Liebe Freunde,


Benzin und Diesel werden in spaetenstens 25 Jahren knapp. Jetzt wollen viele Inder noch mal richtig viel davon verbrauchen, den dichten Feinstaub mit Schwefel wuerzen. Der Um- und Raubbau des eigentlich schoenen Landes macht so viel Wirbel, dass man auch tagsueber mit Licht Auto fahren muss. Heute, im Mai sind es 46 grad im Schatten der Smogwolke. Frauen fegen den Grobstaub hin und her.


Der chinesische Rekord der Verschmutzung einiger Staedte muss unbedingt gebrochen werden. Inder koennen niemals zweite sein. Deshalb werden noch mehr neue Autos promotet und zugelassen, obwohl es keine Strassen dafuer gibt, Fly-Overs werden so „geplant“, dass noch mehr Autos von weiter weg in die Stadt kommen werden und zwischen 9 Uhr morgens und 11 bzw 7 und 9 uhr abends einen hupenden Dauerstau zu formen („I am stucking in jam“), dann werden die Autos zu klimatisierten Telefonzellen. „ wo stehst du denn grad im Stau?, mh, ok, dann treffen wir uns eben morgen...“). Deswegen geht auch alles so langsam voran mit unseren Geschaeften, Termine sind eine eher unverbindliche Sache. Versprechungen zu Vertraegen, die gemacht werden sollen, gelten tagsdrauf nie und nimmer mehr. (Wir sind ja hier angetreten, Geld an den Indern zu verdienen. Es ist etwas ganz anderes, Geld hier zu verteilen, oder einen Arbeitgeber in Form einer deutschen Firma oder Behoerde zu haben). Da das Leben in Delhi abgesehen vom Wohnen relativ preiswert ist, kommen so Mini-Entrepreneurs wie wir hier klar. Von dem Gegenwert einer Tageskarte im Hamburger Verkehrsverbund leben wir in Delhi eine ganze Woche.

Climate Change? Dieses versuchet man in Indien durch Klimaanlagen und Oeffnen der Kuehlschraenke zu loesen. Energy Crisis? Diese loest man hier durch Kinder- und „Alten“arbeit. Es trifft es sich aber eigentlich gut, dass viele Transporte immer noch von Tier- und Menschenkraft ausgefuehrt werden.


      

Satellitenstaedte entstehen nur deshalb, um von den faelligen Grundstuecks-verkaeufen zu profitieren (also einige wenige werden dann wieder mal sehr viel reicher). Es gaebe ausreichend Platz im Stadtbereich Neu Delhis, genug zu revitalisieren, aufzuraeumen, zu sanieren. Aber die Wahlversprechungen betreffen halt die vermeintlichen Errungenschaften des Westens, allen voran: Mobilitaet mit dem Auto und klimatisierte Neubauwohnungen vor den Toren der Stadt.

Unser Beitrag zur Luftverpestung, unser verehrtes Auto, unser HM-Ambassador, steht meist umweltfreundlich in der Werkstadt. Letzte Woche neu: Gaszug, Gaspedalfeder, Tuerschloss, 2 Keilriemen, Leckage am Motorblock beseitigt, Lenkrad neu, Hupe (ganz wichtig) geht jetzt wieder. Aber am Wochenende hat er uns brav bis zu einem Hotel gebracht, eine kleine Auszeit brauchen wir ja auch ab und zu.


Indien hat ein neues Parlament gewaehlt, die meisten hier im Norden waehlen seit Ewigkeiten „Kongress“, die alten Namen Gandhi, Neru usw ziehen halt noch immer, und es erscheint besser, sich von Familien fuehren zu lassen, die genug Geld haben, als von hungrigen und kriminellen Newcomern. Die Wahlen seien friedlich mit nur ca 60 Toten verlaufen, heisst es. Das genaue Wahl-Ergebnis steht aus und es wird kaum Einfluss auf das Leben der 95 % Inder haben, die fuer ihr Auskommen arbeiten muessen. So ein Huehnerschlachter wie dieser im unteren Bild verdient seine 200 Euro, aber hat sein gutes monatliches Auskommen (3-fach vom Durchschnitt).


Kamlesh Bruder Mohinder kehrte im Mai Indien den Ruecken und ging in die USA, da war natuerlich ein feuchter Abschiedsabend angesagt. Man kann schon verstehen, wieso es Menschen aus dem Norden nach Europa zieht. Ich habe nach den zwei Jahren jedenfalls ganz gut nachvollziehen koennen, dass Kamlesh ganz zufrieden in Deutschland war (und ist). Wie schon im vorherigen Newsletter steht, wir beabsichtigen ja nicht, auf Ewig in Indien zu bleiben. Indien ist ein bisschen wie eine Droge: ist man hier, moechte man schnell weg; ist man weg moechte man unbedingt wieder nach Indien.

     

Mag sein, dass die verbeamteten Auslaender ueberall und stets hart arbeiten, aber gefeiert wird ebenso heftig und ausdauernd (Allein schon mal die ganzen fairwell parties, nach 3 Jahren wechseln die Herren und Damen von den Botschaften in der Regel). Schoen fuer uns, haeufig dabei zu sein, irgendwie aber auch etwas gespenstisch. Die, die wie wir hier in Delhi selbstaendig sind, muessen fuer ihr Geld ja noch was tun. Das ist weder hier noch in anderen Hauptstaedten der Fall. Dakha in Bangladesh ist so eine Party-Stadt fuer Geldvernichtungs-NGOs. Das habe ich in frueheren blogs schon mal kritisch verarbeitet. Aber grad in den Zeiten einer Finanz/Wirtschaftskrise kommt uns das vor wie eine Mischung aus Kolonialzeit, Dekadenz und Endzeitstimmung.

 

Aber es ist gut so. Wir geniessen auch den Augenblick am Abgrund. Also wir geniessen Indien jeden Tag, es ist nie langweilig hier, und das ist schon mal ein Privileg, dessen wir uns sehr bewusst sind. Entscheidend fuer unser Wohlbefinden ist, dass wir ja auch viele Dinge geben, zurueckgeben, viele Leute mit unseren Aktivitateten gluecklich machen. Und da haben wir mit unseren wine-tastings, mit Beratung, Engagement, mit Vermittlung und einem guten Umgang mit den Mitmenschen eine ganz gute Mischung gefunden. Im Juli geht es in den Ferien nach Deutschland. Wir hoffen, dass wir uns dann sehen.

Liebe Gruesse aus Neu Delhi

Jens, Kamlesh und Arjun

April/Mai 2009