Newsletter Maerz 2009

 
 

Liebe Freunde,


Meineguete, seit fast vier Jahren sind Kamlesh, Arjun und ich nun schon im Ausland. Irgendwann muessen wir auch mal wieder zurueck, denken wir mitunter. - Den Angestellten vieler Deutscher Unternehmen wie Lufthansa und gtz usw, die wieder nach Deutschland zurueckkehren, werden sogenannte „Re-Patriierungskurse fuer Expatriats“ angeboten. „Was für ein Schwachsinn!“ dachte ich noch vor 2 Jahren.

Jetzt erst wird mir klar, wie weit jeder, der in Asien, speziell in Indien länger als 2 Jahre durchgehend arbeitet (und dann noch als Selbständiger!) sich von seiner Heimat und im Habitus entfernt: „Es ist, als müsste man mit einem Geländewagen plötzlich den Alsterwanderweg hinter einer Familie mit 2 Kleinkindern mit der Strassen-verkehrsordnung auf den Knien herschleichen, “ mailten 2 von unseren „Kollegen“ aus Deutschland grad. Also erstmal bleiben wir noch etwas in Delhi. Es ist nicht so schlecht hier. Und vor allem nie langweilig.


Wir vermissen unsere deutschen Freunde und Hamburger Familie zwar sehr, koennen aber nun mal nicht 1 mal im Monat fliegen... (Das waere schon was Anderes, das war ja mal ein Ziel von uns und bleibt es auch, wir sind da dran...)

Auf dem Strassen-Bild (siehe links) mit Arjun im Vordergrund sieht man hinten unsere Stadtwohnung in Anand Niketan, unseren derzeitigen sogenannten Lebensmittelpunkt. „Home is where you make it!“ Wir haben uns so einigermassen eingerichtet. Wir leben indisches Lebensniveau und nicht das Expat-Leben. Unser Tag ist angenehm nett aber eben recht indisch: Wenn man unternehmerisch hier in Indien tätig ist, ist das aber so ungefähr wie ein Feuerwerk 12 Stunden parallel zu Disco Musik, zeitgleich 2 Examenspruefungen täglich, 4 „Begegnungen deines Lebens“, 2 mal eine reale Hoffnung auf das Paradies als Milliardär, 3 mal der Blick in den finanziellen Abgrund als Latrinen-Reiniger oder niedriger, 5 mal Neu-Geboren werden, wegen knapp der Lebensgefahr (also tatsächlicher) entkommen zu sein: und das täglich, 365 Tage im Jahr!!! Jeden Tag diese Achterbahn, Dreck, Krach, Luxus, Hoffnung, Desillusion, Achtung, Verachtung, Vorfreude, Freude, Frustration, Überraschungen, per Handy und per mall oder face to face beim Chai, dem indischen Beruhigungstee. Wir moegen aber dieses Real-Life-Drama sehr und Flensburg und Bali waren ja auch kein Ponyhof.

Neben unserem Wein und Event Geschäft, das uns dank Schwarzverkauefen hervorragend mit einer gleichfarbigen null finanziell grad über Wasser/Wein hält, werden wir nächsten Monat (wahrscheinlich) ein kleines Gasthaus mit 6 Zimmern am Rand von Delhi aufmachen/betreiben.

Vielleicht kauft ja dort jemand mehr von unseren tollen Weinen.... oder wir trinken die besten Tropfen selbst mit netten Gaesten aus Europa. Also grad in Indien gilt: "durch Arbeit ist noch keiner reich geworden". Aber das ist ja nicht und wird auch nie unser Ziel sein. Seit Jahren haben wir die Trennung zwischen sogenannter Arbeit und „Freizeit“ aufgehoben, wir leben einfach los und Kamlesh und ich entscheiden nach dem Cappuchino frueh morgens um 10 Uhr, wer was macht oder nicht. So machen wir das seit November 1996.

Wenn wir mit Geschäftspartnern in Deutschland am Telefon sprechen und fragen wie es ihnen geht, hoert man meist so was wie: ’Naja, muss ja!“ Da ergibt sich schon die Frage, wie wir „Expats“ dann mit sowas spaeter wieder klar kommen sollen. Unser taegliches Verhalten ist hier notgedrungen etwas herzlicher, Prioritaeten verschieben sich, wenn man so lange weg ist von „zu Hause“, - ohne "passion" kann man ja eh keinen Wein verkaufen, Caterings durchziehen, ein Gasthaus zu betreiben.

Wir sind es seit Jahren nun gewohnt, die blanken Kabel-Enden der Schnur unseres Oelradiators bei laufendem Betrieb in die Steckdose zu stecken, Absagen ganz wichtiger Termine kommen nach 1 Stunde, wann es losgehen sollte, macht nichts, die Braut, die für 6 Uhr neulich abend angesagt war, kam um halb eins am nächsten Morgen und keinen stoert’s, die Gäste stehen im Stau, die Weine werden warm, die Spargel kalt, voellig egal, voellig ok. Ich bin aber auch andererseits jetzt gewohnt, dass neue Freunde (Expatfreunde) sich erkundigen, wie es einem wirklich geht, die antworten auf SMS nach 5 sec, auf mails nach 5 Minuten. Alle machen das hier. Man braucht sich hier als Nicht-Inder, "nicht mehr so richtig-" oder "noch-nicht-Inder". Europaer halten gut zusammen, noch besser die Deutschen und am besten die Hamburger.

Deutschland und Europa veraendern sich ja andererseits auch. Es scheint dort politisch nicht mehr so sehr um die Sache, sondern mehr um das Ego der entscheidenden Leute zu gehen, so drängt es sich jedenfalls in unserer Wahrnehmung durch Politikerbesuche und Kurzbesuche von Geschäftemachern auf. Nach Delhi kommen ja alle gern grad diese Leute, die meinen, was zu sagen zu haben, die trifft man hier ja leichter als in Berlin oder Hamburg, weil wir hier wenige sind. Tiefensee, Schawahn oder Steinmeyer oder andere hohe Tiere (ich kenne ja deren Namen und Gesichter gar nicht mehr gut, (wie heisst noch gleich dieser rundliche Umweltminister?) aber sie sollen seeehr wichtig sein) denen ist man hier sehr nahe, die legen ihre Krawatte ab und lästern gern mal am Abend mit uns Expats. Da wir auch eine Rolle hier als food-and-beverage bzw. Event-Leute haben, kommt zu unserem ganzen Wirrwarr des Tages den z.T. wirklich netten Unternehmern, Goldgraebern und Politikern des Abends unser eigentliches Geschäft, nämlich reinen Wein bzw. was Gutes zu essen anzubieten.

Kamlesh bringt doch tatsächlich immer noch die Leute aus Rom zum heulen mit ihrem Antipasti und ihrem Pesto, das gestandene Jungs an ihre „Mama“ erinnert.... Und mir nimmt man jedes (zT spontan erfundenes) Attribut zum Barbaresco vertrauensselig ab. Wir kennen diese Doppelrolle als Gast und Gastwirt ja noch aus Flensburg. Wichtig und steinreich sind sie alle, die wir verwoehnen. Ich kann die Selbstbeweih-raeucherungen aber manchmal nicht mehr hören von den wichtigen Herren aus Deutschland: „Meinen Leute habe ich kürzlich mal richtig bescheid gesagt“, „Meine Fabrik habe ich grad verlegt“, „ein Tochterunternehmen in Brasilien gegründet“. Der Junge kriegt von mir deswegen auch nicht mehr ins Glas geschenkt, keine Garnele mehr aufgelegt. Zahlen tut er ja eh nichts. Reiche Leute sind gewohnt, auf Reisen alles umsonst zu bekommen, gestern, die noblen Polo Spieler (in Jeans und mit den Fingern essend, das war echt sehr ok). Die Reste vom Polo Event haben wir den Familien, die auf der Kreuzung in der Nähe unserer Wohnung leben, mitgebracht. Arme Leute trinken keinen Wein in Indien. Die Mittelschicht trinkt eh Whisky.

Abends bei uns zu Hause gibt es taeglich einen guten Wein als Absacker, wir versuchen, den Tag und seine Widersprüche, die Perversionen der Realität zu verstehen, die ca 20 täglichen neuen Visitenkarten zu sichten, meist schmeissen wir sie in eine große Schublade, die von gaaaanz Wichtigen nur so überquillt. Aber es zeigt sich schnell, was wirklich wichtig ist: dass man wenn moeglich nicht allein liegt im Bett, dass der kleine Arjun gut zugedeckt ist, dass einem nichts wirklich grad wehtut. Und gerade die Gesundheit spürt man in Asien direkter, weil hier ein Arzt sofort cash bezahlt werden muss, man guckt schaerfer hin, weil es eh so bunt ist, man hört besser hin, weil es so laut ist, genießt man mal ein nettes Wort, weil die Inder „alle gegen alle“ angesagt haben, spuert sein Leben als solches, weil der LKW einen nur gestreift und nicht platt gefahren hat, freut sich über die dankbaren Blicke von „Unberührbaren“. Wir wuerden und werden das alles in Hamburg vermissen, glaube ich.

Zwischen all der Hektik laeuft in unserem Wohnzimmer täglich viele Stunden ndr2 per internet streaming: Muente aktuell, Fruehstueck bei Steffanie. Das könnte auch ein Indiz Richtung Heimweh sein... Ist aber nicht richtig Heimweh, weil ja in Delhi auch unser Heim ist. Unsere Indische Familie ist ja hier, mein geliebter Macintosh ist hier mit den besten 3.500 Musikstuecken aus den letzten 3 Jahrzehnten, 22.760 Fotos der letzten 13 Jahre, unserer homepage und zig neuen Projektideen. Irgendwie haben wir wohl nicht alles in Flensburg richtig abgerechnet und mails mit Drohungen und Klagen gehen auch hin und wieder auf dem gleichen MacBook ein. Sowas gehoert eben auch zum Leben. Ach ja, und der SPIEGEL kommt auch immer von Robert pünktlich als pdf, den lesen wir meist schon am Sonntag durch. DIE ZEIT haben wir sogar als Papierausgabe und lesen sie mit einem guten italienischen Rotwein. Martin schreibt einen total interessanten Blog aus Südamerika, Stefan kann man gelegentlich per skype erreichen. Ohne Internet muss im Ausland leben frueher wie hinter dem Mond leben gewesen sein, da hat sich ja viel veraendert, in Richtung global village. Das muss richtig hart gewesen sein.

Also langer Rede kurzer Sinn, wir sind eigentlich raeumlich gesehen grad nur um die Ecke, mental ein wenig weiter weg, im Herzen bei Euch und es geht uns echt gut und wir kommen sicher so um und bei 2009/2010 wieder zurück. Meldet Euch aber mal zwischendurch.

Viele Gruesse

Jens, Kamlesh und Arjun

Februar/Maerz 2009