach einem kurzen Fotostopp am amerikanischen Mahnmal „Butte de Montfaucon“, eine letzte Kaffeepause in Mouzon ein. Einmal umrunden wir die imposanten Kirche, bis wir eine eigentlich nicht zu übersehende Patisserie entdecken. Die kleinen süßen Kuchen in der Theke sehen so lecker aus, dass so mancher gleich zwei oder drei davon nehmen muss.
Ein letztes Mal lassen wir uns am Abend von der guten Küche des Hotels „La Saint Michael“ verwöhnen. Nach einem ausgiebigen Drei Gänge-Menü zieht es die Unentwegten noch in die Bar, während der eine oder andere noch einen kleinen Spaziergang zur nahegelegenen Festung unternimmt, finden hier doch übers Wochenende kurzweilige Ritterspiele statt.
| Sonntag, 20.5.2007
Durch Luxemburg nach Hause
Mühsam sucht sich der Chef des Hotels am Morgen durch die vielen Bierdeckel an der Kasse. Statt jedem Teilnehmer einen Deckel zu geben und darauf die Getränke zu vermerken, wurde in den Tagen unseres Aufenthalts ein Deckel nach dem anderen vollgeschrieben - völlig durcheinander. Aber das vermeintliche Chaos lichtet sich schnell, bis zur Abreise sind alle offenen Rechnungen beglichen.
Bis zum Mittagessen wollen wir 150 Kilometer zurücklegen und die Mosel auf deutscher Seite nahe Trier erreichen. In Luxemburg legen wir ein kleines Kaffepäuschen ein und verwirren den Wirt des Gasthauses, der an diesem Morgen offensichtlich lieber Zigarette rauchend ungestört am Tresen gestanden hätte:
Meine Frage, ob es Kaffee auch auf der Terrasse gäbe, bejaht er. Ich gehe zurück zum Motorrad, um den anderen Bescheid zu sagen. Als er mit „meinem“ Kaffee nach draußen kommt, stehe ich noch am Motorrad, dafür sitzen Andrea, Georg, Stefan und Andreas jetzt am Tisch. Merkwürdig. Er nimmt auch deren Bestellung auf. Kaum in der Küche verschwunden, taucht Dieter mit seiner Gruppe auf. Als der Wirt wieder aus der Tür tritt, hat sich die Zahl der Gäste folglich erneut vergrößert. Lachend fragt er uns, wieviele denn noch kämen. Er würde um 12 Uhr Mittagspause machen.
Da sind wir schon längst wieder unterwegs. Auf kleinen Straßen fahren wir Richtung Mosel und legen schließlich im Landgasthof Albachmühle die geplante Mittagsrast ein. Dann erfolgt die individuelle Heimreise. Fest steht: in der Region „Champagne & Ardennen“ waren wir sicher nicht das letzte Mal. Auf den kleinen. kurvenreichen Straßen lässt es sich herrlich Motorrad fahren, die Menschen dort sind nett und freundlich - es hat einfach alles gepasst. Auch das Hotel „Le Saint Michel“ ist eine Empfehlung. Viel mehr als unsere 29 Motorräder passen allerdings auch künftig nicht in den engen Innenhof, den wir kurzerhand zum Parkplatz umfunktioniert hatten.
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