Am Mittwoch Abend, 21. Mai, fielen Biene, Georg und ich nach gut 7 Stunden Fahrt in das beschauliche Cartoceto ein. Wir hatten 4 Tage in der Villa Cartoceto im gleichnamigen Ort bei Axel & Judith in den Marken (Le Marche) gebucht und waren bereit für Großes. Leider konnten uns Mausi & Doni nicht begleiten, da sie mitten im Umzugsstress steckten und uns schweren Herzens alleine ziehen lassen mussten.
Am Zielort angelangt fiel die Begrüßung durch die beiden "Aussteiger", die ihren Traum im verschlafenen Cartoceto verwirklicht haben und seit fünf Jahren ihre Gäste mit ihnen träumen lassen, gewohnt herzlich aus: Axel kam uns mit ausgestreckten Armen und seinem bereitesten Grinsen entgegen, "Scheiße, seid ihr fett geworden!", und schloss uns in seine starken Arme.

Nachdem wir unsere Zimmer bezogen und mit Judith ein, zwei Flaschen Weißwein auf der traumhaft schönen Terrasse mit Blick auf die Olivenhaine genossen hatten, machten wir uns frisch und schlenderten die paar Meter in Richtung Osteria del Cardinale, in der Axel als cuoco matto ("verrückter Koch" - der Spitzname, der ihm von den Einheimischen treffend verpasst wurde) bereits kräftig am Werkeln war. Mit wüstesten Beschimpfungen ("Ich geb' dir gleich ein paar die Fresse!") wurde ich der Küche verwiesen, also vertrieben wir uns nach Abklingen meines Lachanfalls ob der zärtlichen Behandlung durch den Gastgeber die Wartezeit bis zum Schlemmen, indem Biene und ich unserem Georg die schönen Seiten von Cartoceto zeigten.
Ein wenig später durften wir endlich zu Tisch, unsere Mägen knurrten bereits gewaltig. Als Deutscher ist man einfach nicht gewohnt, dass das Essen noch nicht um 18:30 Uhr beendet ist, sondern erst nach 20 Uhr beginnt :-) Wir hatten - wie immer - Glück, an diesem Abend fand eine Weinverkostung eines lokalen Winzers statt, und so ließen wir uns die von Axel gezauberten und von Judith kredenzten Speisen schmecken und süffelten dazu die Weine, die vom Winzer präsentiert wurden. Auf Salat folgte Pasta, auf Pasta ein feines Kaninchen, alles gewohnt vorzüglich und nicht anders zu erwarten bei einem Koch von Axels Klasse. Aber der Nachtisch ... der Nachtisch! Ein süffiger Schokoladenkuchen, ertränkt in cremigem Mascarpone ... wir hatten Tränen in den Augen und verlangten einen Nachschlag! Obwohl wir vor Völlegefühl kaum noch atmen konnten, reichte uns Axel zuletzt noch eine warme Tart mit Johannisbeergelee (oder so ähnlich) - sichtlich zufrieden mit unserem Appetit. Denn obwohl wir uns kaum noch bewegen konnten, verschlangen wir auch dieses süße Gedicht. Nachdem die Weinprobe beendet, der Winzer und die anderen Gäste längst das Lokal verlassen hatten, kam Axel mit einem Arm voll angebrochener Weinflaschen der Verkostung zurück an unseren Tisch: "So, jetzt Restesaufen!" ...
Die erste Nacht schliefen wir tief und zufrieden im kuscheligen Zimmer "Terra".
2. Tag: Ausflug ins Aquarium nach Cattolica
Früh morgens beim - wie gewohnt - fulminanten Frühstück auf der sonnigen Terrasse der Villa Cartoceto diskutierten wir drei, was wir an diesem ersten vollen Tag anstellen sollten. Axel mischte sich dankenswerter Weise ein und brachte das Aquarium im nahegelegenen Cattolica ins Spiel - mit plastischen und spannungsgeladenen Erzählung einer Hai-Fütterung, die er dort kürzlich mit seiner Tochter gesehen hatte, konnte er uns schnell überzeugen und wir machten uns auf den Weg die 40 Kilometer Richtung Norden.

Nachdem wir unzählige Meeresbewohner begutachtet hatten - darunter Nemo und Dori -, verließen wir das Gelände und spazierten an die nur 30 Meter entfernte "Promenade" des einstmals bei Deutschen so beliebten Badeortes. Keine Frage, das ist ein schöner Strand und Meer an sich ist immer wunderschön ... aber der Hauch der 70er Jahre weht noch zu sehr an Cattolicas Strand, man ist versucht laut zu rufen: "Guarda di qua, Scheiße di là!". Egal, wir hatten Durst und ließen uns in einer kleinen Strandbar nieder. Direkt hinter uns eine Horde Mittfünfziger aus Altenstadt, die sich Weißbier und Burger schmecken ließen und dabei lautstark unter Beweis stellten, dass Schwaben alles können, nur nicht Hochdeutsch. Immer noch egal, wir bestellten jeweils ein Glas Weißwein und drei Espressi. Letzterer war gewohnt köstlich (kann man überhaupt schlecht zubereiteten Espresso in Italien bekommen?), der Wein hingegen ungenießbar.
Inzwischen kam auch der Hunger, unsere Mägen hatten sich vom Vorabend bereits stark geweitet und verlangten nach Nachschub. So beschlossen wir, auf der Landstraße am Meer entlang nach Fano zurück zu fahren und auf der Strecke irgendwo Halt zu machen, wo es kuschelig aussah. Wo wir dann einkehrten erweckte von der Straße aus zwar keinen wirklich kuscheligen Eindruck, entpuppte sich aber nach dem Platznehmen auf der Terrasse als vorzügliches Restaurant mit guter Küche und sehr freundlichem Service. Obwohl eigentlich nur geplant war, "schnell eine Kleinigkeit" zu essen, war die Karte zu verlockend, um sich mit ein paar Pasta zufrieden zu geben. Also verdrückte ich als Vorspeise eine gemischte Käseplatte mit Spezialitäten der Region, dazu Honig und Feigenmarmelade, im Anschluss köstliche Pappardelle al cinghiale (breite Nudeln mit Wildschweinragout) und rundete das ganze mit einer Crema catalana ab. Nachdem Espresso und Schnappes geschlürft und die Rechnung beglichen waren, fuhren wir weiter - Georg gab unterwegs unaufgefordert, autistisch und wie aus dem "Off" seine neu erworbenen Italienischkenntnisse zum Besten: "Italia ... mare ... azzurro ..." -, bis wir Fano erreichten.
Wir schlenderten ein wenig schlaff durch die kleinen Gässchen der alten Stadt, vor allem auf der Suche nach einem Buchladen, wo ich Francesco Rengas Buch "Come mi viene" erstehen wollte, da das Buch in Deutschland nicht zu beziehen ist. Einen Buchladen mit diesem Buch vorrätig ließ sich zwar nicht finden, dafür entdeckten Biene und ich zum ersten Mal die stattliche Piazza mitten in Fano. Jetzt waren wir schon zum dritten Mal zu Besuch bei Axel & Judith und sicher zum 8. Mal in Fano, aber die Piazza war uns bisher immer entgangen :-) Sogleich Platz genommen, drei Glas Weißwein (diesmal fein würzig und beschwingt) und drei Espressi bestellt und dem Treiben auf der Piazza zugesehen.
Richtung Cartoceto war eine schwarze Wand auszumachen, das sah nach Gewitter aus. So zahlten wir flugs unsere Getränke und machten uns auf den Weg zurück nach Cartoceto. Dort wurde uns sodann berichtet, dass wir gerade ein Gewitter samt Hagel verpasst hätten, was wir nicht sonderlich bedauerten.
Was wir an diesem Abend von Axel auf die Teller und in die noch vom Mittag vollen Mägen bekamen, bekomme ich gar nicht mehr ganz zusammen. Ich erinnere mich nur noch an ein vorzügliches Entrecote als Hauptgang und die bereits bekannte Schokoladentorte zum Dessert, die sich Biene noch einmal gewünscht hatte.
Auch die zweite Nacht schliefen wir tief und fest.

Beim Frühstück beschlossen wir, uns an diesem Tag Assisi, den Geburtsort und die Wirkungsstätte des Heiligen Franziskus, anzusehen, da Biene diesen zauberhaften Ort am östlichen Rand von Umbrien noch nicht kannte. Von Judith nahmen wir den Tip mit, auf dem Weg die mittelalterliche Stadt Gubbio zu besuchen. Da ich die bisher überhaupt nicht kannte, nicht einmal dem Namen nach (wie kann das sein?!), und die Bilder auf dem Prospekt, den uns Judith überließ, sehr beeindruckend waren, stand ein Besuch auf dem Rückweg von Assisi fest.
Quer durch die Marken ging es, durch wunderschöne Höhen und Täler - deren Begeisterungsbekundungen durch mich von meinen Mitfahrern sofort auf die Schippe genommen wurden: "Schau' mal, wie schön!" Es war aber wirklich schön! (Bedauerlicher Weise fiel mir als fanatisches Mitglied der Toscana-Fraktion erst beim dritten Besuch in den Marken auf, wie schön diese doch sind. Mi dispiace!)
Nach zwei Stunden Fahrt und einigen Irrungen mit der zwischen Perugia und Assisi völlig überforderten Navigation (Georg: "So a Schlampe!") lag Assisi vor uns wie auf einer Postkarte. Der von Wolkenbergen durchbrochene Himmel in azzurro tat sein Übriges, um selbst bei meinen sonst über mich witzelnden Beifahrern Staunen auszulösen.

Dermaßen gestärkt wanderten wieder zurück auf den bevölkerten "Corso" in Richtung der riesenhaften Basilika San Francesco, die beim Erdbeben von 1997 beschädigt wurde. Davon vor allem betroffen die berühmten Fresken des Giotto, die aber bis 1999 zu einem Großteil restauriert werden konnten (aus 300.000 Einzelteilen!). Obwohl ich die Kirche schon einmal besucht hatte, faszinierte sie mich erneut. Nicht nur ob der Größe, sondern auch aufgrund der Schönheit der in Blau eingebetteten Fresken. Man steht wie unter einem Himmel in azzurro, auf dem sich allerlei Geschichten abspielen. Noch weit berührender jedoch ist ein Besuch am Grab des Heiligen Franz; sei es Einbildung oder nicht, aber man meint förmlich die Heiligkeit dieses Ortes zu spüren.
Auf dem Rückweg Richtung Auto besuchten wir - nach einem Espresso auf der Piazza comunale - noch die Basilika Santa Chiara, die zuvor geschlossen war. Während die Kirche von außen durch den für diese Gegend typischen roten Stein zu gefallen weiß, wirkt sie im Inneren recht schmucklos. Allzu viele Fresken sind im Inneren nicht mehr erhalten und alles wirkt wie frisch renoviert anstelle von restauriert. Nachdem wir noch einige der präsentierten Reliquien der Heiligen Chiara (ihre Haare?!) bestaunt hatten, ging es endgültig zurück zum Auto und Richtung Cartoceto.

Bereits fußfaul quälten wir drei Dicken uns die steile Straße hinauf auf der Suche nach einem guten Caffè (also Espresso, gesprochen [ka-fä]) und einer Piazza, auf der man diesen in einer Bar ordern kann. Die Piazza fanden wir auch, direkt vor dem Palazzo gelagert, aber keine Bar. Wir wurden aber entschädigt durch die Vorbereitungen einiger Armbrustschützen, die schon einmal für das jährlich am letzten Sonntag des Mai (dieses Jahr am 25.05.) stattfindende Fest Palio della Balestra übten. Allerlei mittelalterliche Armbrüste waren zu bestaunen. Die Schützen, allesamt ältere und honorige Herrschaften, konnten die schweren Geschütze kaum alleine tragen. Um den Bogen zu spannen, musste eine mechanische Kurbel angesetzt werden. So gespannt (Bogen wie spärliches Publikum) wurde die Armbrust auf eine Abschussvorrichtung aufgesetzt und nach dem Zielvorgang wurde der Pfeil mit einem lauten Knall abgefeuert und zielgenau in eine gut 50 Meter entfernte Tafel geschossen.
Die Bar fanden wir im Anschluss, einige Meter weiter den Berg hinunter. Der Caffè war schnell getrunken, es kam schlechtes Wetter auf und wir wollten trockenen Fußes zurück ins Auto gelangen.

Gegen 3 Uhr begaben wir uns, eigentlich noch gar nicht müde, zu Bett und schliefen dennoch tief und fest und wohlig.
4. Tag: Mit Axel und Judith beim Baden in Furlo

So fuhren wir zu viert nebst zwei Hunden die wenigen Kilometer bis zu besagtem Flussbett. Axel und Judith hatten nicht zu viel versprochen, sondern boten uns hier in einem Nationalpark atemberaubende Naturschönheit in völliger Ruhe - sieht man einmal von Axels blökenden Kommentaren beim Durchblättern zahlreicher Zeitschriften ab - "schau' dir mal den alten schwulen Sack an!".
Wir beschränkten uns hauptsächlich aufs Liegen im Kiesbett. Der Fluss war uns dann doch zu kalt zum Baden. Bis zu den Knien haben wir es gewagt, zu mehr ließen wir uns nicht hinreißen. Nachdem wir so einige Zeit liegend, schwatzend und von Bergziegen beobachtet verbracht hatten, packten wir unsere Sachen zusammen und besuchten das nahegelegene Ausflugslokal "Il nido", in dem wir uns an einer leckeren Antipasti-Platte gütlich taten und den Durst mit einem Bier (jaja, Bier!) stillten, dabei einen Wurm in Python-Ausmaßen beobachtend und darüber diskutierend, wie wohl das mit den Regenwürmern sei.

Auf einmal stürmte Axel heran, blickte auf das übrig gelassene Stück Schokoladentorte, packte Georg (sanft natürlich) an den Haaren, riss ihm mit einem zischenden "Friss, Du Sau!" den Kopf in den Nacken und zwangsernährte ihn mit der leckeren Süßigkeit zum Gelächter aller anderen Anwesenden. (Man darf sich da nicht wundern, schließlich war Axel vor seiner Auswanderung nach Italien Geschäftsführer bei Pomp, Duck and Circumstance. Außerdem geht er mit "normalen" Gästen natürlich höflich und zuvorkommen um, damit hier kein falscher Eindruck entsteht :>)
Wie konnte es anders sein, auch in dieser, unseren letzten Nacht, schliefen wir wie Könige in den kuscheligen Betten.
5. Tag: Tränenreicher Abschied
Am nächsten Morgen wartete nach dem Frühstück der Abschied und wir alle drückten uns davor ("Rauch' mer nochmal eine!"). Nur schwerlich konnten wir uns vorstellen, all das Schöne und Fröhliche der letzten Tage hinter uns lassen zu müssen: Der Himmel in azzurro; die wunderschön geschwungenen, saftig-grünen Hügel voll von Olivenbäumen und umspielt von roten Mohnblüten ("Schau' mal, wie schön!"); von Axel mit Arschloch, Wichser, schwule Sau angesprochen zu werden; Judiths Lachen und die Art, wie sie uns liebevoll umsorgt; Axels fulminante Küche (ohne Schickimicki, ehrlich und geradlinig, dabei unsagbar köstlich); Mickys trauriger Streichel-mich-Blick; der Gesang der Nachtigallen; der Charme des Alten in all den Städtchen; die Fröhlichkeit der Barbesitzerin Claudia und ihre spitzen Schreie, wenn sie den cuoco matto erblickt; überhaupt die Freundlichkeit der Menschen um uns; nachts die Sterne über uns ...
All das sollten wir nun schweren Herzens hinter uns lassen. Doch ich gab Axel und Judith das Versprechen, nicht mehr wie beim letzten Mal drei Jahre bis zu einem Wiedersehen vergehen zu lassen. Das Versprechen kann ich einlösen! Im August werde ich eine Woche mit meinen Kids Raphael und Cosima in Cartoceto verbringen, im September werden Biene, Thomas, Martina und ich ein Wochenende in der Villa verbringen, und auch im nächsten Jahr steht ein Besuch bei den beiden fest.
Aber für das Erste mussten wir uns verabschieden. Axel erledigte das auf seine ganz individuelle Art und Weise: Er kam mit offenen Armen auf mich zu, bereit zur Umarmung und dem Abschiedskuss, dabei hing ein Stück Parma-Schinken aus seinem zu einem debilen Grinsen verzerrten Gesicht, und schon drückte er mir die Schinken-Backe auf die meine! Wenn es Axel nicht gäbe, müsste man diesen Kerl erfinden. Die Welt braucht jemanden wie ihn, der in Judith genau den beruhigenden Gegenpol gefunden hat, der dafür sorgt, dass das Universum nicht aus den Fugen gerät.
Nein, ich werde von den beiden für all die Lobhudeleien nicht bezahlt, ich bin einfach nur der festen Überzeugung nach knapp 20 Jahren Intensiv-Genuss-Tourismus in Italien, das man hier im kleinen, unbekannten Cartoceto ein Optimum an Entspannung, Fröhlichkeit und kulinarischem Genuss finden wird. Wir fuhren damals, nachdem Thomas die Villa zufällig im Internet entdeckt hatte, im Jahr 2004 zu zwei Gastronomen und kehrten mit zwei neu gewonnenen Freunden zurück.
Und ich empfehle jedem: Bucht, bucht, bucht! Tut Euch selbst einen Gefallen, gönnt Euch etwas Gutes und verbringt mit den beiden Lieben ein paar Tage. Ihr werdet immer wieder kommen wollen, das ist mein Versprechen.
Epilog
Kaum zu Hause, würde ich am liebsten gleich wieder losfahren! Es war einfach zu schön, um allzu lange ohne auskommen zu können. Also zähle ich die Tage bis August, zähle die Tage, bis ich Axel und Judith wieder in den Arm nehmen und mit ihnen zusammen die beste Seite des dolce vita erleben darf.
Vielen Dank Euch beiden für wundervolle Tage!