Drehbuch für einen misslungenen Psychothriller
1. Irene
Ferragosto war nun endgültig vorbei. Mitte September war es ganz ruhig geworden im kleinen Strandhotel bei Ostuni in Apulien. Alle Sommergäste hatten sich in die kühleren Gefilde zurückgezogen und nur einige, sehr spärliche Gäste der Nachsaison waren noch da geblieben, gönnen sich die am Tage immer noch sommerliche, gegen Abend doch schon spürbar herbstliche Wärme, die der vom Dunst leicht verschwommene Himmel auf die üppig bewachsene Erde herunterschickte. Das Wasser wurde kühler, der Wind stärker und das Essen schmeckte irgendwie fader, auf jeden Fall nicht so frisch und würzig wie im Sommer.
Irene von Krolow, eine Zweiundvierzigjährige, mittelgroß, schlank, mit glattem, blondem, schulterlangem Haar, blauen Augen und fein gebogener, „römischer“ Nase, verbrachte den Rest ihres Jahresurlaubs in dem Hotel, in dem sie vorher während zweier besonders heißer Ferienwochen mit ihrem Mann gewesen war. Heiß waren die Wochen rein vom Wetter her, nicht von der Intensität ihrer ehelichen Beziehungen. Dann musste Joost zurück, um seinen Aufgaben und Verpflichtungen als Vorstandsmitglied des Konsortiums eines großen Unternehmens nachzugehen. Obwohl Irene wusste, dass es nicht nur berufliche Gründe waren, die Joost in das verregnete Hamburg zurück lockten, waren für sie diese restlichen zwei Wochen Freiheit besonders wertvoll, und sie genoss sie voll und ganz.
Es waren die ersten Ferien seit achtzehn Jahren, die sie ohne ihre Kinder verbrachte. Der Sohn Tilmann hatte sich an der Technischen Universität München für Ingenieurwissenschaften eingeschrieben und war in seine ersten postgymnasialen Ferien mit Freunden nach Griechenland abgereist. Die Tochter Emilia ging in ihrem elften Gymnasialjahr nach England in ein Internat. Alles war geregelt und lief bis jetzt ohne Probleme.
Es gab zur Zeit überhaupt keine Probleme in ihrem Leben, außer vielleicht Glen, der zwei Tage nach Joosts Abreise plötzlich, wie der Schachtelteufel, aus dem Nichts auftauchte, sie, wie immer, stürmisch bezirzte und am nächsten Tag wieder verschwand. So war er aber immer, der alte, ewig junge Glen, seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr ein ständiger Begleiter ihrer Träume und Fantasien. Zuerst ein untreuer Freund, dann ein Liebhaber ohne Haftfläche. Ach ja, der Glen... Auf die Frage, warum Irene sich immer noch mit Glen traf, konnte sie nur antworten: „Es hat sich so ergeben.“ Und es war eine absolut zutreffende Antwort. Um Sex ging es ihr auf jeden Fäll nicht, und um die Liebe ebenso wenig.
Die zwei Wochen völliger Freiheit, losgelöst vom Alltag, von sich selbst, „Ferien vom Ich“ sozusagen, waren seltsam anders, als alles, was sie vorher an Freiheit kannte. Ein Gefühl wie eine Rückkehr in die Zeit, als sie noch nicht wusste, was das Leben mit ihr so vorhat. Alles war unklar und offen, doch sicher, dass es weiter geht. Jetzt war diese Sicherheit auf einmal wieder da. Es geht weiter. Noch unbestimmt, aber weiter. Und in diesen zwei Wochen musste sie auch herausfinden, wohin.
Nun ist die eine Woche der Freiheit schon vorbei, die zweite geht auch zu Ende. Sie fühlt sich immer noch wohl und genießt jede Stunde, aber eine kleine Portion Unbehagen hat sich eingenistet und will nicht weichen. Das einzige, was Irene jetzt sicher weiß, ist, dass sie wieder anfängt zu arbeiten. Und nicht wie damals, vor zehn Jahren, als sie mit ihrem trotzigen Protest gegen die „Versklavung in der Familie“ alles ins Lächerliche abrutschen ließ. Damals wusste sie noch nicht, was sie wirklich wollte. Nur weg! Jetzt wusste sie es. Das heißt, Glen wusste es, weil er alles von ihr wusste und alles in ihr spürte, wie ein Spürhund eine tickende Bombe heraus spürt und zu entschärfen hilft.
„Du hast doch studiert. Abgeschlossenes Jurastudium ist nicht wenig.“
„Ach, es ist schon so lange her! Ich habe alles vergessen. Es laufen ja Tausende von jungen fertigen Juristen ohne Job herum. Was soll ich da?“
„Fang wieder an. Klein und bescheiden. Mit dem Computer kennst du dich gut aus, mit Telefon, Fax und Kopierer auch.“
„Als Sekretärin?“ – Irene lachte verlegen.
Glenn zuckte die Achseln: „Warum auch nicht? Eine Sekretärin mit dem abgeschlossenen Jurastudium ist doch Gold wert. Ich helfe dir. Ich kenne in Hamburg einen Rechtsanwalt, der so etwas wie dich sucht. Aber überleg’ es dir gut, ob du es wirklich machen willst. Ich melde mich bei dir, wenn du zurück bist. Dann aber bitte erwarte ich eine definitive Antwort.“
Glen war wieder verschwunden, er kommt aber, taucht bestimmt auf, wenn sie ihn wirklich braucht. Ein zuverlässig untreuer Hund, von dessen Privatleben sie seit Jahren nur eines weiß: dass es ihm beruflich ausgezeichnet, privat aber nicht so gut geht. Keine weiteren Details. Basta.
„Frauen haben Zeit, sich ihre Entscheidung zu überlegen. Die Männer müssen handeln.“ So hat Joost einmal gesagt. Die Frauen haben Zeit... Diese Zeit läuft jetzt bald ab.
2. Strand und Leute / Familie
Der Mittwoch fing gut an. Die Sonne kam aus dem Herbstdunst zwar etwas verspätet heraus, wärmte die Luft aber gut auf und sah herunter, heiter, wie im Sommer. Das Meer, das am Anfang ihrer Ferien den Badedurstigen so zahm zu Füßen lag, bäumte sich jetzt immer wieder hoch und legte sich nicht mehr richtig wieder. Es wurde immer stürmischer.
Die wenigen Hotelgäste liefen nach dem Frühstück hurtig zum Strand hinunter, breiteten ihre bunten Liegematten aus und erstarrten für Stunden in der Pose der Sonnenanbeter. Auch Irene ging zum Strand, doch angezogen; denn sie hatte gemerkt, dass zu viel Sonne ihrer Haut nicht gut tat: sie bekommt Sommersprossen, die nicht mehr nach niedlicher Jugendlichkeit aussehen, sondern eher nach Altersleberflecken. Zu dem älteren Ehepaar aus Österreich und den drei in Unbeweglichkeit erstarrten dürren, fest in die Badeharnische verhüllten Damen, die sie „Englische Fräulein“ – im doppelten Sinne - nannte, gesellte sich noch ein männliches Pärchen, das erst heute auf zwei schweren Motorrädern ankam, bei dem Hotelbesitzer zwei Surfbretter mietete und sich sofort zum Strand begab. Sie saßen da in ihrem klobigen Surfrüstzeug wie Außerirdische, fest entschlossen, bei der richtigen Wellen- und Windkonstellation sofort mit ihren Brettern ins Wasser zu springen. Doch das Meer war ruhig und plätscherte vor sich hin, wie die kleineren Geschwister der großen Ozeane es meistens tun.
Nicht weit von ihr, unter dem einzigen noch nicht aufgeräumten Sonnenschirm, saß eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, die offensichtlich auch zu den Hotelgästen gehörte, da sie ein Badetuch mit dem Hotellogo neben sich liegen hatte. Irene war sie bis jetzt noch nicht aufgefallen. Die junge Frau saß mit einem weißen T-Short gekleidet. Sie hatte dunkle schulterlange Haare, die sie von der Sonne bescheinen ließ, und einen noch wenig gebräunten Teint. Sie las ein Buch, nicht besonders vertieft; denn sie legte es immer wieder beiseite und blieb einfach auf das Meer blickend sitzen. Ab und zu klingelte ihr Handy, doch sie ließ es liegen.
Irene wurde neugierig auf die Frau. Sie ging im legeren spazierenden Gang an ihr vorbei und stellte fest, dass die Frau ein deutsches Buch las, in dessen Titel das Wort „Hunde“ vorkam. Genauer konnte sie nicht lesen. Sehr wahrscheinlich, dass diese Frau eine Deutsche war: dass Deutsche englischsprachige oder französische und italienische Bücher lasen, hat sie öfters schon gesehen, aber die Ausländer lasen in den Ferien wohl keine deutschen Bücher. Als sie gerade an der Frau vorbei ging, ergriff diese plötzlich ihr – nicht klingelndes – Handy, tippte ein paar Tasten, drückte das Handy ans Ohr und hörte wohl zu, da sie selbst nichts sagte. „Vielleicht hat sie die Klingeltöne abgeschaltet und merkte anders, dass jemand anruft,“ - dachte sich Irene und ging weiter den Strand entlang.
Bis zum Mittagessen war nicht viel geschehen. Joost rief an, erzählte über die Kinder, mit denen er abends telefonierte. Kontakt mit den Kindern, seit sie größer geworden sind, war seine Aufgabe. Es hat sich im Laufe ihrer Ehe so ergeben, dass Irene bei den Kindern als Mutter, Erzieherin und Autorität galt, der Vater dagegen als Freund und Kumpel, der immer da war, wenn das Leben Kummer und Geldprobleme bereitete. Wenn es aber wirklich ernst wurde, meldeten sie sich bei der Mutter. Sie war streng, hart und konkret, hat später keine Vorwürfe gemacht, nur gehandelt. Wortkarg, treffend und präzise in Formulierungen, spöttisch, oft verletzend, doch einen Ausweg wusste sie immer.
Den Kindern ging es gut. Emilia schimpfte kräftig auf die Engländer, auf Waschbecken ohne Wassermischer, auf kalten Luftzug aus allen Ritzen und fade englische Küche. Also, das Übliche. Tilmann war mit allem zufrieden, wollte nur wissen, ob er seine Filmkamera zu Hause vergessen oder schon verloren hatte. Die Kamera lag in seinem Zimmer auf dem Bett. Also, vergessen. Joost bejammerte pflichtbewusst das Fehlen Irenes, wie er sich zu Hause einsam fühlte und so weiter. Seit seiner Prostataoperation fühlte er sich zu Seitensprüngen verpflichtet, weil erstens keine Zeugungsgefahr mehr bestand, und zweitens als Beweis für seine sexuelle Vitalität trotz Operation. Also, auch das Übliche. Irene sagte, dass es ihr gut ging und dass das Wetter sich hielt. Mehr gab es nicht zu erzählen.
Sie spazierte dann durch die üppig mit Oleander- und Rosmarinsträuchern bewachsene Hotelanlage in den Ort, kaufte sich eine Zeitung und setzte sich ins Cafe, um Zeitung zu lesen und eine Tasse Capuccino mit einem Stück Aprikosenkuchen zu genießen. In der Zeitung stand nichts Neues und besonders Aufregendes. Die italienische Öffentlichkeit war abermals empört über einen neuen Korruptionsskandal und darüber, dass im Nahen Osten immer noch kein Frieden herrscht. „Non c’è pace tra gli ulivi“, - seufzte Irene lakonisch ihren Kommentar und blieb noch eine Weile im Cafe sitzen, beobachtete den Verkehr, die vorbeiflitzenden umtriebigen Italiener und dachte darüber nach, ob sie wirklich arbeiten will. Der frustrierende Familienalltag verklärte sich in den langen Ferienwochen, und das war gefährlich.
Glen meinte, es wäre der ideale Zeitpunkt, in das Berufsleben einzusteigen: die Kinder sind aus dem Haus, die Großeltern noch rüstig genug, um sich selbst zu versorgen und zu beschäftigen... Alles absolut treffende Argumente... „Du bist zu bequem geworden, meine Liebe! Einfach faul und ängstlich. Du hast keine Ahnung, wie das Leben so funktioniert. Gibst dich mit allem zufrieden, nur damit es läuft wie immer. Du warst doch früher ganz anders.“
War sie es?
„Er hat Recht. Und wie er Recht hat!“ Entschlossen stand Irene auf und ging zum Hotel zurück. Morgen reist sie ab... Nein, übermorgen. Den morgigen Flug um 10:20 schafft sie nicht: sie muss erst das Ticket besorgen. Der Flug kann ausgebucht sein. Und die Agentur, wo sie es heute machen kann, ist nachmittags geschlossen. Das Hotel ist auch bis Ende der Woche im Voraus bezahlt.
Immer, wenn sie etwas für sich durchsetzen will, steht die aktive und alles voraussehende Allmacht ihres Mannes dazwischen. Doch dieses Mal schafft sie es. Unbedingt! Und keine Widerrede!
Irene sah sich im Spiegel mit vor dem Gesicht geballter Faust stehend und sich selbst drohend, und lachte laut auf. „Selbstgespräche nützen nichts, meine Liebe! Handeln muss man, handeln!“
Der Tag schleppte sich träge hin. Die bis zur Abreise verbliebene Zeit wurde plötzlich unerträglich lang. Irene wollte fort und endlich – handeln! Sekretärin? Warum auch nicht? Sie arbeitet sich bestimmt hoch. Die Voraussetzungen dafür hat sie. Sie muss bestimmt viel, sehr viel nachlesen, aber Jura ist doch ein konservatives Lernfach.
Am Nachmittag wurde es am Strand wegen des stärkeren Windes ungemütlich, und Irene verbrachte ihn mit Aufräumen und Packen ihrer Sachen. Am Samstag um 13 Uhr ging ihre Maschine nach Hamburg. Keine Verzögerung! Ab Montag fängt ihr Leben neu an. Und das wollte sie heute feiern! Sie ging noch in den Ort und machte ein paar Besorgungen: Olivenpaste, trockene Feigen und zwei Flaschen guten apulischen Weines. Dann ging sie essen.
3. Im Restaurant
Das Restaurant „Lido Bianco“ war, trotz seines schlichten Namens, wirklich gut. Es hatte sogar zwei Gabeln im Michelin-Führer und war sonst unter den Insidern als geheimer Tipp bekannt.
Als sie das Restaurant um diese für das Abendessen noch frühe Stunde betrat, sah sie sofort an einem der Tische das Mädchen sitzen, das sie heute am Strand beobachtet hatte. Das mit dem dauernd klingelnden Handy... Warum hat sie es einfach so lange nicht abgestellt, wenn sie nicht dran gehen wollte? Entschlossen ging sie zum Tisch, an dem die Frau saß, und fragte zuerst auf Italienisch: „Posso?“, was angesichts des praktisch leeren Saals schon eine Einladung zur Kontaktaufnahme bedeutete. Die junge Frau sah sie etwas erstaunt und verwirrt an und sagte auf Deutsch: „Bitte!“
Irene setzte sich und sprach gleich auf Deutsch weiter: „Sie entschuldigen, aber ich habe Sie heute früh am Strand vor unserem Hotel gesehen und dachte, vielleicht ist es Ihnen genau so langweilig wie mir, allein herum zu sitzen... Oder warten Sie auf jemanden?“ – fiel ihr plötzlich ein. Es könnte sein, dass diese Frau deswegen zu einer zum Essen so frühen Stunde im Restaurant sitzt, weil sie mit jemandem verabredet ist.
„Nein, nein! Ich wollte nur etwas essen,“ – beeilte sich die junge Frau ihr zu versichern, dass sie ganz allein und nur zum Zweck eines Abendessens da sitze. „Der Mann an der Rezeption hat mir dieses Restaurant empfohlen, sagte aber, dass ich für den Abend einen Tisch telefonisch vorbestellen soll, da es ab 20 Uhr öfters voll ist. Ich wollte schon zu Mittag hier essen, aber es ist ja nur am Abend offen. Ich dachte, wenn ich früh genug gehe, dann kriege ich noch einen Platz. Außerdem habe ich so einen Bärenhunger...“ Die Frau lachte und drückte fest auf ihren Magen.
Irene war froh, dass die junge Frau kein verkrampftes „deutsches Fräulein“ war und sie nicht mit disziplinierender Kälte und Abweisung für die „Störung“ bestrafte. Im Gegenteil: die junge Frau schien sich darüber zu freuen, dass sie nicht mehr so allein und verloren da saß, nachdem sich noch nicht einmal der Kellner bei ihr gemeldet hatte.
„Ich habe mittags auch nur ein Stück Kuchen gegessen, habe auch einen Bärenhunger,“ – lächelte Irene der jungen Frau zurück und stellte sich vor: „Irene Walthner. Ich komme aus Hamburg.“ Aus unerklärlichen Gründen nannte sie ihren Mädchennamen.
„Daniela Martens. Ich komme aus Erfurt,“ – stellte sich die junge Frau vor.
„Erfurt? Ich war vor vielen, vielen Jahren in dieser Stadt. Damals war ich noch ein Kind, mein Opa mütterlicherseits war gestorben, und ich durfte mit zur Beerdigung. Das war das einzige Mal, das ich in den Osten durfte.“
Die junge Frau, die Daniela hieß, senkte den Blick, und erweckte bei Irene den Eindruck, als würde sie sich für dieses „Nicht-Dürfen“ schämen. Irene hätte sie beinahe getröstet („Sie können doch nichts dafür!“), merkte aber rechtzeitig, wie herabwürdigend ihr gönnerhaftes Verständnis auf Danielas Nichts-Dafür-Können wirken würde, wie so oft das Verständnis, das Joost ihr gegenüber zeigte. Ekelhaft!
„Was bestellen wir zum Essen?“ – fragte sie ausweichend. „Ich kenne die Speisekarte hier fast auswendig. Man sollte trotzdem Giancarlo fragen, was er heute empfiehlt. Wollen Sie Fisch oder Fleisch?“
Giancarlo, der quickelige Endfünfziger, kam angetänzelt und brachte die Speisekarten. Er blieb neben dem Tisch stehen und wartete höflich, bis die Signore sich im dicken Convolut orientiert haben. Dann fragte er, ob er was vorschlagen dürfe. Selbstverständlich!
„Als „primo“ empfehle ich „cavatelli con le cozze“. Ganz frisch vorbereitet aus ganz frischen Miesmuscheln. Und als „secondo“ haben wir heute ein besonders zartes Filetstück vom Kalb anzubieten.“ Er machte mit den Fingern ein Schnäppchenzeichen. „Und vom Fisch“ – er schickte einen „mammamia!“ - Blick gen Himmel – „gibt es heute die einmalige Zuppa di pesce alla gallipolina! Das ist die Spezialität unseres Chefs: er ist aus Gallipoli und macht sie eigentlich höchstens einmal im Monat, weil das Rezept viele verschiedene Fischsorten und Meeresfrüchte vorschreibt. Und heute ist so ein Tag.“ Giancarlo senkte für einen Moment verständnisvoll den Blick: „Ich weiß, die Leute nehmen normalerweise eine Suppe dem Haupthang voraus,“ – und hob ihn triumphierend wieder: „Es ist ein Gericht, sage ich Ihnen, einfach fantastisch!“
„Sie als Hamburgerin sind bestimmt sehr gute Fischsuppen gewohnt,“ – sagte Daniela.
„Ach was! Mir scheint, dass auch unsere Nordsee- und Atlantikfische alle aus China kommen. Ich nehme die Suppe!“
„Ich auch.“
„Und eine Flasche „Soave“, bitte.“ Ich denke, dieser Wein passt zum Fisch. Ich nehme ihn auf meine Rechnung.“
„Muss nicht sein. Wir teilen.“
Beim Essen, nach guter italienischer Manier, sprach man über das Essen. Die italienische Küche hat im Vergleich zu der deutschen und österreichischen, ja sogar französischen gut abgeschnitten. Daniele plagte sich sichtlich mit der Akzeptanz der Miesmuscheln, die sie, wie sie sagte, zum ersten Mal im Leben aß und über deren italienische Bezeichnung sie zuerst stolperte, doch verspeiste auch sie – der vorzüglichen Cavatelli wegen. Dafür lobte sie die Zuppa umso mehr. Richtig lecker wäre sie, einfach super und nachzukochen wert... Wenn man natürlich solche exzellenten und frische Fische in Deutschland je bekäme.
Plötzlich klingelte Danielas Handy. Die Anrufsmelodie war ungewöhnlich: „Mack the Knife“, gesungen a cappella. Nett. Daniela wartete, bis das Liedchen abklang und aß weiter.
„Warum gehen Sie nicht ans Telefon? Ist es vielleicht ein lästiger Verehrer?“
„Oh, ja! Sehr lästig und aufdringlich! Will, dass ich mich entscheide.“
„Kenne ich auch.“
Irene sagte es einfach so, als Floskel. Lästige Verehrer kannte sie seit ihrer Hochzeit mit Joost keine mehr. Die Verehrer schon, aber keine lästigen: alle hatten Respekt vor ihrem Mann und seiner beruflichen Position. Die Ehe mit einem finanz- und positionsstarken Mann hatte eine unsichtbare Schutzmauer um sie gezogen, sie für andere Männer zu einer Art „Unberührbaren“ gemacht. Nur Glen, der sie noch „vorher“ noch als Irene Walthner kannte, scherte sich keinen Deut um diese Mauer.
Das Handy klingelte erneut.
„Wollen Sie, dass ich dran gehe und sage, dass er sich in der Nummer getäuscht hat? Manchmal hilft es,“ – schlug Irene vor.
„Nein. Ich habe eine Mailbox. Ich höre mir alles später an.“
Die beiden Frauen aßen weiter ihr gutes Abendessen, sprachen über Dies und Jenes, alles banales Zeug und doch nicht langweilig. Ein bisschen über sich, ein bisschen über die Familien, über ihre Zukunftspläne. Daniela war noch nicht verheiratet, hatte aber nette Eltern und zwei jüngere Zwillingsbrüder. Sie hatte sich gerade zu einer Kindergärtnerin ausbilden lassen und sollte am 1. Oktober bei einer großen Kita als Referendarin anfangen, wollte aber unbedingt später, wenn die Zwillinge ihr Abitur gemacht hatten, auf die Uni und Physik studieren. Wenn es klappt, in die Wissenschaft gehen, wenn nicht, dann Lehrerin am Gymnasium werden, für Physik, Mathe und Sport. Irene wunderte sich über diese „unweibliche“ Fächerkombination, aber Daniela sagte, dass Physik und Mathe schon in der Schule ihre Lieblingsfächer waren, und im Sport war sie immer die Schulbeste, besonders beim Schwimmen. Es hörte sich noch so verträumt, wie die Zukunftspläne ihrer eigenen Kinder an, und Irene war in diesem Gespräch voll dabei.
Über sich selbst sagte sie nur, dass sie ein Jurastudium hinter sich hat und bald in einer neuen Rechtsanwaltkanzlei anfängt. Es klang so, als wäre sie immer schon berufstätig gewesen, und jetzt geht es nun anderswo weiter. Dabei wollte sie weder angeben noch lügen, sondern sich mit dieser Aussage in eine beschlossene Tatsache, in ein Fait accompli hineinzwingen. Damit es kein Zurück mehr gab.
Das Restaurant füllte sich allmählich. Der tänzelnde Gang Giancarlos beschleunigte sich, kam aber nicht aus dem Rhythmus. Daniela, die am Anfang etwas bedrückt und verstört gewirkt hatte, wurde nach paar Gläsern Wein immer ruhiger und entspannter. Irgendwann hörte auch das Handy auf zu klingeln.
„Ein schöner Abend,“ – sagte Irene. „Schade, dass man so etwas nicht voll genießen kann. Immer hat man im Hinterkopf einen Gedanken an irgendeine Pflicht oder Verpflichtung. Man ist nie frei. Freiheit ist eine Utopie, der man sich in der Politik gerne bedient. Es wird da behauptet, dass ein freier Mensch vor allem die Entscheidungsfreiheit hat. Die gilt als die bestimmende Freiheit. Der Mensch in der Freien Welt entscheidet demnach selbst, ob er zu einem Penner oder zu einem Millionär wird.“
Irene holte weit aus. Politik war ihr Hobby. Sie interessierte sich sehr dafür und rechnete sich zu einer stillen, aber kritischen außerparlamentarischen Opposition. Mit viel Insiderinformation und scharfem Sarkasmus umriss sie die jetzige Lage der Deutschen Nation als total desillusioniert, kraft- und ideenlos in schwammiger Konsensbrühe dahin schwimmend, ohne Führung, immer in irgendwelche vorgegebene Richtung den Amerikanern, grünen Öko-Faschisten und dem gesamteuropäischen Niemandsland nach. Auf diesem Terrain lebte sie ihr Temperament voll aus: lakonisch, in kurzen und präzisen Sätzen, scharf und treffend. Das war ihr Metier, dem Joost, auch redegewandt, sich nicht gewachsen fühlte. Was die Politik anbelangze, nahm sie kein Blatt vor den Mund. Zwar war der Personenkreis, der ihr – selten genug - zuhörte, und in dem sie als „rebellische Irene“ leicht verspottet wurde, wohl Joost zuliebe nachsichtig. Manche nickten sogar zustimmend. Doch in der ganzen Politik interessierte diese Leute nur die Finanzpolitik. Da aber fühlte sich Irene nicht ausreichend kompetent und schwieg.
Joost selbst hatte keine politische Meinung, und galt wahrscheinlich deswegen als konservativ. Auf jeden Fall als vorsichtig und bedacht. Da Irene mehrere Sprachen gut beherrschte, las sie auch in den Ferien regelmäßig die jeweilige Landespresse und fühlte sich gut informiert. Doch zu einer „wahren Expertin“ auf diesem Gebiet wurde sie erst durch das Internet...
Unweigerlich kam sie wieder auf das Thema, das sie immer betroffen machte – das Verhältnis zwischen Deutschen und Russen. Ihr aus der russischen Gefangenschaft als „Spätheimkehrer“ entlassener Opa, der über den Krieg so anders erzählte als man darüber in der Öffentlichkeit – wenn überhaupt – sprach, prägte ihr den Siegel der Verpflichtung zu einer Versöhnung auf. „Wir, Deutsche, können uns immer noch nicht damit abfinden, dass die Russen, diese Untermenschen und Asiaten dazu, im Krieg gegen uns gesiegt haben. Darum haben wir die Amerikaner als die eigentlichen Sieger, ja sogar die Retter aus dem Schlamassel erfunden. Und den Amerikanern, die noch nie in einem echten Krieg gewonnen haben, helfen wir damit zu einem wenigstens „moralischen“ Punktesieg. Darum wehren wir uns so vehement gegen die Kooperation mit den Russen. Wenn überhaupt Kontakte, dann in Form eines fairen Handels, nicht mehr. Und die Gefahr, die von Russland angeblich ausgeht, ist nichts anderes, als unsere Angst, für den Krieg – und nicht für die Vernichtung der Juden – in die moralische Verantwortung gezogen zu werden. Krieg ist legitim, Genozid – verwerflich. Auch wenn gerade der Krieg den Genozid erst möglich macht. Die schizophrene Haltung zur Geschichte, die nur das erhalten lässt, was in unser heutiges politisches Konzept passt und was zur „political correctness“ gehört, führt uns in eine Sackgasse. Wir Deutsche....“
Plötzlich merkte Irene, dass Daniela ihren Wort- und Gedankenspielen gar nicht folgt. Sie saß plötzlich ganz in sich versunken, mit in sich gekehrtem Blick ihrer braunen Augen, noch sehr jung und sehr fraulich, mit schönem vollem Busen, weichen Gesichtszügen, fein geformten vollen Lippen. Eine wunderbare Frau in reifer Blüte ihrer Weiblichkeit. „Wie flüchtig wir doch auch das Äußerliche des Menschen sehen. So eine wunderschöne Frau! Nicht umsonst laufen ihr anscheinend die Männer nach,“ – dachte Irene und widmete sich wieder voll dem Essen zu.
Zum Nachtisch gönnten sie sich panna cotta, eine üppige, aber fantastisch schmeckende Versuchung. Doch auch diese wunderbare Nachspeise hellte Danielas plötzlich getrübte Stimmung nicht mehr auf. Irene wollte generös alles bezahlen, Daniela lehnte es ab, also teilten sie die Rechnung, die übrigens gar nicht hoch ausgefallen war. Und dann sagte Daniela plötzlich: „Sie haben behauptet, dass ein freier Mensch vor allem die Entscheidungsfreiheit hat.“
Irene sah Daniela wegen der Nachfrage etwas konsterniert an: „So wird behauptet. Ich meine es nicht.“
„Und was meinen Sie?“
„Ich glaube, dass die einzige freie Entscheidung, die der Mensch treffen kann, die zum Selbstmord ist. Daher heißt es auch Freitod. Alles andere sind Zwänge. Man kann zum Selbstmord auch getrieben werden, doch die allerletzte Entscheidung ist frei. Es sei, er wird inszeniert und...“
Irene merkte, dass sie jetzt dem anderen, weit ausschweifenden Thema zu verfallen droht, das sie als Juristin bis ins Detail zerfasern kann: Mord und Selbstmord. Wobei sie dafür den Begriff „Selbsttötung“ als milder und humaner bevorzugte.
Der so schöne und harmonische Abend endete auf einmal irgendwie traurig. Tod, Selbstmord... Und das nach der wirklich einmaligen Zuppa di pesce alla gallipolina, dem Soave-Wein und der himmlischen panna cotta...
Sie gingen zum Hotel zurück. Der Vertrauensbonus wurde – bestimmt durch Irenes politische Geschwafel – verspielt. Woher kommt bloß dieser Mythos, dass sie eine logisch und präzise denkende Frau ist? Eine Phrasendrescherin ist sie, eine egozentrische Person ohne Feingefühl.
Die gute Stimmung war perdu. Irene schämte sich und wusste eigentlich nicht, warum. Daniela sprach etwas Belangloses über ihre Eindrücke von Italien.
Vor dem Hotel blieben sie stehen. Daniela wollte noch ein bisschen am Strand spazieren gehen, obwohl es schon ganz dunkel wurde. Das Meer kräuselte sich aufgeregt, und die Schaumkronen leuchteten im matten Licht der untergegangenen Sonne weiß. Der heftige Wind holte sich die am Strand zurückgelassenen Papierfetzen und wirbelte sie solange durch die Luft, bis sie von den sich aufbäumenden Wellen heruntergeholt wurden.
„Sie will bestimmt allein gelassen werden und nicht nochmals irgendein politisches Statement anhören müssen“, - dachte Irene und behauptete gleich, dass sie sich auf ihr Zimmer zurückziehen möchte, um italienische Nachrichten anzuschauen. Daniela nickte: „Ich bin bald zurück. Ich hoffe, dass wir uns heute noch sehen. Vielleicht an der Bar? Ach, übrigens, ich will nicht mehr nach oben: können Sie mein Handy auf ihr Zimmer mitnehmen? Ich melde mich dann bei Ihnen.“
„Ich hoffe, es klingelt nicht zu oft.“ Irene nahm das Handy. „Ein schönes Stück! Die Batterie ist aber fast leer. Er ist ein „Nokia“. Ich habe auch ein „Nokia“, die Aufladeschnur müsste ja passen. Ich lade es auf. Wenn Sie es abholen, ist der Akku wieder voll.“
„Danke! Und wenn es doch klingelt, gehen sie einfach nicht dran. Ich höre nachher ab. Moment mal, damit es sicher nicht mehr klingelt, schicke ich schnell eine SMS und stelle die Klingel ab.“
Daniela nahm nochmals ihr Handy, schrieb schnell eine Nachricht und gab es dann Irene zurück. „Passen Sie auf, dass das Ding nicht in fremde Hände gerät,“ – lächelte sie plötzlich ganz entspannt und fröhlich. „Es ist schon Viertel vor Neun. Ich gehe. Ich brauche das Wasser gar nicht sehen, nur riechen. Haben Sie keine Bedenken: ich bind sofort wieder da.“
Sie zog ihre Schuhe aus, nahm sie in die Hand und ging auf dem noch warmen Sand zum Strand hinunter. Ihre schöne, sehr weibliche Figur wurde sofort zu einer dunklen Silhouette auf dem grauen Hintergrund des Abendhimmels über dem brausenden Meer. „Sie wollte bestimmt dieses säuselnde Ding loswerden, dass es sie beim Spazierengehen nicht nervt“, - dachte Irene, das schmale, schmeichelnd behagliche Stück moderner Kommunikation in der Hand, und ging ins Hotel auf ihr Zimmer.
Die 21-Uhr-Nachrichten der RAI UNO waren wie immer so betörend langweilig, der Wellenschlag des Meeres draußen so beruhigend und versöhnlich, dass Irene bald einnickte und erst aufwachte, als sie zu frieren begann. Draußen dröhnte das Meer immer lauter und kräftiger. Halb im Schlaf zog sie ihre Kleider aus und legte sich nun richtig ins Bett schlafen. Irgendwo im Hinterkopf blinkte der Gedanke auf, dass sie etwas verpasst oder vergessen hat, aber der Schlaf war stärker.
4. Leiche am Strand
Irene wachte auf, weil sie Stimmen hörte. Es waren Stimmen der drei „Englischen Fräuleins“. Sie klangen erregt und hoch. Eine tiefe Männerstimme versuchte sie zu beruhigen. Wahrscheinlich protestierten die Damen wieder gegen zu viel oder zu wenig Schaum im Frühstücks-Cappuccino. Sie schrieen wahrhaftig nicht engelhaft. Irene ging erstmal ins Bad.
Das Geschrei draußen wurde immer lauter. Die Damen verlangten die Hotelrechnung, und zwar sofort. Unverzüglich! Diesmal war der Capuccino zu alledem wohl auch kräftig versalzen.
Das Erste, was Irene sah, als sie auf den Balkon hinaus trat, war das Meer. Smaragdgrün bis lilablau mit weißen Tupfen besprenkelt lag es da, bis zum Horizont hinausgestreckt. Weit ausladende Wellen mit hohen Schaumkronen rollten über seine flatterige Oberfläche. Vom geißelnden Nordwind angestochen, entfesselten sie den Kampf gegen die Küste. Immer neue Wellenarmaden stürmten auf sie zu und wurden zurückgeworfen. Schön war das Meer, wild und schön.
Unten am Strand waren ungewöhnlich viele Leute versammelt. Ein Krankenwagen stand da und ein Polizeiauto. Irene lief hinunter. Am Strand stand nicht nur das ganze Hotelpersonal zusammengekommen. Viele Fremde scharten sich um einen auf dem Sand liegenden Frauenkörper. Schon von Ferne klopfte Irenes Herz so stark, dass sie gleich wusste: es ist Daniela.
Daniela lag der Wasserkante entlang auf dem Rücken mit weit geöffneten Armen und Beinen, das dunkle Haar voll Sand und Tang. Das helle nasse Kleid umschlang fest ihren Körper. Sie war barfuss. Der Wellenschaum bespritzte ihr Gesicht, das weißlich und aufgedunsen war. Dem Sonnenstand nach war es noch früh, vielleicht halb acht. Der starke, salztrunkene Wind hob die Kleider der Herumstehenden hoch, zerzauste ihre Haare.
Ein Fotograph kniete hin, um Großaufnahmen vom Gesicht der Toten zu machen. Er knipste sie mehrmals von allen Seiten. Dann fragte er den daneben stehenden Mann im blauen Uniformsakko, dessen photogene Gesicht noch vom Schlaf mitgenommen wirkte: „Die Uhr auch?“ „Ja.“ Der Fotograph machte mehrmals die Aufnahme von der Armbanduhr auf dem Handgelenk der Toten, vergewisserte sich auf dem Monitor seiner Digitalkamera, ob alles gut zu sehen war, stand auf, strich den feuchten Sand von seinen Hosen ab und sagte: „Um 22 Uhr und 25 Minuten stehen geblieben. Fertig.“ Der Mann im blauen Uniformsakko rief in Richtung Polizeiauto: „Sie können die Frau jetzt abtransportieren.“
Zwei Carabinieri, einer jung und schlank, der andere älter und korpulent, kamen herbei und deckten die Tote mit einem Tuch zu. Von der Straße her fuhr rückwärts auf den Strand ein dunkelbrauner Kastenwagen, wobei der Fahrer laut fluchte, weil der Wagen im Sand stecken zu bleiben drohte. Die Leiche wurde in den Plastiksarg gelegt, mit dem Deckel zugedeckt und in den Wagen geschoben. Die Schiebetür des Wagens wurde zugeriegelt. Der Mann im blauen Uniformsakko gab ein Zeichen, und der Wagen fuhr weg.
Die Herumstehenden, die vorher wie erstarrt wirkten, kamen in Bewegung und näherten sich der Stelle, auf der der tote Körper gelegen hatte. Die Flut, die die Leiche an das Ufer heran gespült hat, zog sich langsam zurück. Der unentwegt blasende Wind verjagte schließlich die Polizei und die Schaulustigen vom Strand in die bescheidene Lobby des Hotels.
5. Zeugenbefragung 1
Der Mann im blauen Uniformsakko war wohl der Untersuchungsbeamte. Der „commissario“ also. Er wirkte weiterhin unausgeschlafen, nahm auch gerne den angebotenen Kaffee entgegen und beantwortete die fragenden Blicke der Herumstehenden mit einem nach hausbackener Weißheit klingendem Satz: „La natura è dura con le sue creature.“ („Die Natur ist hart zu ihren Kreaturen.“) Dann bat er die Hotelgäste, sich in ihrem Morgenablauf nicht stören zu lassen und zu frühstücken, das Hotel aber – sie verstehen – vor der Zeugenbefragung nicht zu verlassen. Er setzte sich an den runden Lobbytisch, auf dem Hotelprospekte herumlagen, und bat den Hotelbesitzer, den Platz ihm gegenüber einzunehmen. Zwei Carabinieri verscheuchten den auf der Lobbycouch schlafenden Hund, der trotz dieser Ungeheuerlichkeit wohl aus Altersschwäche keinen Widerstand leistete, und nahmen seinen angestammten Platz ein.
„Signora Martens wollte heute abreisen. Sie hat schon alles bezahlt,“ – fing der Hotelbesitzer an, sprang plötzlich auf, lief zur Rezeptionstheke, kramte eiligst ein Blatt Papier aus der Schublade heraus und kehrte zu dem Untersuchungsbeamten zurück. „Da, sehen Sie, fünf Tage, vier Nächte, vier Mal Frühstück. Alles aufgeschrieben und verbucht. Bitte, schauen Sie! Das ist die Rechnung. Von Signora Martens eigenhändig unterschrieben. Sie kam am Sonntagnachmittag und wollte am Donnerstag abreisen.“
„Heute hat sie aber nicht gefrühstückt,“ – bemerkte der Mann im blauen Uniformsakko.
„Sie wollte es aber, darum habe ich gleich „vier Mal Frühstück“ aufgeschrieben.“
„Das Frühstück soll doch bei ihnen im Übernachtungspreis eingeschlossen sein. So steht es mindestens hier geschrieben“ – der Mann im blauen Uniformsakko deutete auf eine Passage im Hotelprospekt hin.
Der Hotelbesitzer verlor kurz die Fassung, fand sich aber sofort: „Es gilt nur für die Hochsaison. Außerhalb der Saisons wird Frühstück extra berechnet.“
Der Mann im blauen Uniformsakko schmunzelte: „Wir klären es später. Es ist Sache der Finanzkontrolleure. Wann hat die Frau bezahlt?“
„Hier steht es geschrieben. Sehen Sie! Ganz genau. Gestern Nachmittag, um 17 Uhr und 40 Minuten. Das ist der Kassenbon.“ – Der Hotelbesitzer zeigte den Kassenbon. – „Sie wollte noch draußen Abendessen, dann ein bisschen am Strand spazieren und früh ins Bett gehen. ‚Ich habe morgen einen anstrengenden Tag vor mir‛ sagte sie.“
Der Mann im blauen Uniformsakko stand auf, entschuldigte sich und fragte nach der Toilette. Seinen Platz nahm unverzüglich einer der Carabinieri ein.
„Haben Sie die Frau nachher gesehen, nach dem Spaziergang?“ – fragte er mit gestrenger Miene.
„Nein. Wieso? Sie hat alles bezahlt. Ich sitze normalerweise gar nicht hier, an der Rezeption. Wir haben jetzt doch kaum noch Gäste und keine weiteren Anmeldungen. Wir alle sind hier wie eine Familie auf Zeit. Ich brauche niemanden zu überwachen. Außerdem war Signora Martens vielleicht zu der Zeit, als ich mich zurückgezogen habe, schon... ertrunken.“
„Ob sie freiwillig ertrunken ist oder jemand ihr dabei geholfen hat, wissen wir noch nicht. Die Obduktion wird es klären,“ – sagte der Carabiniere noch strenger und warf einen durchdringenden und vernichtenden Blick auf den erblassten Hotelbesitzer. Man sah dem Ordnungsmann an, dass die Kriminalfilme, die er im Fernsehen sah, an ihre Zuschauer keinen hohen intellektuellen Anspruch stellten.
Der Mann im blauen Uniformsakko kam wohl erleichtert und auf jeden Fall deutlich erfrischt zurück, legte seinen Sakko ab, strich mit der Hand über das angefeuchtete schwarze Haar, rückte die Krawatte zurecht. Ein ganz ansehnlicher Mittvierziger, mit gleichmäßigen Gesichtszügen und einem leicht süffisanten, spöttischen Lächeln scharf umrissener voller Lippen. Er setzte sich wieder auf seinen Platz, den der Carabiniere geflissentlich räumte. „Sie können gehen,“ – sagte er zum Hotelbesitzer. „Geben Sie mir bitte die aktuelle Liste der Hotelgäste mit entsprechenden Zimmernummern. Und die Rechnungen von Signora Martens möchte ich für unsere Unterlagen zurückbehalten.“
Als der Hotelbesitzer auf weichen Knien hinter der Tür mit der Aufschrift „privato“ verschwand, fragte der Mann im blauen Uniformsakko den Carabiniere, dessen Gesicht nicht mehr so Furcht erregend wirkte:
„Hat sie vielleicht einen Abschiedsbrief hinterlassen?“
„Im Zimmer – nicht. Nichts gefunden. Bestimmt nicht,“ – beeilte sich der Carabiniere die Frage zu beantworten.„Ein Tagebuch oder so was Ähnliches?“
„Nichts. Nichts des Gleichen.“
„Dann befragen wir die Hotelgäste. Es sind ja nicht viele, wie ich es hier sehe. Und fragen Sie die Gäste, ob jemand uns vielleicht mit dem Dolmetschen helfen kann.“
6. Zeugenbefragung 2
Als erste kamen die drei englischen Damen dran. Der Mann im blauen Uniformsakko konnte leidlich Englisch und befragte sie selbst. Vorab beschwerten sich die Damen über das miserable Frühstück und zu wenig Badetücher im Hotel. Die ertrunkene Frau haben sie nur einmal, gestern Vormittag, am Strand gesehen. Wer sie ist und was sie sonst hier tat, wussten sie nicht, bekräftigten aber ihren Wunsch, sofort abzureisen, weil sie in dem Hotel, in dem die Gäste einfach so, mir nichts dir nichts, ertrinken, keine Stunde länger bleiben wollten. Man müsse Verständnis haben: sie haben einfach Angst vor Leichen.
Das österreichische Ehepaar konnte – mit Irenes Hilfe - bestätigen, dass „das Madel“ am Sonntagnachmittag mit einem Taxi ankam und sonst höflich gegrüßt hat. Außerdem war sie immer adrett gekleidet und trank Tee zum Frühstück. Mehr wussten die Eheleute nicht zu berichten.
Die Motorradfahrer waren Italiener, sprachen beide gleichzeitig und haben die Frau am Strand erst gar nicht gesehen. Zudem wollten sie nicht länger mit unnötigen Befragungen aufgehalten werden, da sich gerade die zum Surfen idealen Wellen- und Windverhältnisse einstellten. Und vor Wasserleichen hätten sie sowieso keine Angst.
Irene gab an, Signorina Martens erst gestern zum ersten Mal gesehen und kennen gelernt zu haben. Sie haben zusammen im Restaurant „Lido Bianco“ zu Abend gegessen. Nachher sind sie zum Hotel zurückgegangen und haben sich verabschiedet. Signorina Martens wollte noch ein bisschen am Strand spazieren gehen.
„Wann war es genau? Haben Sie sich die Zeit gemerkt?“
„Ja. Genau um 20:45. Ich bin dann gleich in mein Zimmer gegangen, um die 21-Uhr-Nachrichten zu sehen.“
„Aber es war schon dunkel!“
„Ja, aber sie wollte nur zum Strand und zurück.“
„Und nachher? Haben Sie die Frau nachher gesehen?“
„Sie wollte noch vorbei kommen. Da ich bin wohl schon eingeschlafen gewesen...“
„Bei den Nachrichten?“
„Ja. Ich war auch etwas müde.“
„Was für Nachrichten waren es? RAI UNO? Klar: da schlafe ich auch gleich ein.“
Der Mann im blauen Uniformsakko lächelte einsichtig. Es war doch ein sehr hübscher Mann und hatte in seinem Leben bestimmt noch einiges vor. Auch mit Frauen hatte er noch einiges vor. Das merkte Irene an seinem an sie gerichteten Blick.
„Und haben Sie an ihrem Verhalten etwas Besonderes, Auffälliges bemerkt?“
„Eigentlich nicht.“
„Und worüber hat sie mit Ihnen gesprochen?“
„Über Italien.“
„Was?“
„Dass ihr das Land gut gefallen hat. Sie war zum ersten Mal hier.“
„Und Ihnen? Gefällt Ihnen Italien?“
„Ja. Ich und mein Mann verbringen unsere Sommerferien seit Jahren irgendwo in Italien.“
Der Mann im blauen Uniformsakko hat verstanden. Dieser schöne Mann wird es bestimmt zu etwas bringen.
„War die Frau irgendwie...“ – er zögerte – „traurig oder nervös?“
„Vielleicht. Ich kannte sie doch kaum. Sie war sehr hübsch.“
„Hübsch? Das sieht man den Ertrunkenen nicht immer an.“
Der Mann im blauen Uniformsakko lächelte traurig und zynisch zugleich. „La natura è dura con le sue creature.“ Eben. Das hat er doch schon gesagt.
„Wussten Sie, dass sie heute abreisen wollte?“
„Nein. Darüber haben wir nicht gesprochen. Wir haben uns eigentlich rein zufällig im Restaurant getroffen und haben zusammen zu Abend gegessen. Mehr nicht. Ich weiß nur, dass sie aus Erfurt kommt und dass sie am 1. Oktober in einem Kindergarten ihre Arbeit als Erzieherin beginnen wollte. Mehr hat sie über sich nicht erzählt.“
„Am 1. Oktober? Das wäre in einer Woche. Dann wäre es möglich, dass sie heute abreisen wollte.“
Die Befragung lief in die Sackgasse. Der Mann im blauen Uniformsakko notierte sich Irenes Adresse und Telefon, gab ihr – für den Fall des Falles – seine Visitenkarte. Er hieß Massimo Foretti und war dem den Italienern völlig unbekannten, smarten Krimi-Prototypen wie Commissario Brunetti im intellektuellen und sonstigen Gehabe ein bisschen ähnlich. Dann verabschiedete er sich von allen und fuhr mit beiden übrig gebliebenen Carabiniere weg. Der alte Hund nahm seinen angestammten Platz wieder an und schlief sofort wieder ein.
7. Der junge Mann
Irene wollte endlich ihren morgendlichen Capuccino trinken, das Frühstückszimmer aber war leer, das Buffet abgeräumt. Sie ging an die Bar neben der Rezeption und bestellte einen Capuccino. Der Hotelbesitzer selbst saß immer noch wie gelähmt da. Seine Frau Filippa tippte im Computer herum, der Drucker lief auf Hochtouren. Die Hotelbilanzen mussten wohl schnellstens zurechtfrisiert werden. Ein Todesfall unter den Hotelgästen ist nie gut. Die Finanzpolizei stellt noch bestimmt Fragen, deren Antwort sichere Belege verlangen.
Die drei „Englischen Damen“ waren schon abgereist.
„Terribile! Perchè proprio oggi? Lunedì volevamo chiudere. Tutti gli ospiti erano partiti e potevamo riposarci un po’.“ (Schrecklich! Warum gerade heute? Wir wollten ab Montag zumachen. Alle Gäste wären abgereist, und wir könnten uns ein bisschen ausruhen.) Weiterhin jammernd und schimpfend stand der Hotelbesitzer auf, ging zur Espressomaschine und machte eine Tasse Capuccino. Diesmal schmeckte er wirklich irgendwie fad. Irene setzte sich auf eine kleine Lobbycouch und streichelte den Hund, der darauf schlief. Seine halbgeschlossenen Augen sahen melancholisch auf die Frau, die seinen angestammten Platz mit beanspruchte. Der Hund war alt und krank und machte keine Anstalten mehr, diese Welt zu verstehen.
Ein Auto war vor das Hotel vorgefahren. Ein blauer Peugeot 307, nagelneu. So ein Auto wollte Tilmann unbedingt mal haben.
Ein junger Mann stieg aus. Er sah nicht wie ein Polizist oder ein Finanzbeamter aus, eher wie ein Hotelgast oder ein zufälliger Mensch, der nach dem Weg fragt. Er kam herein und sah sich um. So blond und streng und bestimmt schreitend war er sicher kein Italiener. Irene blickte aus dem Fenster. Das Auto hatte eine deutsche, Berliner Nummer. Doch ein Gast.
Der Mann trat zur Rezeption und sagte Filippa, er suche eine Frau namens Martens, Daniela Martens, sie sei hier abgestiegen, und wo er sie, bitteschön, finden könnte.
Alle schreckten auf: der Hotelbesitzer ließ das Kaffeesieb in die Spüle fallen, seine Frau tippte eine falsche Tastenkombination auf der Tastatur ein, so dass der Computer ein Warnsignal abgab, und Irene verschluckte sich beim letzten Kaffeezug. Nur der Hund schlief ruhig weiter. Der Mann merkte die Verwirrung, die er mit seiner Frage angerichtet hatte, schrieb sie aber seinem plumpen Englisch zu und wiederholte den Satz deutlicher und – hoffentlich! – richtiger und fügte unterstützend hinzu: „Capito?“ Irene wollte helfen und ihn auf Deutsch fragen, was er wolle, stockte aber, da sie eigentlich wusste, was er gefragt hatte, aber nicht die Antwort...
„Ich darf Ihnen keine Auskunft geben. Wenden Sie sich bitte an die Polizei,“ – sagte der Hotelbesitzer und fügte unerwartet barsch in erstaunlich gutem Deutsch hinzu: „Sie parken auf dem hoteleigenen Gelände. Für Unbefugte ist es verboten, hier zu parken. Bitte entfernen Sie unverzüglich ihr Fahrzeug!“
„Sicher aus irgendeiner Touristen-Aufklärungsbroschüre auswendig gelernt“, - dachte Irene und fing sich wieder.
Der junge Mann stand fassungslos da und konnte nicht sprechen. Dann brachte er aus sich kaum hörbar heraus: „Was ist passiert?“
Der Hotelbesitzer drehte sein immer noch blasses Gesicht zu Irene und sagte: „Bitte erklären Sie ihm, dass er sich bei der Polizei melden soll.“ Dann verschwand er hinter der Tür mit dem „privato“.
„Ist Daniela Martens Ihre Frau?“ – fragte Irene den jungen Mann möglichst ruhig.
„Nein, meine Freundin.“
„Frau Martens ist heute Nacht im Meer ertrunken.“
Der Hotelbesitzer sah aus der halb geöffneten Tür seines Privatbereiches heraus: „Bitte, warten Sie! Die Polizei kommt gleich.“
Der junge Mann wollte noch etwas fragen, hatte es aber nicht fertig gebracht, sich so weit zu beruhigen, um seine an Irene gerichteten Fragen verständlich zu formulieren. Er sah erbärmlich aus: seine Hände zitterten, das Gesicht war blass, der Mund durch einen Weinkrampf verzerrt. Nun versagte ihm die Stimme gänzlich.
Als die Polizei gekommen war und den jungen Mann zum Verhör mit auf das Revier nahm, wurde der Hotelbesitzer freundlicher, wenngleich nur zu Irene: „Sie wollten doch morgen auch abreisen, nicht wahr? Kann ich die Rechnung schon jetzt vorbereiten? Wir wollen ab Montag schließen, und ich will den ganzen Bürokram möglichst bald erledigen. Außerdem – wer weiß? Vielleicht will die Polizei wegen des Todesfalls gleich alle Bilanzen sehen. Aber keine Vorauszahlungen, bitte! Zahlen erst morgen, bei der Abreise: ich habe jetzt genug davon.“
„Leider ist bei mir schon alles im Voraus bezahlt,“ – sagte Irene. „Mein Mann hat es bei seiner Abreise getan. Ich habe die Quittung.“ Der Hotelbesitzer sah in seine inzwischen wohl völlig außer Kontrolle geratenen Unterlagen, fand nichts, nickte trotzdem bestätigend. „Tutto pagato, anche i grappini di buona notte. Alles in Ordnung.“ Und er lachte gequält über das ganze Gesicht.
Gegen Mittag kehrte der junge Mann zurück, ganz erschöpft und niedergeschlagen. Er bat den Hotelbesitzer um ein Zimmer zum Übernachten; denn er sah sich außerstande, heute noch zurück zu fahren.
Er bekam – wohl aus unerklärlichen Rachegelüsten - das Zimmer direkt an der Treppe, das kleinste und das unbequemste, obwohl das ganze Haus praktisch leer stand, denn das österreichische Paar war auch abgereist, einen Tag früher. Nur das unermüdliche Surferpaar tobte unten im stürmischen Wasser und fühlte sich sauwohl.
Der junge Mann holte einen kleinen Reisekoffer aus seinem, ab jetzt wohl rechtens im Hof des Hotels stehenden Auto, und begab sich auf sein Zimmer.
8. Handy
Irene wollte zum Strand, um sich vom Meer zu verabschieden. Der Wind und die Wellen waren noch stark. Das Meer sah aber nicht bedrohlich aus, weil es schön war, stark und kräftig, voll Leben. Es roch nach Tang, nach Salz und nach den Gewürzen der Länder, von wo es her wehte.
Sie ging lange den Strand entlang, soweit sie gehen konnte, bis die ins Wasser herausragenden Klippen ihr den Weg versperrten. An dieser Stelle stieg sie das hohe Ufer hinauf und kam auf die Dorfstrasse. In einem kleinen Lebensmittelgeschäft kaufte sie sich eine lange, reichlich mit Schinken und Käse belegte Baguette und aß sie genüsslich mit einer großen Portion Cafelatte auf. Dann kehrte sie zum Strand und ging in Richtung Hotel zurück.
In ihrem Zimmer angekommen wollte sie sich etwas ausruhen. Doch dann fiel ihr ein, dass sie Joost nach dem Wetter in Hamburg fragen wollte, um die passende Kleidung parat zu halten. Außerdem wollte sie ihr Handy vor dem Flug aufladen...
Mein Gott! Wie konnte sie es nur vergessen! Ihr Herz klopfte so hart auf den Brustkorb aufschlagend, dass es wehtat. Sie nahm das verfluchte Ding in die Hand und drückte auf die Entsperr-Taste. Das Dingt leuchtete im schönen Blau auf und gab eine hübsche Aufwachmelodie von sich. „Sie haben 6 neue Nachrichten bekommen“ stand auf dem Display. „Und ich habe nichts gehört. Sie hat doch den Klingelton abgeschaltet,“ – erkannte Irene. Dann leuchtete eine weitere Inschrift auf: „Sie haben 2 neue Mailbox-Nachrichten.“
Irene hatte kein Unrechtsgefühl, als sie die Taste „Lesen“ gedrückt hatte.
Die letzte Nachricht, abgeschickt gestern um 20:17: „ Sei nicht albern und melde dich endlich! Ich übernachte bei Foggia. Bin morgen gegen 10 bei dir.“
Gestern um 17:24: „Denk dran: wenn du es jetzt nicht tust, war alles, was du bis jetzt erreicht hast, umsonst.“
Gestern um 12:10: „Keine Angst! Es geht alles ok! Du hast doch noch viel vor und bist noch sehr jung! Sei nicht so stur und melde dich!“
Gestern um 8:46: „Wo bist du? Gehe doch dran! Wenn du immer noch Bedenken hast, melde dich! Es ist die beste Klinik in ganz Holland.“
Vorgesten um 22:12: „Warum willst du mit mir nicht sprechen? Melde dich! Ich habe alles organisiert und schon bezahlt. Auch Anästhesie. Du brauchst keine Angst zu haben.“
Vorgestern um 16:20: „Warum gehst du nicht dran? Ich fahre jetzt los. Der Termin in der Klinik ist am Sonntag 8 Uhr. Dienstagnachmittag bringe ich dich zurück. Einverstanden?“
Irene saß wie versteinert.
Dann hörte sie die gespeicherten Mailboxnachrichten ab. Es waren insgesamt vier.
Die zeitlich erste war vor fünf Tagen aufgenommen, wohl als Daniela im Hotel angekommen war:
„Endlich hast du dich gemeldet! Ich war schon besorgt. Wie geht es dir? Musst du immer noch brechen? Es ist ja sowieso bald vorbei. Ruhe dich jetzt aus. Es ist für uns beide noch nicht die Zeit, Kinder zu kriegen. Verstehst du mich? Ich will auch Kinder haben, aber noch nicht jetzt. Nicht jetzt, verstehst du? Ich habe erst angefangen, mit meiner Firma. Wenn ich jetzt noch ein Kind und eine Frau an den Hals kriege... Nein, unmöglich! Nein, das schaffe ich nicht! Wie soll ich das auch schaffen? Unmöglich! Dann bin ich gleich pleite, brauche erst gar nicht anzufangen... Hörst du? Außerdem hast du mich betrogen: du hast keine Pille genommen. Du hast es mir aber versprochen! Hörst du? Ich habe mich auf dich verlassen! Scheiße, warum bist du immer abgeschaltet?! ... Also, hörst du, Dani? Ich küsse dich! Ich melde mich.“
Die zweite Nachricht war vom Montag.
„Siehst du, ich hab’ ja gesagt: die Meeresluft ist gut in deinem Zustand. Leider kannst du diesmal nicht länger da bleiben. Du weißt doch, es gibt festgelegte Fristen. Wenn alles vorbei ist, dann kannst du nochmals dahin kommen und, meinetwegen, bis Ende September dort bleiben. Vielleicht können wir zusammen ein paar Tage dort verbringen. Ich versuche es zu arrangieren. Das wäre doch toll, nicht war? Zusammen am Meer... Wenn alles vorbei ist. Also, erhole dich gut und melde dich. Ich hole dich, wie gesagt, ab. Tschüss!“
Die dritte Nachricht war vom Dienstag früh.
„Nun lass den Unsinn! Ich will es nicht mehr hören. Es ist kein Mord – und basta! Und setz mich nicht immer unter Druck! Ich will dieses Kind nicht! Nicht jetzt. ... Verstehst du mich? Ich will mich für das Kind frei entscheiden können, und nicht unter Druck. Und das mit dem Gewissen, das kannst du mit deinem frommen Vater klären. Ich bin dafür nicht zuständig.“
Die vierte Nachricht wurde am Mittwochnachmittag gesprochen. Wahrscheinlich schon von irgendeiner Raststätte.
„Dani, hör’ zu. Ich komme morgen Vormittag zu dir und wir fahren gleich los. Halte alles bereit. Wir müssen am Samstag möglichst früh schon in Holland sein. Und lass das mit deinen Bedenken. Alles wird gut. Hörst du? Alles wird gut.“
Zwei Mailbox-Nachrichten waren noch am Server, nicht abgehört. Alle Mitteilungen, sowohl SMS als auch vom Mailbox waren vom Absender namens „Alex“ abgeschickt. Also hieß der junge Mann Alex.
Irene ging hinunter in die Rezeption. Alles schien zu schlafen, nicht nur der Hund. Er lag, wie üblich, auf der Lobbycouch und schnarchte. Fiesta war voll im Gange. Auch an so einem Tag.
Irene kraulte den schlafenden Hund zwischen den Ohren und wollte schon gehen, als der Hotelbesitzer mit einem schweren Stapel Wäsche, den seine Frau wohl nicht schleppen konnte, die Treppe herunterkam, beiläufig fragte: „Che cosa volete, signora?“ und im Hinterzimmer verschwand. Nach etwa einer Viertel Stunde kam er zurück, um die Antwort auf seine beiläufig gestellte Frage anzuhören. Eigentlich war er ein netter und fröhlicher Mann, und für einen perfekten Hotelier fehlte ihm nur eines: die Perfektion. Jedes Jahr lief irgendetwas schief, und er wusste nicht, wieso und warum. Wie jetzt, mit dieser ertrunkenen Frau.
Irene wartete, bis er seinen Dienstplatz hinter der Rezeptionstheke eingenommen hatte und fragte: „Wissen Sie, wie der Mann, der heute angekommen ist, heißt? Ich wollte ihn sprechen.“
„Worüber wollten Sie mit ihm sprechen?“
„Er fährt doch morgen weg. Vielleicht kann er mich zum Flughafen bringen? Wenn es für ihn auf dem Weg liegt...“
„Zu so einem Mann würde ich mich als Frau nicht ins Auto setzen, aber – wie Sie wollen. Er heißt...“ der Hotelbesitzer schaute in seinen Zetteln nach. „Er heißt Alexander Drec... Mein Gott, was für Namen haben diese Deutschen! Sie entschuldigen, Signora, ich habe nicht Sie gemeint.“
„Darf ich selbst nachsehen?“
Der Mann hieß Alexander Drechsler, wohnhaft in Berlin.
„Und warum soll ich mich nicht in sein Auto setzen?“ – fragte Irene.
„Wissen Sie, der Mann...“ Der Hotelbesitzer sah sich um und flüsterte: „Der hat sich für die Frau gar nicht interessiert. Er hat bei der Polizei die Telefonnummer ihrer Eltern angegeben und sonst nichts unternommen. Er wollte nicht einmal das Mädchen nochmals sehen. Morgen kommen die Eltern und kümmern sich um die Überführung. Er will wohl mit ihr nichts zu tun gehabt haben.“
„Und was hat er Ihnen selbst gesagt?“
Der Hotelbesitzer griff mit der Hand in die Herzgegend und stöhnte auf. „Nichts. Eben gar nichts. Er hat mich gefragt, ob im Zimmer die persönlichen Sachen seiner Freundin noch da sind. Er sagte, er möchte von ihr eine Kleinigkeit zum Andenken zu sich nehmen. Aber da ist schon alles weg: die Carabinieri haben alles in einen Plastiksack getan und mitgenommen.
„Auch das Handy?“
„Was wollt ihr alle mit diesem Handy? Der Mann hat auch schon danach gefragt... Woher soll ich das alles wissen? Ich habe kein Handy gesehen – und basta! Ich kann dieses Zimmer sowieso gleich abschreiben. Wenn jemand erfährt, dass dort eine Tote war, dann will es keiner mehr haben.“
„Sie ist doch gar nicht drin gestorben. Sie ist ja ertrunken.“„Noch schlimmer! Eine Wasserleiche ist schlimmer als eine normale Leiche.“
„Aber hier am Meer ertrinken doch bestimmt mehr Leute.“
„Doch, aber nicht bei mir. Warum hat es sie überhaupt hierher angeschwemmt, wo die Küste doch so lang ist!?“
Der Hotelbesitzer wusch sich den Schweiß von der Stirn und verschwand hinter der Tür mit dem „privato“ - Schild.
9. Alex
Der Mann, der Alex hieß, kam herunter, sah Irene und freute sich. Er wirkte entspannt, fast fröhlich. „Gut, dass Sie da sind. Sonst wäre ich jetzt mit meinem Schulenglisch und ohne Italienisch völlig verloren. Im Kommissariat hatten sie so einen miesen Dolmetscher! Ich habe ihn kaum verstanden. Man hat mir erzählt, wie es wohl passiert sei. Aber ich kann einfach nicht glauben, dass Daniela ertrunken ist. Sie konnte richtig gut schwimmen, wie ein Profi. Sie meinten, der Wellengang war sehr stark, und hat sie wohl ins Meer mitgerissen.“
„Wollen wir nicht ein Stück den Strand entlang spazieren gehen?“ – fragte Irene.
„Bitte nicht! Ich will diesem Mörder nicht zu nahe treten,“ – Alex’ Antwort klang fast witzig. Dann fragte er: „Womit kann man hier die Zeit totschlagen? Ich werde noch verrückt von diesen widerlichen Meeresgeräuschen!“
Irene tat so, als hätte sie Verständnis für diese Meeresaversion. Rasch stimmte sie sich bereitwillig in seine Gemütslage ein: „Wollen wir vielleicht ein bisschen im Landesinneren herum fahren? Sie haben doch ein Auto. Solange mein Mann noch hier war, hatten wir einen Wagen gemietet und viel von Apulien gesehen. Jetzt sitze ich hier seit zwei Wochen wie angenagelt, und der Strand geht mir langsam auch auf die Nerven. Morgen fliege ich endlich zurück. Sie haben hier auch nichts gesehen. Machen wir doch gleich eine Erkundungs- und Abschiedstour auf einmal!“
Zuerst fuhren sie eine Zeit lang die Küste entlang, dann aber bogen sie ins Landesinnere, in Richtung Taranto, ein. Sie wollte ihm unbedingt die berühmten runddächigen „trulli“ zeigen, die wie die hoch ragenden grauen Zipfelmützen der Trolle durch die Landschaft verstreut waren und in Alberobello den ganzen Stadtkern bildeten, der zu dieser frühen Nachmittagsstunde, auch von Touristen, noch fast leer war. Alex ließ sich brav alles erklären und war sonst nicht besonders gesprächig. Den von den Souvenirläden umsäumten Hauptweg, den Irene wegen der lästigen Ladenbesitzer als „via dolorosa“ bezeichnete, durchschritten sie tapfer und schnell. Ein ziemlich starker Wind blies auf dem Hügel, so dass sie froh waren, wieder unten zu sein. Auf einem kleinen Platz kehrten sie in die Bar mit dem lustigen Namen „A la prossima volta“ ein. An der Bartheke standen zwei alte Frauen und unterhielten sich laut und leidenschaftlich mit dem Barista, einem groß gewachsenen etwa Mittvierziger mit der blauen Firmenschürze, den die Anwesenheit der Kunden nicht aus dem Gespräch herauslocken konnte. Hinter die Theke erschien dann ein anderer Mann, auch mit der blauen Firmenschürze, alt und etwas dement wirkend, doch er nahm die Bestellung von „zweimal Capuccino“ entgegen, ließ aber den Kaffe von einem schüchtern wirkenden Jüngling, der vorher die Gläser abgespült hatte, machen. Dem Gesichtsschnitt und stark abstehenden Ohren nach waren alle drei bestimmt mit einander verwandt, Vertreter dreier Generationen einer Familie. Der Mittvierziger verabschiedete die alten Frauen mit Umarmung und Wangenkuss, kam dann hinter die Theke und kassierte. Von unter dem Tisch heraus beobachtete die Kunden durch die halb geschlossenen Augen ein grau-schwarz gemusterter Kater, unbeweglich wie eine Sphinx, Er sah auch alt und dement aus, hatte auch stark abstehende Ohren, als wäre er der Vertreter der vierten, der ältesten Generation dieser Familie.
Plötzlich sagte Alex unvermittelt: „Ich verstehe nicht, warum sie überhaupt so spät ans Wasser gegangen war. Wissen Sie zufällig, ob ihr Handy auch von der Polizei beschlagnahmt worden ist? Sie hatte es doch immer dabei...“
„Ich weiß es nicht,“ – antwortete Irene leicht konsterniert.
„Sie wird doch nicht damit baden gegangen sein?!“ – ärgertr er sich.
„Wenn sie aber von der Welle mitgerissen wurde...“
„Stimmt. Dann ist es auch... irgendwo auf dem Meeresgrund.“ Alex lächelte bitter. „Es war ja meins. Ich habe es ihr für die Reise ausgeliehen, weil ich für Ferngespräche einen sehr günstigen Tarif habe. Es war ein tolles Stück, frische Messeneuheit, mit allem Pipapo. “
Irene spürte, dass der Verlust des Handys dem Mann richtig Leid tat. Es ist wirklich ein tolles Stück!
Alex merkte plötzlich, dass er mit seinem Handygerede pietätlos wirkt und senkte trauernd den Kopf. Um seinem Trauerimage Nachdruck zu verleihen, erzählte er weiter: „Wissen Sie, Danielas Vater ist ein evangelischer Pastor. Sehr streng. Ein katholischer Freund wie ich passte ihm gar nicht. Sie lebte wie im Gefängnis. Das Mädchen durfte nie ausgehen, immer nur lernen, lernen, lernen... Jetzt hat sie die letzten Prüfungen hinter sich gebracht. Ich habe ihr heimlich die Reise hierher gebucht, damit sie sich ein bisschen vom Stress erholt. Dieses Wochenende wollten wir endlich zusammen verreisen, quer durch Europa, nach Holland. Ich habe alles schon organisiert, die Hotels gebucht. Es war gar nicht so billig... Jetzt ist es alles futsch! Das Geld kriege ich nicht mehr zurück. Zu spät zum Stornieren.“ Alex’ Stimme zitterte, er kämpfte sichtlich mit den Tränen. Tat ihm der Tod seiner Freundin so weh oder die eventuell zu bezahlenden Hotelspesen?
„Sie entschuldigen: Ich muss jetzt kurz telefonieren. Ich versuche es doch rückgängig zu machen.“ Alex ging mit geschäftlich besorgtem Gesicht aus der Bar heraus, um ungestört Telefongespräche zu führen. Doch die Spesen...
„Kann man so einen Mann lieben?“ – fragte sich Irene und beantwortete selbst ihre Frage: „Lieben vielleicht nicht, aber von ihm schwanger werden schon.“
10. Olivenhain
Sie fuhren weiter: zuerst durch die endlosen Olivenhaine, dann durch die genau so endlosen Weinfelder. Zwischendurch standen plötzlich riesige Feigenkakteen voll von orange- und lilaroten stacheligen Früchten. Alex redete weiterhin wenig.
An einer langen Biegung sah Irene ein Pappschild mit einer schief gekritzelten Inschrift
Olio di oliva
frutta fresca
uve e vino
marmellata fatta a casa
„Sie sind doch mit dem Auto hier. Wollen Sie nicht ein paar italienische Mitbringsel oder für sich selbst gute hausgemachte Spezialitäten kaufen? Bestimmt frisch und sehr günstig, vom Produzenten sozusagen.“
Alex nickte und zeigte sogar etwas Interesse.
Auf einem schmalen Weg fuhren sie etwa drei Kilometer weit durch den Olivenhain zu dem Haus des Bauers. Es war ein ziemlich heruntergekommenes Wirtschaftsgebäude, das wohl keine glückliche, singend ihr Tagewerk verrichtend, Großfamilie mehr bewohnte. Nach mehreren unbeantworteten „Hallo!“ und „Senta!“ gingen sie erstmals um das Haus herum und fanden da einen alten Mann in Jeans und schwarzem Hemd gekleidet, mit einer Axt in der Hand neben einem alten knorrigen Birnbaum stehend. Der Mann war entweder schwerhörig oder so intensiv in das Gespräch mit dem Baum verwickelt, dass er die herantretenden Gäste gar nicht merkte.
„Na, was ist jetzt? Wenn du weiter so machst und keine anständigen Birnen mehr hergibst, dann ist deine Zeit abgelaufen. Dann musst du sterben. Ich habe keine Geduld mit dir und keine Zeit mehr. Sonst krepiere ich noch vor dir, und du, ein Unnutz, bleibst am Leben. Da mache ich lieber ein fein gemasertes Holz aus dir und verkaufe es an Roberto. Er schnitzt daraus ein schönes Grabkreuz für mich und dann sind wir wieder beisammen.“
Der Alte holte mit der Axt aus, zögerte, sah sich um – und sah die Fremden. Merklich erleichtert senkte er die Axt und trat vom Birnbaum zurück.
„Bon giorno! Signori, cosa volete? Comprare qualcosa?”
„Ja. Wir wollen etwas frisches Obst und Olivenöl bei Ihnen kaufen. Vielleicht auch Gemüse. Haben Sie Gemüse?“
Der Alte drehte sich nochmals zum Birnbaum und sagte: „Glück gehabt. Ich gebe dir noch ein Jahr Galgenfrist.“
Dann bat er die Fremden ihm zu folgen und führte sie mit majestätischem Schritt eines Großgrundbesitzers a.D. ins Haus. In einem großen Raum mit hohem Gewölbe befanden sich entlang dem verputzten Mauerwerk lange Holztische, voll gestellt mit Körben, Töpfen und Flaschen, in denen die reiche Ernte Apuliens zu einer beschaulichen Pracht ausgelegt wurde: eingelegte Oliven, Nüsse, Kastanien, kandierte Früchte, Marmeladen, Tomatenpasta, Olivenöl, Wein, viel Obst und Gemüse. Alles in kleineren Mengen, aber frisch.
Wie aus dem Nichts erschien plötzlich eine jüngere, hoch gewachsene und kräftige Frau, begrüßte sie freundlich, fragte nach konkreten Wünschen. Der Alte, von Natur aus ein kleinwüchsiger, feingliedrige Mann, wirkte, nachdem ihm sein hoheitsvolles Auftreten genommen wurde, noch kleiner. Er stellte die Axt in die Ecke und beobachtete misstrauisch, wie die Frau, anscheinend die Schwiegertochter, einen Blechkanister mit Olivenöl füllte, den Wein zum Probieren servierte und einen kleinen Korb mit Weintrauben und Kakteenfrüchten kunstvoll arrangierte.
Irene kaufte eine kleine Flasche Grappa und etwas Weintrauben, obwohl sie nicht wusste, wie diese im Flugzeug heil bleiben. Alex kaufte einen Fünf-Liter-Kanister Olivenöl, sechs Flaschen Wein und eine kleine Kiste fichi d’India, wie die Früchte der Feigenkakteen auf Italienisch hießen. Vorher probierte er eine, wurde sofort begeistert, ließ sich das Problem mit den feinen stacheligen Härchen und dessen Lösung erklären. Trauben und Pfirsichmarmelade hat er auch gekauft. „Aus ihm wäre bestimmt ein fürsorglicher Familienvater geworden,“ – dachte Irene traurig.
Der Alte half nach Kräften beim Beladen des Kofferraums und sprach über die Obstbäume, die alt werden und kaum Früchte mehr tragen, und über die Olivenbäume, die mit dem Alter immer wertvoller werden und mit 100 Jahren die reichsten und besten Erträge bringen. „Ich bin aber kein Olivenbaum, eher ein alter Birnbaum, also, nichts mehr wert.“
Über dem Schmetterling, der auf die Obstkiste sich niederließ, sprach er eine kurze Grabrede, obwohl dieser noch munter flatterte. Doch, meinte der Alte, sind seine Tage, vielleicht Stunden, schon gezählt, denn auch nach Apulien kommt der Herbst, und dann der Winter, und dann der Tod... Der alte Stoiker versuchte, um die Kunden nicht zu irritieren, witzig zu sein, es klang aber nicht witzig, eher traurig. Seine Unterarme waren mit vernarbten Pusteln der Schuppenflechte übersät und ähnelten den Ästen des knorrigen Birnbaums, dem der Alte noch ein Jahr Aufschub gewährte. Wann läuft dann seine eigene Galgenfrist ab?
Als Abschiedsgeschenk reichte der Alte den Fremden eine große Tüte mit grünen Pflaumen, den Renekloden einer besonderen Sorte, die er, wie er sagte, selbst gezüchtet hat, und sah dem sich entfernenden Auto nach, bis es aus dem Blick seinen alternden Augen verschwunden war.
11. Santa Maria della Vittoria
Die Orte, durch die sie fuhren, füllten sich allmählich wieder mit Leben. Die Ladenjalousien gingen hoch, aus allen Seitenstraßen kamen plötzlich Autos und bildeten sofort endlose Schlangen in den schmalen Straßen schmaler Orte. In San Vito dei Normanni blieben sie nun endgültig stecken. Es ging einfach nicht mehr weiter. Irene schlug den Reiseführer auf und las, was es hier an Sehenswürdigem gab. Da gab es eine Säule, die an den entscheidenden Sieg bei der Schlacht bei Lepanto im Jahre 1571 erinnerte und eine Marien-Kirche. Sie stellten den Wagen ab und gingen zu Fuß auf die Suche nach diesen beiden geschichtsträchtigen Monumenten.
Erst jetzt füllten sich die Straßen richtig mit Menschen, besonders mit jungen. Alles wurde bunter, lauter und lustiger. Durch Glockenschlag eines unsichtbaren Campanile wurde die18-Uhr-Abendandacht angekündigt. Von überall her strömten die Alten zur Vesper. Für Irene, die eigentlich nie in die Kirche ging, war es interessant, das Phänomen des italienischen Kirchenlebens zu beobachte. Sie selbst hat mit der Kirche schon lange, nach mehreren schweren Auseinandersetzungen mit der frömmelnden und doktrinären Mutter, abgerechnet. Doch der süße, schmale Pfad zwischen Tugend und Sünde, die ritualgebundenen Handlungen, die meditative Stimmung des Gebets und die natürliche Eingebundenheit des Gottesdienstes in das Leben der katholisch geprägten Länder faszinierten sie wie alle Lebensäußerungen der fremden und exotischen Kulturen, als schmerzender Beweis der Abnabelung von der unschuldigen und verträumten Kindheit.
Die Kirche „Santa Maria della Vittoria“, die, wie es im Reiseführer stand, im Barockstil gebaut und ausgeschmückt sein sollte, müsste irgendwo ganz nah sein... Als Irene bei einem älteren Mann, der in diesem Gedränge und Trubel seelenruhig seinen kleinen, cool und abgeklärt wirkenden Hund ausführte, nach der Marienkirche fragte, zeigte er auf eine Kirche, die weder besonders monumental noch barock aussah, doch der Heiligen Gottesmutter Maria geweiht war. Sie gingen hinein und – oh, Schreck! In ihrer unitalienischen Schlichtheit war der weiß getünchte Innenraum frei von irgendwelchem sakralen Schmuck. Nur ganz oben, hoch in der Wand über der gedachten Altarnische, leuchtete im rosa-blauen Licht der Strahler als Altarbild eine in Pinkfarben ausgemalte hölzerne Frauenfigur mit dem prächtigen „Alete“-Baby auf dem Arm. Die Beiden maßten sich an, die Heilige Muttergottes Maria mit Jesus-Kind darzustellen.
In den als Seitenkapellen angedeuteten Bereichen strahlten, genauso unwirklich rosa-blau, zwei weitere Madonnenbildnisse, vor denen die reichlich mit 15-Watt-Glühbirnen bestückten Opferkerzengestelle standen. Man werfe eine 50-Cent-Münze in den Schlitz, kippe einen der kleinen Schalter, und irgendeine Glühbirne leuchtet dann für eine Stunde auf.
Das Gotteshaus war mit braven Kirchengängern gefüllt, die das tote Weiß der Wände, die popige Madonna und die elektrische, zeitlich limitiert leuchtende Ewigkeit wohl nicht zu stören schienen. Es war zum Kichern und bedrückend zugleich, aber Irene hatte doch zu viel Respekt vor der frommen Hingabe der sich zum Gebet versammelten Menschen, um sich darüber nicht zu ärgern. Alex wunderte sich über das Kosten-Preis-Verhältnis beim leuchtenden Andenken und meinte, dass der von den Gottesdienstbesuchern bezahlte Preis für eine abgefackelte Kilowatt-Stunde diese Kirche steinreich mache müsste.
Sie gingen schnell wieder heraus, fielen trotzdem den an der Straßenecke gegenüber um den Mann mit dem coolen Hund versammelten Einwohner auf; denn sie sprachen ziemlich laut und aufgeregt über die „Fremden“ („gli stranieri“), die ihrer Kirche die Aufmerksamkeit schenkten. Nachgeblättert im Reiseführer, stellte Irene fest, dass es eine andere Marienkirche war, und zwar die „Santa Maria delle Grazie“, und dass es in diesem kleinen Städtchen ganze fünf Marienkirchen gab. Nun war sie jetzt erst rech darauf aus, die eigentliche Chiesa di Santa Maria della Vittoria zu finden, mit der Siegessäule davor, der prächtigen Orgel und dem Christo morto in der Vitrine. Es wäre auch gar nicht so schwer, besonders wenn man nicht nach der Kirche, sondern nach der nun hoffentlich einzigen Säule in der Stadt fragt.
Die endlich gefundene, feiste oktogonale Säule war genau so hoch wie die Kirche, vor der sie stand, und nicht zu übersehen. Dafür war die weibliche Figur darauf kaum wahrnehmbar. Ob sie eine Sieges- oder Segnungsgeste über die Stadt und ihre Einwohner ausbreitete, war in der Abenddämmerung nicht zu erkennen.
Diesmal betraten Irene und Alex die Kirche unter erheblichem Vorbehalt. Doch sowohl die Innenausstattung als auch die Atmosphäre waren, wie Alex sich ausdrückte, „in Ordnung“. Das Altarbild wurde von dem schmalen geschnitzten Kruzifix dominiert. Zu seiner Linken, etwas tiefer und versetzt, hing eine Gottesmutter-Ikone im goldenen Rahmen, auf der die Mutter zu ihrem Sohn am Kreuz betete. In dem vom schwachen Licht der elektrischen Kerzen kaum erhellten Raum herrschte ein andächtiges, monotones Murmeln. Der Rosenkranz wurde gebetet, der Rosario. Die schattigen Gestalten der Gottesdienstbesucher standen stramm, die Gebetsketten in der Hand, alle gleich in ihrer Haltung und ihrer Inbrunst. Der Priester, ein älterer Mann im feierlich blauen Ornat mit weißem Schulterstück, sprach streng und bestimmt. Der junge Messdiener bereitete schon, auch streng und bestimmt, das Brot und den Wein für die Kommunion. Alles kam Irene erdrückend bekannt vor.
12. Der liebe Gott und die Mutter
Sie fühlte sich wieder in ihre Kindheit zurück versetzt, als sie noch an Gott zu glauben glaubte und in mahnenden Worten ihrer Mutter ein festes Gerüst für das Leben in der Welt der Erwachsenen sah, von dem man zwar als Kind ab und zu herunterfällt, doch wenn man es aber wieder erklettert und daran sich fest hält, es immer höher und immer schneller besteigen kann. Welche Purzelbäume dann man auch im Leben schlägt, es fängt einen immer ab.
Das Gerüst fing an zu wackeln, als die Mutter eines Tages sagte: „Gib zu, dass du die Serviette zerschnitten hast. Und versuch nicht, dich mit den Lügen herauszureden! Der liebe Gott sieht alles und bestraft dich nicht nur für deine Unartigkeit, sondern auch für deine Lügen.“
„Dann soll eben er mich bestrafen, und nicht du, wenn er alles gesehen hat und sowieso schon weiß.“ Die Mutter war richtig empört. Dafür bekam die kleine Irene einen Monat lang keinen Nachtisch und dürfte keine Kindersendung im Fernsehen sehen. Sie musste einen Monat lang eine Stunde früher ins Bett, um „über ihr unartiges Verhalten nachzudenken“. Und alles wegen dieser doofen Serviette, aus der sie einen schönen Untersatz für die Keramikvase, die sie selbst in der Schule geknetet hatte, sternförmig herausschneiden wollte. Aber diese blöde Schere machte alles kaputt!
Seitdem weigerte sie sich abends vor dem Einschlafen zu beten und ging nicht zum Kommunionsunterricht und nicht zur Kommunion selbst. Denn – das wusste sie bestimmt – dann müsste sie immer in die Kirche gehen und beichten, damit ihr verziehen würde. Wieso beichten, gegen sich selbst petzen, wenn der Liebe Gott bestimmt alles weißt und sie sowieso bestrafen wird.
Und den Ausdruck „der Liebe Gott“ benützte sie seitdem immer nur ironisch. Es war einfach eine ungerechte Strafe: einen Monat lang keinen Nachtisch und keine Kindersendungen wegen einer einzigen Serviette, auch wenn sie aus dem Dessauer Damast war. Gewissenserforschung, Reue, guter Vorsatz, Bekenntnis – alles das fehlte Irene für die Wiedergutmachung sowohl mit der Kirche, als auch mit der Mutter. Mit achtzehn trat sie dann aus der Kirche aus.
Die Rebellion der jüngsten Tochter hatte der Mutter ihr Glaubensgenick gebrochen. Sie hat sich davon nicht mehr erholt und wurde stumm und still. Ihr ganzes Wesen erblasste, verlor an Kraft und Lebensmut. Sie ging fast täglich in die Kirche, betete noch verbissener, jetzt nun für zwei: sich selbst und ihre verlorene Tochter. Sie ging immer allein dahin. Die älteren Kinder, der Sohn Moritz und die Tochter Leonie, die das eigene Desinteresse an der Kirche geschickt verbergen konnten, fürchtete dahinter eine Geisteskrankheit, wussten aber nicht, wie man es eindeutig herausfinden könnte, und was dagegen zu tun wäre. Nur der Vater blieb ruhig: „Es vergeht oder bleibt so. Nichts zu machen. Der Glaube ist eben ihr Hobby. Ein billiges übrigens, solange sie nach meinem Tod nicht ihr ganzes Vermögen der Kirche vermachtet. Da müsst ihr aufpassen.“ Der Vater und seine wesenstiefe Ironie! Den konnte die Rebellion der jüngsten Tochter nicht beunruhigen, eher erheitern.
Früher kam in ihr so etwas wie eine Lust hoch, mit dem für sie nicht existierenden Gott – der ja alles sieht und weiß! – einen Pakt zu schließen, als eine Art Beweisversuch für seine Nicht-Existenz: „Wenn du diesen meinen Wunsch erfüllst, dann glaube ich an dich. Dafür bete ich zu dir. Wenn es zutrifft, dann gibt es dich, wenn nicht, dann gibt es dich nicht.“
Der Versuch war meistens gescheitert, aber einmal klappte es: sie bestand ihre Abiturprüfungen mir Bravour und zündete vor dem Lieben Jesulein und seiner Heiligen Mutter eine große Opferkerze an. Aber sie tat es eher aus Spaß, als aus Ehrfurcht oder Dankbarkeit.
Nur einmal war kein Spaß dabei, sondern trauriger Ernst, als ihr Vater an Krebs erkrankte und es keine Hoffnung mehr bestand, dass er wieder gesund würde. Sie betete damals zu Gott, plötzlich, mitten im herbstlich bunten Wald, dass ihr Vater wieder gesund wird oder wenigstens die Geburt ihrer Tochter erlebt, worüber er sich schon so gefreut hatte. Aber er hat es nicht geschafft, trotz des Stoßgebetes seiner ungläubigen Tochter. Die Enkelin wurde erst zwei Wochen nach seinem Tod geboren und bekam den Namen Emilia, nach ihrem Großvater Emil Walthner.
13. Kerzenlichter
Das gemeinsame Gebet ging mit dem letzten „Amen“ zu Ende, die Sakramenterteilung kam schnell voran. In der vollbesetzten Kirche kam in Irenes heidnischer Seele keine fromme Stimmung auf, doch jetzt, als die Menschen fast alle weg waren, die Orgel aber noch weiter gespielt wurde, fühlte sie sich geborgener und konzentrierter. Endlich kam in sie das Gefühl, das sie den ganzen heutigen Tag vermisst hatte: die Trauer darüber, dass in dieser Nacht ein Mensch gestorben war, eine Frau, die sie kannte. Gestern saß sie noch vor ihr, lebendig, aus Fleisch und Blut, und sprach von der Zukunft. Es waren – sie rechnete nach – ganz genau 100 Minuten vergangen von dem Augenblick, als sie sich vor dem Hoteleingang getrennt hatten, bis zu dem Moment, als die Armbanduhr stehen geblieben war. Was war in diesen 100 Minuten mit dem Mädchen geschehen?
Irene holte das Portmonee aus der Tasche heraus, nahm eine Zwei-Euro-Münze und warf sie in den Geldschlitz auf den Opfertisch. Dann knipste sie nacheinander zwei Lichtschalter. Unter den mehreren schon brennenden kerzenförmigen Glühbirnen leuchteten jetzt noch zwei weitere. Es schien, als würde es heller.
„Für Daniela,“ – sagte sie leise; aber deutlich.
„Wieso zwei?“ – fragte Alex. „Sie brauchen für mich nicht zu bezahlen. Ich mache es selbst.“
„Dann tun Sie es eben.“
„Daniela war aber evangelisch...“
„Macht nichts.“
Alex warf ein Euro in den Schlitz, kippte den kleinen Schalter.
„Ich gehe schon mal eine rauchen,“ – sagte er hastig und entwich ihrem nachfragenden Blick; denn
bis jetzt hatte Irene nicht gemerkt, dass er raucht. Der psycho-pädagogische Trick hat wohl nicht funktioniert. Er hat den Wink nicht verstanden, dass nicht ein, sondern zwei Menschen gestorben waren, und Irene ärgerte sich wieder über ihre arrogante Selbstsicherheit bei der Anwendung billiger kriminalistischer Methoden, um den Täter zu überführen.
Die elegische Trauerstimmung war weg. Irene saß noch eine Zeit lang auf der Bank, hörte das versöhnende Orgelspiel. Dann war die Musik zu Ende. Der kleine quirlige Organist kam von der Empore herunter, kniete kurz vor dem Altar, bekreuzigte sich und verschwand hinter die Seitentür. Die Kirche war auf einmal ganz leer. „Die Leute sind gegangen. Da hat auch der Liebe Gott hier nichts mehr zu tun. Dann gehe ich ebenso.“
Alex stand unten, im Schatten der Säule, und rauchte tatsächlich. Sie gingen zum Auto und fuhren dann in den kleinen Ort Ceglie Messapica, bekannt durch seine exzellente Küche, kompakt und gedrängt aus hellem Stein gebaut, fast ohne Bäume, was gar nicht störte; denn bei allen diesen auf dem Berg wie eine Festung gebauten italienischen Kleinstädten, den Wunderwerken der Urbanistik, zu denen allein die Italiener in dieser natürlichen Vollkommenheit fähig gewesen schienen, war die Umgebung so voll von Vegetation und Natur, dass man diese kleinen steinernen Städtchen wie kleine Keramikminiaturen ansah, die mitten im riesigen grünen Garten Eden standen.
14. Bei den Dominikanern
Im Kult-Restaurant „Cibus“ gab es ohne Vorbestellung keinen Sitzplatz mehr. In der um die Ecke liegenden „La Taverna dei Dominicani“ gab es noch genügend freie Tische und nicht zu viele Gäste. Später hat sich herausgestellt, dass sie alle entweder dem Familien- oder dem Freundeskreis der Restaurantbesitzer und seiner Angestellten gehörten.
Gespeist wurde im Souterrain. Dort war es düster. Die Tische und der untere Teil der Wandverkleidung waren aus dunklem Holz, die weinroten Tischdecken - aus Pseudobrokatstoff. Der Raum, ins schwache Licht der Tischkerzen und wenigen Sparlampen gehüllt, wirkte dadurch karg und triste. Wenn es wirklich eine Klosterkantine war, dann hatten die dominikanischen Mönche hier wohl keine helle Freude an ihrem Essen, auch wenn es gut schmeckte.
Alex hatte Hunger. Er blätterte hastig in der Speisekarte, um schließlich eines der zwei angebotenen Menüs, ein Fisch-Menü, auszuwählen. Da dieses nur für zwei Personen serviert wurde, einigten sich die beiden rasch zur einvernehmlichen Zufriedenheit eben auf die Fisch-Variante.
Allein von den köstlichen Vorspeisen wurden sie bald satt. Der offene Wein von der Region schmeckte vortrefflich. Irene erlebte jetzt Alex im romantischen Kerzenlicht als einen ansehnlichen, gepflegten Mann von etwa dreißig Jahren, der gewöhnlich wohl gerne lacht und Witze erzählt, heute aber dazu einfach nicht imstande war. Er saß mit dem auf den überfüllten Teller gerichteten Blick, zog immer wieder die Zigarettenschachtel heraus, besann sich des Rauchverbots und steckte sie wieder in die Hemdstasche.
Irene schwieg auch, weil sie nicht wusste, was und wie man in solchen Situationen mit den Trauernden spricht. Der Tod bleibt immer kein einstudiertes Smalltalk-Thema. Die beiden, Daniela und Alex, waren ihr kaum bekannt, und sie wusste nicht, wer ihr im Sinne der Betroffenheit „näher“ stand. Beide waren ihr fremd und bleiben fremd. Wahrscheinlich wird diese Geschichte bald vergessen sein. Nur dass das Mädchen schwanger war, störte.
„Haben Sie Daniela lange gekannt?“ – wagte sie endlich zu fragen.
„Na ja, was heißt „lange“? Drei Jahre. Wir waren zusammen bei einem Englisch-Kurs in Südengland. Ich war schon immer schlecht in Sprachen, fiel bei einer Bewerbung deswegen durch, musste nachholen. Und Daniela wollte einfach mal ohne Eltern verreisen. Sie ist vorher nur einmal im Ausland gewesen, mit der Abiturklasse nach Holland. Bei den Ossis war es ja nicht so üblich mit dem Ausland. Ihr Vater ist ein evangelischer Pfarrer. Da wird nicht viel rumgereist. Man betet und erfüllt seine sozialen Pflichten. Daniela ist immer ein braves Mädchen gewesen. Ihre ältere Schwester hatte Theologie studiert und arbeitet jetzt als Diakonin irgendwo in Thüringen. Ihre jüngeren Brüder, die Zwillinge, gehen noch aufs Gymnasium. Sie bleiben bestimmt auch im Lande und werden sich zum Wohle der Menschheit redlich ernähren.“
Alex zuckte nochmals die Zigarettenschachtel heraus, wollte sie wieder gleich zurückstecken, doch der Kellner brachte schon den als Teelichtschale getarnten Aschenbecher und ein paar nach Zitrone riechenden Rauchstäbchen vorbei.
„Ich will ja ihre Familie nicht schlecht reden,“ – setzte Alex nach dem ersten Zigarettenzug erleichtert fort, „aber es ist schon gespenstisch, wie sie dann alle gleicher Meinung, gleicher „ Gesinnung“ so zu sagen, sind. Daniela wollte etwas anderes ausprobieren. Sie wollte Biophysik studieren, dann in die Forschung gehen. Aber der Vater sagte: „Erst einen handfesten Beruf, dann ein Luststudium“, und damit war es mit dem eigenen Wunsch für das Erste erledigt. Sozial musste der Beruf der jüngeren Tochter sein. Kindergärtnerin sollte sie werden, eigenes Geld verdienen, damit die Knaben ihr Abitur machen und an die Uni gehen können. Natürlich verdienen die Pfarrer nicht viel Geld, und vier Kinder groß zu ziehen, ist teuer. Aber Daniela war begabt. Sie brauchte nur weg von den Eltern zu kommen und in eine andere Stadt ziehen...“
„Nach Berlin vielleicht?“ – fragte Irene.
„Eben. Ich habe ihr gesagt: „In Berlin bist du frei. Du kannst dort an der TU Physik studieren und nebenbei arbeiten gehen.“ Das machen doch heute alle. Ich habe auch so gemacht, als ich BWL studierte. Aber ihr Papa, der „Hohe Priester“, hat es so arrangiert, dass sie in einem evangelischen Kindergarten sofort eine Referendarstelle bekam, und zwar mit der Übernahmegarantie. Wissen Sie, was es heutzutage bedeutet? Verdammt in aller Ewigkeit in diesem Windeltempel zu versauern...“
„Und die Mutter? Was meinte sie dazu?!
„Die Mutter hat da nichts zu sagen, schon gar nicht ihre eigene Meinung. Falls sie überhaupt eine hatte.“
Die klammheimlich gerauchte Zigarette hat ihn sichtlich beruhigt. Axel knabberte weiter an frittierten kleinen Fischen.
„Wie immer,“ – dachte Irene plötzlich gereizt. „Die Eltern sind an allem Schuld. Zu starker, diktatorischer Vater, zu schwache Mutter. Oder umgekehrt. Die Kinder können nichts dafür, dass sie so sind, wie sie sind. Ein Treibholz im Meer des Familienalltags. Nichts Weiteres. Bin ich auch so eine böse Mutter? Ist Joost so ein böser Vater? Leiden unsere Kinder unter uns? Und dieser da? Auch ein Opfer einer subtilen familiären Misshandlung?“
„Was machen Sie beruflich?“ – erkundigte sich Irene mehr aus Höflichkeit, um vom Thema „Daniela“ abzurücken.
„Was mache ich beruflich? Manchmal frage ich mich es auch.“
Früher war es eine harmlose Frage, die höchstens dazu diente, den Gesprächspartner gesellschaftlich einzuordnen, aber die Zeiten haben sich geändert. Arbeit zu haben ist jetzt zu einem Privileg geworden, die Arbeit nach Wunsch und Ausbildung - fast zu einem Luxus.
„Ich bin ein Geschäftsmann. Baubranche,“ – sagte er ausweichend.
„Und? Läuft es gut? “
„ Es geht.“
„Mir scheint, Sie sind mit dem, was Sie machen, nicht ganz zufrieden.“
„Als Geschäftsmann ist man immer unzufrieden, weil man immer vermutet, dass man nicht raffiniert genug war und beschissen wurde. Wenn man aber raffiniert war und selbst die anderen beschissen hatte, dann hat man irgendwie ein schlechtes Gefühl und ist auch unzufrieden. Nur wenn man voll abgebrüht ist und viel Spaß daran hat, wenn die anderen sich ärgern, weil sie beschissen wurden, dann ist man fast immer gut drauf. Aber ich bin noch nicht so weit.“
Plötzlich fragte er unvermittelt: „Haben Sie Ihren Führerschein dabei?“ Und als Irene nickte, fragte er weiter: „Können Sie uns zurück ins Hotel fahren?“ Und als Irene wiederum nickte, bestellte er eine weitere Karaffe Wein. Er trank sie dann ganz allein aus.
„Daniela hatte sehr viel vor, wollte studieren und Physikerin werden. Ich wollte meine Firma richtig auf die Beine stellen. Ich habe eine Lücke entdeckt: die Modernisierung von Schrebergärten und „Datschas“, wie sie die Ossis nannten. In und um Berlin gibt es viel Grün und Wasser und schöne alte Häuser und Villen. Alles halb verfallen, aber schön. Ich hatte viele Polen engagiert - und diese verstehen was vom Restaurieren, das kann ich Ihnen sagen. Ich habe so ein verfallenes Haus mit einem riesigen, voll zugewachsenen Grundstück gekauft, spott billig, und wollte zu einem Musterobjekt machen. Mit dem Teich und Brunnen und allem Pipapo in Baudetails. Stilecht. Es hat unglaublich viel Geld und Kraft und Zeit gekostet. Daniela war so begeistert! Sie träumte, dass wir dort einziehen...“
„Und Sie? Träumten Sie auch davon?“
Alex holte noch eine Zigarette aus der Schachtel.
„Nein. Ich wollte es nicht. Ich hätte dann dieses Objekt verkauft und mit dem Geld ein neues angefangen. Ich wollte nicht schon jetzt mir ein Nest bauen und so, wissen Sie, so gutbürgerlich werden, wie ihre Eltern: mit Kind und Kegel, wohlgesittet, gesund ernährt. Noch nicht.“
„Und Daniela?“
„Ach, sie wollte nur weg von Zuhause. Ich wollte aber kein Asyl für elternhausflüchtige Mädchen sein.“
Mit jedem weiteren Glas Wein sprach er immer vertrauter und ungezwungener.
„Sie nahm alles viel zu sehr zu Herzen. Alles tat ihr leid und, für alles, was sie gar nicht anging, fühlte sie sich schuldig: mit der deutschen Geschichte, mit den Nazis und Juden. Alles so ein Zeug, wofür sie nichts konnte. Alle Krüppel der Welt taten ihr leid und alle verhungerten Negerlein auch. Sie konnte gar nicht abschalten. Überall, wo es schief ging, war sie dabei. Nee, nichts für mich...“
„Und Ihnen? Taten Ihnen die Krüppel und Negerlein nicht leid?“
„Nicht richtig. Ich konnte es ganz gut ertragen. Wir hatten eben ungleiche Empfindlichkeiten.“
Das ist es! Ungleiche Empfindlichkeiten. Verschiedene Wertmasse. Vielleicht sogar eine gegenseitige Unverträglichkeit, oder wie man es heutzutage sagt, Inkompatibilität? Ist es schlimm? Sind Joost und sie selbst miteinander kompatibel?
„Sie wollte bestimmt Kinder haben, nicht wahr?“ – fragte Irene so selbstverständlich und locker wie es nur ging.
Axel zögerte mit der Antwort, wirkte dabei aber nicht verlegen, eher nachdenklich.
„Ich weiß nicht, ob sie wirklich Kinder wollte. Sie wäre bestimmt eine pflichtbewusste Mutter geworden und hätte ihre Kinder gut und fair behandelt. Aber ich wäre ungern der Vater ihrer Kinder geworden.“
„Warum denn nicht?“ Irene
„Ich hätte dann ständig das Gefühl gehabt, ein schlechter Vater zu sein. Daniela hatte so viele Prinzipien! Mein Gott, hatte sie Prinzipien! In punkto Prinzipientreue war ich ihr immer unterlegen. Wissen Sie wie es ist, mit einer moralischen Instanz zusammen zu leben? Immer an irgendwas schuldig zu sein? Für sie stand das Prinzip immer und unausweichlich an oberster Stelle.“
„Sie war wohl eine richtige Prinzipienreiterin? Wie schrecklich!“
„Schrecklich?“
Alex fuhr zusammen.
„Daniela war keine Prinzipienreiterin. Sie war...“ Er suchte lange nach einem passenden Wort. Die plötzlich aufgetretenen Schweißperlen glänzten im Kerzenlicht wie Glaskugeln. „... Sie war ein aufrichtiger Mensch. Verstehen Sie? Ein aufrichtiger Mensch. Sie war auch eine schöne Frau...“
„Ja. Sie war eine sehr schöne Frau.“
Es waren nicht nur Schweißperlen, die an Alex’ Gesicht glänzten. Die Tränen flossen in langen langsamen Rinnsälchen.
„Haben Sie Daniela geliebt?“
Und weh, wenn er jetzt „ja“ sagt oder in eine postmortale Schwärmerei ausbricht!
Alex sagte weder „ja“ noch „nein“ und brach nicht in die Schwärmerei aus. Er weinte und trank weiter.
15. Der Abschied
Plötzlich wachte in ihr ein viele Jahre lang schlummernder Gerechtigkeitsinstinkt, der sie achtzehnjährig zum Jurastudium trieb, auf. Damals wollte sie unbedingt die Gerechtigkeit siegen sehen. Ihre Mutter war natürlich dagegen. Diese romantische Träumerei, so weit von jeglicher Realität! Die kleine Tochter war ja - ach! - so sprachbegabt, lernte im Gymnasium alte und neue Sprachen, verbrachte seit ihrem vierzehnten Lebensjahr alle Sommerferien zum Sprachstudium im Ausland. Sie war doch so hübsch, so reizend! Jurastudium ist trocken, anstrengend und langweilig, nichts für ein Mädchen aus einem gutbürgerlichen Haus. Ihrem Vater war es recht. Die widerspenstige Tochter soll sich ruhig weiterhin durchsetzen. Und damals setzte sie sich durch und kam bis zum zweiten Staatsexamen.
Dann aber begegnete sie Joost von Krolow, dem damaligen Wunder der Volkswirtschaft, ein Finanzgenie, einem dynamischen fünfunddreißigjährigen mit viel Charme und Wissen. „Ein Volltreffer,“ - sagte der Vater ironisch und segnete die Ehe. Daran, dass Joost für sie ein Volltreffer war, dachte Irene damals nicht. Er war so wunderbar anders als ihre Kommilitonen, so fest und sicher, so tolerant und lieb. Und so intelligent und eloquent. Sah außerdem nicht schlecht aus und war so lieb und zärtlich! Hatte immer und für alles Verständnis, Nachsicht... So wurde Joosts Anziehungskraft stärker als ihr Gerechtigkeitsinstinkt.
Jetzt war alles gerade umgekehrt. Joost wurde so unerträglich formlos, so beliebig. Seine ausschweifenden Reden bestanden nur aus verstaubten Zitaten und allgemeinen Plätzen. Die Bärte seiner Witze wurden immer grauer und länger. Er wurde immer mehr wie alle anderen, immer banaler, immer häufiger ähnelte seine Sicherheit einem sturen, verblendeten Diktat. Er wirkte matt und verbissen. Seine neuen Freundinnen fand er in Sonnen- und Fitness-Studios. Er wurde immer mehr nur noch ein Manager... Er blieb lieb zu ihr, unerträglich lieb...
Also, ihr Gerechtigkeitsinstinkt erwachte. Und er hatte Schwierigkeiten, eindeutig Partei zu ergreifen. Zwei Seelen wohnen, ach, auch in ihrer Brust! Kann man einen Mann an den Pranger stellen nur weil er von der Frau, die er nicht liebt, kein Kind haben will? Da muss sie noch vieles nachdenken, nachlernen, um den Fall, wenigstens für sich selbst, zu lösen.
Die Fahrt zum Hotel war lang: Es war dunkel, und Inge hat sich mehrmals verfahren. Außerdem war es nicht ihr Auto. Ein ihr völlig unbekanntes Modell, und dann noch so fein und neu... Alex schlief dabei seinen Seelenrausch aus.
Sie verabschiedeten sich in der Hotellobby mit dem Vorhaben, morgen zusammen zu frühstücken. Danach wollte Alex zuerst Irene zum Flughafen Bari bringen und weiter fahren, in Richtung Deutschland.
„Geben Sie mir ihre Telefonnummer! Vielleicht gehe ich heute nochmals ans Meer. Vielleicht finde ich ihr Handy...“ – sagte Irene. Alex holte die Brieftasche heraus, wollte ihr seine Visitenkarte geben, dann steckte er sie doch zurück. „Ach, was soll das?! Was weg ist, ist weg.“
„Und wenn ich es doch finde?“
„Dann behalten Sie es ruhig. Als Andenken. Es ist zwar ein ganz neues Modell, kostet sonst Schweinegeld, aber nachdem es so lange draußen und vielleicht noch im Wasser gelegen ist, ist es sowieso entweder ganz kaputt oder Akku leer und nicht zu gebrauchen.“
„Mann kann doch es wieder aufladen, PIN eingeben...“
„Ach, lassen Sie! Wenn überhaupt, dann hat es längst jemand gefunden und bestimmt nicht bei der Polizei abgegeben. Vergessen Sie es!“
Als Irene in ihr Zimmer kam, fühlte sie sich plötzlich schrecklich müde und ging sofort ins Bett. Die ganze Nacht hat sie trotzdem wenig geschlafen. Das Meer wallte durch das offene Fenster bis in ihre kurzen und unruhigen Träume hinein. In diesen Träumen oder in der diffusen Wirklichkeit des Halbschlafs hörte sie unten, im Sand, Schritte, Rufe und Schreie, und sah ihre Tochter Emilia am Wasser vor einem Berg von Miesmuscheln sitzend, die sie alle aufzuessen bemüht war.
Zum Frühstück kam sie zu spät. Alex hatte schon das English Breakfast verspeist und wartete nur auf Irene, um mit ihr einen gemeinsamen Continental Breakfast zu sich zu nehmen. Und als sie nach einem gemütlichen, unverbindlichen Gesprächsgeplätscher schon gehen wollten, kam eine Überraschung: plötzlich stand da, an der Tür zum Frühstücksraum, ein Mann, der Signora Irene von Krolow zur fester Zeit und zum festen Preis zum Flughafen bringen sollte. Joost hat ihn vor seiner Abreise irgendwo gefunden, vorbestellt und im Voraus bezahlt. So viel Fürsorge seitens ihres Mannes hat Irene immer auf die Palme gebracht. Aber der Fahrer war nun mal da und wollte sie zum Flughafen bringen. Er war schon älter, bäuerlich, schlau und geübt im Überreden, und Irene hatte gegen ihn keine Chancen. Joost war telefonisch nicht zu erreichen. Da Alex sowieso sie mit seinem Auto zum Flughafen zu bringen versprochen hat, wollte sie auf die Fahrt mit diesem fremden Mann verzichten. Doch dieser war davon nicht abzubringen, wohl in der Befürchtung, das er ihm dafür bezahltes Geld zurück erstatten müsste. Schon wieder war so eine
Stresssituation entstanden, in die sie Joost mit seiner übereifrigen Fürsorge versetzte. Der Fahrer wollte auch nicht zu lange warten; denn er hatte in Bari eine weitere Verpflichtung. Irene war zwar, wie so oft, wütend, dass es wiederum über ihren Kopf entschieden wurde, aber es war nun mal so. Schließlich hat Joost bestimmt ein ordentlicher Batzen Geld dafür bezahlt. Außerdem war Alex, als sie ihm die entstandene Situation erklärte, plötzlich gar nicht enttäuscht darüber. Sie selbst wäre aber lieber mit ihm zum Flughafen gefahren, als mit diesem ruppigen Typ.
Der Koffer war schon gestern gepackt, so dass Irene in fünf Minuten für die Abreise fertig war. Sie verabschiedete sich vom Hotelbesitzer und seiner Frau, drückte Alex ihre Visitenkarte in die Hand. Dann fuhren sie los.
Das war es mit dem Urlaub, una bella vacanza war es gewesen...
Der Mann, der sie zum Flughafen bringen sollte und den seltenen Vornamen Fidardo trug, so eilig wie er es hatte, musste noch tanken.
Irene sah nochmals in der Handtasche, ob alle Papiere da sind, sah das Danielas Handy dort liegen. Wirklich ein tolles Modell. Sie traute sich nicht es abzuschalten, obwohl im Flugzeug sie wohl es tun müsste. Nochmals blätterte sie im SMS-Menü. Da merkte sie plötzlich, dass es bei „Entwürfe“ eine Nachricht gespeichert war. Wohl nicht durchgekommen. Sie machte sie auf und las: „Ich lasse es nicht allein gehen. Ich gehe mit.“ An Alex adressiert, vorgestern, um 20:43 geschrieben, aber nicht abgeschickt. Fehler oder Absicht?
Irene zitterte am ganzen Körper. Sie kramte hastig in der Tasche und holte die Visitenkarte vom Commissario Foretti heraus. Dann wählte sie seine Nummer. Er ist bestimmt nicht da. Es wäre nur ein Versuch, der letzter Versuch...
Aber er war da, nahm den Hörer sofort ab, meldete sich mit dem Namen.
„Hier ist Irene von Krolow. Eine Zeugin im Fall der ertrunkenen Daniela Martens. Ich habe etwas mitzuteilen. Kann ich gleich vorbei kommen? Ich bin unterwegs zum Flughafen Palese.“
„Kommen Sie. Kommen Sie gleich. Haben Sie die Adresse?“
„Ja.“„Dann kommen Sie.“ Und er legte auf.
Der Mann mit dem seltenen Vornamen Fidardo setzte zum heftigen Lamento um den sicher verpassten Fluge und um das Platzen seiner weiteren Verabredung an, doch Irene bestand auf dem kleinen Umweg zum Kommissariat von Bari.
16. Commissario Foretti
Der Commissario Foretti kam Irene entgegen. In einer in Länge und breite gut angepassten Hose, im eng anliegenden dunkelblauen Wollpullover über dem hellblauen Hemd sah er wirklich gut aus. Elegant und sexy wie es nur den Italiener gelingt, ohne schrille Accessoire und ohne eine betörenden sportiv-seifigen Parfumwolke.
„Ich weiß, Sie haben sehr wenig Zeit. Aber keine Sorge, ich habe mich erkundigt: Ihre Maschine hat eine Verspätung und fliegt erst in drei Stunden.“
„Ja, aber mein Fahrer...“
„Lassen Sie ihn wegfahren. Ich bringe Sie selbst zum Flughafen. Wenn Sie es wollen, natürlich... Und ihr Gepäck können Sie in der Pförtnerloge abstellen, ich rufe gleich herunter.“
Als Irene, nachdem sie den hartnäckigen, aber leicht dümmlichen Fidardo von seinen weiteren Transportverpflichtungen befreit hatte, wieder ins Büro des Commissario zurückkehrte, roch er doch nach einer frischen Parfumspritze, doch sehr dezent.
„Was kann ich für Sie tun?“
„Haben Sie die Ermittlungen im Fall abgeschlossen?“
„Ja. Die Eltern sind da. Die Leiche wird noch heute nach Berlin überführt. Der Fall ist abgeschlossen. Es war ein Unglück oder ein Selbstmord. Genauer können wir nicht feststellen. Pecato.“ Und dass es ihm tatsächlich Leid tat, bestätigte Commissario mit einem sanften Trauerblick und der Handbewegung der völligen Ratlosigkeit.
„Und wenn es doch kein Selbstmord war? Wenn es doch ein Mord war?““
„Wer soll die Frau umbringen wollen? Ein verrückter Sexualtäter? Auch Verrückte trauen sich nachts nicht ans Meer.“
„Ihr Freund vielleicht?“
„Er war zu der Zeit gar nicht da, er hat in Severo übernachtet und ist, wie sie selbst wissen, erst um 10 Uhr hier angekommen. Wir haben es überprüft.“
„Er könnte eine Fährte gelegt haben?“
„Fährte? Und wir sollen, wie die Spürhunde, denen nachhecheln, um schließlich selbst im Wasser zu landen. Auch wenn er konkrete Motive hatte, diese Frau umzubringen, er hat es nicht getan. Lassen Sie der Toten ihre Ruhe! Selbstmord oder nicht: die Frau wurde nicht ertränkt, sie ist ertrunken. Die Obduktionsergebnisse haben es bestätigt.“
Der Commissario fragte, ob sie einen Espresso oder einen Cappuccino möchte, bestellte per Telefon zwei Espressi zu sich ins Zimmer, und sprach weiter: „Die Leute können mit dem Meer nicht umgehen. Das Meer ist kein Planschbecken und kein Swimmingpool – es ist ein Element der Natur. Lassen Sie die Phantasie! Die Frau konnte wahrscheinlich gar nicht schwimmen.
„ Doch! Sie konnte sogar sehr gut schwimmen.“
„Aber nicht bei der Nacht und nicht beim starken Seegang.“
Die Espressi kamen.
„Es war ein Selbstmord. Ich habe ihr Handy gefunden. Sie hat eine SMS geschrieben, in der sie ihren Tod ankündigte.“
„Und wenn schon? Selbstmord ist keine Straftat. Ich hätte das Mädchen zur keiner Verantwortung heranziehen können.“ Und er machte wieder eine Peccato- Geste.
„Sie war schwanger, und ihr Freund hat sie zu einer Abtreibung gedrängt.“
Commissario zog überrascht die Braunen hoch. „Schwanger? Zur Abtreibung? Aber doch nicht zum Selbstmord?“
„Nein, zur Abtreibung.“
„Wo ist das Telefonino?“
Im ersten Moment hat sie nicht verstanden, welches „Telefonino“ er meinte.
„Celullare? Handy?“
„Ja. Sie haben doch eines gefunden?“
Das kleine schnuckelige Ding hat ihm sichtlich gefallen, besonders weil es sich so nett nach oben verschieben ließ.
„Sirocco Edition. Es gibt’s auch mit Goldauflage.“
Das Ding passte zu ihm, zu seiner aparten Art und überhaupt: die schönen Kreaturen gehören zusammen.
Irene spürte in diesem Moment sehr deutlich, dass sie noch - leider nicht mehr lange - als jung und begehrt durchgeht. Und es ärgerte sie enorm, dass ihre weiblichen Hormone so eine Übermacht über ihren Gerechtigkeitsinstinkt erreichten. Der Mann wirkte auf sie mehr als es ihr recht war. Es war irritierend, wie sie immer weiter von der eigentlichen Sache in immer diffusere Sphären der Gefühle abdrifte.
Der Commissario genoss sich im Ambiente der schönen Dinge. Seine Dienstkrawatte schien auch nicht von der Dienststange zu sein. Und Inge gehörte dazu, zu diesem Ambiente: eine schöne, nicht mehr ganz junge, etwas exotische Frau. Was noch fehlte, wäre ein neues schickes Auto, wie es dieser Ragazzo aus Berlin hatte, der wohl das ertrunkene Mädchen geschwängert hatte und jetzt, wo das Mädchen und somit das Problem weg sind, sich aus dem Staub gemacht hat. Juristisch ist ihm jedoch nichts nachzuweisen und vorzuwerfen.
„Juristisch - nichts. Juristisch ist nur der Vollzug der Abtreibung strafbar. Der Arzt, der sie vornimmt, kann mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft werden. Aber die Umstände, der „Contorno“ sozusagen? Die Vater, besser gesagt, der Erzeuger, spielt wohl dabei gar keine Rolle? Und die Mutter? Ist sie nur eine bereitwillige Mörderin? Das Drängeln auf die Tötung, auch im gesetzlichen Rahmen, was ist es? Eine Untat oder nur... ein Frevel vielleicht? “ Irene suchte nach einem italienischen Wort, das dazu besser passen würde und fand es nicht. Auch im Deutschen fand sie keine adäquate Bezeichnung dafür, was Alex dem Mädchen und seinem unerwünschten Kind angetan hat.
Der Commissario blickte auf die Uhr. „Wir müssen fahren. Um diese Zeit gibt es immer Stau auf dem Raccordo.“ Er streichelte nochmals das Handy und gab es Irene zurück.
„Ein schönes Spielzeug.“
„Wollen Sie nicht untersuchen? Ich meine, nachsehen, was da alles an verwertbarem Material gibt?“
Der Commissario stand von seinem Schreibtisch auf: in voller Pracht seiner gepflegten und sinnlichen Bellezza und doch nur ein braver, blasierter Polizeibeamte mit der Neigung zum Berufszynismus und zu weisen Sprüchen. Auf einmal war er für Irene einfach ein dummer pappagallo della strada, ein einfacher Frauenliebling, ein italienischer Schürzenjäger wie es im Buche steht. Der Band, der sie an diesen Mann zu binden schien, war auf einmal gerissen. Und der Commissario spürte es, wie eben ein echter guter Frauenschwarm es spürt, noch bevor die Frau es selbst merkt.
„Nein. Ich will es nicht untersuchen. Behalten Sie es, wenn Sie wollen, als Andenken. Wer an was in dieser Beziehung schuldig war, ist nicht die Sache der Polizei. Wir sind keine Pastoren und keine Moralprediger. Das Mädchen ist allein und freiwillig nachts ans stürmische Meer gegangen, sie ist ertrunken. Dem nachzugehen, wer und was sie innerlich dazu getrieben hat, liegt nicht in der Kompetenz der Polizei. Wenn Sie persönlich den jungen Mann für schuldig halten und ihn zur Verantwortung ziehen oder einfach ihm in die Fresse hauen wollen – bitte sehr, tun Sie das. Ich habe damit nichts mehr zu tun. Übrigens, - und er blickte auf die Uhr – wenn alles geklappt hat, ist das Flugzeug mit dem Leichnam schon in der Luft, unterwegs nach Deutschland.“
Dann sind sie in den Hof des Kommissariats heruntergegangen. Der Commissario holte ihr Gepäck beim Pförtner ab und verstaute es im Kofferraum seines Dienstwagens.
Dann fuhren sie los, zum Flughafen. Es war ein sehr eigenartiges Gefühl, völlig unverschuldet in einem Polizeiauto gefahren zu werden. Der Commissario fragte Irene ein bisschen aus und verstummte plötzlich, als sie ihm sagte, sie hätte Jura studierte und arbeite jetzt als Rechtsanwältin.
„Wollen Sie dieser Geschichte doch nachgehen?“
„Ich weiß es noch nicht.“
„Ich würde Ihnen raten, falls Sie die Eltern des Mädchens nochmals sehen, ihnen nichts von der Schwangerschaft ihrer Tochter zu sagen. Ich glaube, der Gedanke, dass sie nicht nur ihre Tochter, sondern auch ihr Enkelkind verloren haben, macht sie noch trauriger.“
Irene nickte.
„Käme es zum Prozess, würde ich ihn gerne verteidigen. Ich weiß nicht, welche Argumente ich dazu finde, aber ich würde es tun. Ich will es herausfinden und begreifen, was in so einem Fall bei einem Mann im Kopf und im Gefühl abläuft,“ – sagte sie plötzlich.
„Es kommt zu keinem Prozess. Und was in so einem Fall bei einem Mann abläuft, kann ich Ihnen aus meiner Erfahrung nicht sagen: ich habe keine Kinder und wissentlich keine gezeugt. Peccato.“ Der Commissario machte keine dazu gehörende Geste der Ratlosigkeit, weil er mit beiden Händen fest das Lenkrad hielt.
Sie kamen rechtzeitig genug zum Flughafen.
Commissario Foretti lächelte sie mit seinem süffisanten, spöttischen Lächeln an und gab ihr die Hand zum Abschied:
„Glauben Sie mir: ich habe schon so viele angeschwemmte Wasserleichen gesehen: alles nur ein Spiel der Wellen – mehr nicht. Und, wie gesagt: La natura è dura con le sue creature.“
„Schuster, bleib bei deinen Leisten. Und du, mein schöner Commissario Foretti, – bei deinen Wasserleichen,“ - dachte Irene, als sie die Sicherheitskontrolle passiert hatte und sich umdrehte, um dem immer noch hinter der verglasten Trennwand stehenden Commissario zu winken und eine Kusshand zuzuwerfen. Er winkte erfreut zurück und warf ihr ebenfalls eine Kusshand zu.