Das Jahr 1938 markiert einen Wendepunkt des Antisemitismus in Deutschland während der NS-Zeit: Den Übergang von der Diskriminierung und Ausgrenzung der deutschen Juden hin zur systematischen Verfolgung, die in den Holocaust mündete. Seit der Jahreswende 1937/38 erreichten die Verfolgungsmaßnahmen vor dem Hintergrund einer ungesicherten Finanzierung der Aufrüstung für den Krieg neue Dimensionen. Den Israelitischen Kultusgemeinden erkannte man den Status von Körperschaften des öffentlichen Rechts ab, Juden wurden zur Offenlegung ihres Vermögens gegenüber dem Finanzamt gesetzlich verpflichtet, Kennkarten und gesondert gekennzeichnete Ausweispapiere für Juden verbindlich eingeführt, Konzentrationslager ausgebaut und erste Massenabschiebungen durchgeführt.

In dieser Situation nutzte das Regime propagandistisch das Attentat eines polnischen Juden auf den Legationsrat vom Rath in Paris zum notdürftig als „Ausbruch des spontanen Volkszorns“ kaschierten, tatsächlich längst für Mitte November geplanten Schlag gegen die jüdische Bevölkerung und deren Eigentum. Die Welle der Plünderung und Zerstörung von Synagogen, der Konfiszierung und weitgehenden Vernichtung des Inventars, der Schändung jüdischer Friedhöfe, der Verwüstung jüdischer Gemeinde-, Geschäfts- und Privathäuser, der Inhaftierung und der Deportation in Konzentrationslager, der Misshandlungen bis hin zu Ermordungen erreichte am 9. und 10. November 1938 ihren Höhepunkt.

In unmittelbarer Folge zu den Ereignissen stieg die Zahl der Vertreibungen und Auswanderungen sprunghaft an, wurden Ghettohäuser („Judenhäuser“) eingerichtet, jüdische Schüler der öffentlichen Schulen verwiesen und die Juden schließlich noch systematisch zur finanziellen „Sühne“ für die ihnen zugefügten Sach- und Versicherungsschäden herangezogen.

 


Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen Ereignisse, Täter und Opfer der Novemberpogrome in Ostwestfalen-Lippe, eingebettet in das Geschehen des „Wendejahrs 1938“ und mit Ausblicken auf die Aufarbeitung der Reichspogromnacht nach 1945 durch die bundesdeutsche Justiz, durch Gedenkstättenarbeit und Erinnerungskultur sowie auf moderne Formen des Antisemitismus.

Ziel des gemeinsamen Ausstellungsprojekts kommunaler und kirchlicher Archive in Ostwestfalen-Lippe im Verbund mit dem Landesarchiv Nordrhein-Westfalen Staats- und Personenstandsarchiv Detmold ist es, der langjährigen Arbeit von Schulen, Geschichtswerkstätten, Geschichtsvereinen, Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Museen, anderen Kultureinrichtungen und Privatinitiativen vor Ort im Rahmen von Gedenkveranstaltungen zum 9. November 1938 durch den vergleichenden Blick auf die Ereignisse in der Region neue Impulse zu geben
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