Eine zu Tode umarmte Vierzehnjährige im Hausflur.
Eine trinkende Teilzeitkellnerin als Leichenwäscherin.
Ein perfekt geschminkter toter Buchhalter, der entsorgt werden muss.
Eine ausgebrannte Fernsehredakteurin, die das Hauptabendprogramm zensiert.
Ein Wiener Durchhaus, dessen Tore nach und nach geschlossen werden.
MILENA-VERLAG
ISBN 978 3 85286 195 1
Kein Atem. Der Blick leblos. Kalte Wangen. Totes Haar. Tot.
Was war da passiert im Augenblick des Todes?
Ob sich im Gesicht der Toten vielleicht etwas nachlesen ließe?
Die Erlösung von einem unglücklichen Dasein? Das Lustgefühl der Auflösung?
Der Anblick eines Mörders sogar?
Geführt von einer unangemessenen Neugier griff Maras Hand unter den Nacken des Mädchens
und hob seinen Kopf ein wenig zu sich heran. Ganz genau wollte sie es plötzlich wissen.
Schwachsinn. Da war nichts Gewalttätiges zu sehen.
Keine Wunde, kein Blut, nichts.
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PRESSESTIMMEN:
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„Eine Tote liegt im Hausflur, eine Leiche im Stiegenhaus nebenan, und schon bald befindet sich auch noch eine Mörderin in ihrer Wohnung. „Brot, Milch, Käse, Wurst, Eier, Polizei, Aufklärung, Gerechtigkeit“ - schreibt Mara auf ihre To-Do-Liste. Und erweist sich als nervenstarke Hüterin - nein, nicht des Gesetzes, sondern - der Gerechtigkeit. Ein sowohl amüsanter, als auch gesellschaftskritischer, flüssig geschriebener Krimi.“
Gabriele Migdalek - an.schläge - Februar 2011
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"Keine Wunde nichts" ist nach dem vielbeachteten Roman "Selmas Zeichen" (2008) Amaryllis Sommerers zweiter Psychothriller. Und wieder ist es einer, den man nicht aus der Hand legen kann. Mit feinsinniger, tiefgründiger Sprache zeichnet die österreichische Autorin ein ebensolches Psychogramm ihrer Charaktere.
Die Krimihandlung rückt in den Hintergrund, auch dem Leser erscheinen die seelischen Abgründe der Menschen, die durch den Leichenfund aus ihrem Alltag gerissen werden, mit einem Mal viel wichtiger als die Leiche selbst. Sommerer schaut genau hin, nimmt sich Zeit für ihre Figuren und lässt sie an der äußeren Handlung wachsen. Dabei bleibt auch Raum für Gesellschaftskritik: Drogen und Gewalt werden ebenso thematisiert wie Ignoranz und Populismus.
Katharina Schmidt - Wiener Zeitung - 7. Jänner 2011
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„Mara schneidet Tag für Tag die grauslichsten Szenen aus den immer extremer werdenden Fernsehfilmen heraus, um sie familientauglich zu machen. Ihr Wahrnehmungsvermögen ist gestört, machmal verliert sie den Bezug zur Realität.
So ist es nicht verwunderlich, dass sie beim späten Heimkommen zunächst das neben der Mülltonne liegende Mädchen ignoriert. Als sie dann nach der vermeintlich Zugedröhnten sieht, muss sie feststellen, dass sie eine Leiche gefunden hat.
Amaryllis Sommerer entwickelt aus diesem Plot einen Krimi mit ganz eigenem Ton.
Hin- und hergerissen zwischen dem Impuls, sich auf fremdes Elend einzulassen und dem schlechten Gewissen, kämpft Mara um Selbstbestimmung. Entkommen ist alles.“
Ingeborg Sperl - STANDARD Album - 6. November 2010
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"Amaryllis Sommerer hat es wieder getan. Einen Krimi geschrieben. Ihr zweiter spielt fast ausschließlich im Hinterhof eines Wiener Mietshauses und dreht sich um fehlende Zivil-Courage im Alltag. Schon ihr Debut "Selmas Zeichen" war viel beachtet und für den Glauser-Krimipreis 2009 nominiert.
Die Geschichte der ausgebrannten Fernsehredakteurin Mara, die das Hauptabendprogramm auf Gewalt zensiert und plötzlich auch in ihrem Wohnhaus mit Gewalt konfrontiert wird, ist vor allem sprachlich eine Wucht. Alles in allem: Noch besser als das Debut!"
Anna-Maria Wallner - PRESSE am Sonntag - 31. Oktober 2010
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„Wunderbar ist, wie Amaryllis Sommerer für die Selbstbeschau der Hauptfigur einen lokal eng begrenzten Rahmen als Spiegelbild gefunden hat. Fast das ganze Buch spielt in den engen Hinterhöfen eines Wiener Mietshauses. Von Außen kommt fast nur das Böse, oder es wird als kitschige, aber unerreichbare Idylle erträumt.
Das Buch lässt einen nachdenklich zurück. Auch wenn eine Ausnahmesituation geschildert wird, fragt man sich, wie oft man selbst im Alltag wegsieht. Wie oft entscheidet man sich gegen das Mitgefühl und zugunsten eigener Bedürfnisse? Die Autorin schneidet brutale Themen wie Missbrauch und Vernachlässigung von Kindern an und beschönigt dabei nicht das Verhalten derer, die aus Bequemlichkeit wegschauen. Das Buch, die Theorie, ist also gar nicht so weit entfernt von der alltäglichen Realität, der wir alle begegnen.“
Spunk Seipel - LITERATURHAUS WIEN - 7. Oktober 2010
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INTERVIEW mit ILONA MAYER-ZACH - 22. November 2010
http://www.suite101.de/content/amaryllis-sommerer--keine-wunde-nichts-a92975
„Keine Wunde, nichts“ ist wie ein Kammerspiel aufgebaut, Amaryllis Sommerer beschäftigt sich darin nur mit wenigen Personen, mit denen aber um so intensiver. Der Psychothriller handelt von der Fernsehredakteurin Mara, die das Hauptabendprogramm auf Gewaltbilder zensiert. Sie ist ausgebrannt, will keine Gewalt mehr sehen, will nur noch verreisen. Doch dann findet sie eines Tages ein totes Mädchen im Hausflur.
Was soll sie tun? Wegschauen oder sich auf fremdes Elend einlassen? Im Schongang, mit minimalstem Aufwand, versucht sie anfänglich, ihre "Bürgerpflicht" zu tun, doch schon bald überschlagen sich die Ereignisse, rücken ganz nahe an Mara heran, zwingen sie zum Handeln. Die Beobachterin wird zur Täterin. Eine Situation, in die jeder einmal kommen könnte. Amaryllis Sommerer spricht im Interview über Zivilcourage und die Entstehung ihrer Romane.
In „Selmas Zeichen“, dem Debütroman, der 2009 für den Glauser nominiert wurde, war Stalking das zentrale Thema. Was steht im Mittelpunkt von „Keine Wunde, nichts“?
Zivilcourage! Der Begriff wird gerne und schnell in den Mund genommen, und jeder würde sich dazu bekennen, ein moralisch integrer Bürger zu sein, der sich im Falle eines Übergriffs, im Falle einer Notlage eines Anderen, auf die Seite des Schwächeren schlagen würde, sich zu Wort melden würde, im Falle des Falles auch handeln würde. Theoretisch wären wir da wohl alle einer Meinung.
Mara, die Hauptfigur in "Keine Wunde, nichts" wird eines Morgens in einem Wiener Hinterhof tatsächlich mit einem fremden, leblos wirkenden Menschen konfrontiert. Mara ist auf sich allein gestellt. Und nicht genug, es ist nur der Anfang einer dunklen Geschichte, mit der sie nichts zu tun hat und mit der sie auch nichts zu tun haben will. Denn sie hat – wie die meisten von uns – genug mit ihrem "eigenen Kram" zu tun. Dennoch: Das schlechte Gewissen lässt sie nicht mehr los.
Was war der zündende Funke für diesen Psychothriller?
Ich fahre fast täglich mit der U-Bahn, und es ist unmöglich, die Drogenszene in bestimmten U-Bahn-Stationen zu ignorieren. Hier wird einem das Elend von sehr jungen Menschen vorgeführt, dessen Anblick nur schwer zu verkraften ist. Dennoch können wir nicht alle Sozialarbeiter werden. Was also tun? Die Augen verschließen? Dann las ich den Zeitungsbericht über ein junges Mädchen, das tot in einem Hausflur in der Nähe der U-Bahn gefunden wurde. Zuerst ging man von einer Drogentoten aus, dann stellte man fest, das Mädchen sei durch "zu heftiges Umarmen" zu Tode gekommen. Welch seltsame Beschreibung eines Tötungsdeliktes! Hier kamen zwei Spannungsfelder zusammen: Das Umfeld und ein Einzelfall. Das Thema hat mich nicht mehr losgelassen.
Kann es sein, dass in der heutigen Zeit die Zivilcourage abhanden gekommen ist?Ich glaube, dass wir heute vor allem mit Überforderung zu kämpfen haben. Das beginnt bei der Wahl der Nudelsorte im Supermarkt und geht bis zur Wahl unserer Lebensentwürfe samt Berufsperspektiven. Wir werden von zu vielem überschwemmt. Vor allem von medialen Einflüssen. Der Zugang zu Inhalten ist einerseits eine große Freiheit, andrerseits eine große Herausforderung. Wir müssen permanent selektieren, sonst würden wir wahnsinnig werden.
Wir müssen permanent entscheiden: Wo schauen wir hin? Wo schauen wir weg? Zivilcourage erfordert erst mal Hinschauen. Was ich gesehen habe, stellt mich dann vor die nächsten Fragen: Was soll ich tun? Was kann ich tun? In diesen Strudel an Fragen gerät auch Mara. Sie ist abgefüllt mit Bildern von Gewalt. Sie ist ausgebrannt und urlaubsreif. Sie hat erst mal null Energie für Zivilcourage, in welcher Form auch immer.
Es ist auffallend, dass immer nur relativ wenige Figuren in den Romanen vorkommen.
Ich beschäftige mich lieber mit weniger Personen, dafür aber mit den wenigen sehr intensiv. Ich schaue den Protagonisten tief ins Innere, um ihnen nahe zu kommen, um etwas zu erfahren, das nur im Tiefenbereich zum Vorschein kommen kann, das ja letztendlich wiederum vom Äußeren – der Gesellschaft – abhängig ist.
Ist es nicht bedrückend, sich so intensiv mit so aufwühlenden Themen zu befassen?
Bedrückend sind nur nebulose Dinge, die man nicht kennt, die einen überschatten, und die man passiv über sich ergehen lässt (lassen muss). Die Beschäftigung mit einem Thema ist ein aktiver Vorgang. Das ist prinzipiell was Positives. Ich denke, dass auch der Leser dieses Bedürfnis hat, sich mit einem Thema zu konfrontieren und es damit zu ordnen. Ein Thriller befriedigt noch dazu Angst- und Leselust! Und vor allem: Es gibt auch noch ein wunderbares Leben jenseits aller Krimis!
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GESPRÄCH MIT EVELYN STEINTHALER (Milena-Verlag)
zu „KEINE WUNDE, NICHTS“ – September 2010 - Frankfurter Buchmesse
Im Stiegenhaus stolpert Mara, die Hauptfigur über eine Tote. Die Unmittelbarkeit deines neuen Thrillers finde ich besonders spannend.
Gibt es eigentlich einen konkreten Anlass, der dich zu „Keine Wunde, nichts“ inspiriert hat?
Wie schon bei „Selmas Zeichen“ (Thema: Stalking) wurde ich auch hier von einem Zeitungsartikel inspiriert. Die Quellen meines Schreibens finden sich immer im realen gesellschaftlichen Alltag, die mir dann so hartnäckig „nachhängen“, dass sie zur Basis für eine sich zu entwickelnde Story werden.
Für „Keine Wunde, nichts“ war es der Fall einer jungen Frau, die in einer Toreinfahrt tot aufgefunden wurde. Aufgrund ihres Aussehens nahm man sofort an, dass es sich um eine Drogentote handelte. Danach kam man zu dem Schluss, dass hier „ein Tod durch zu heftiges Umarmen“ stattgefunden hätte. Was für eine ambivalente Beschreibung für einen gewaltsamen Tod! Impliziert wurde: Zu große Liebe, zu heftige Zuneigung habe „leider“ zum Tod der jungen Frau geführt. Impliziert wurde damit auch die Unschuld eines Täters, der seiner Freundin das Genick bricht.
(Bei „Selmas Zeichen“ war es die Formulierung „es muss erst etwas ganz Böses passieren, damit etwas geschieht!“)
Bei beiden Romanen war also der Auslöser eine gewisse Wut, die mich zu einem Widerspruch herausforderte, bzw. zu einem Nachgehen der Sache.
Für „Keine Wunde, nichts“ kam ein zweites Motiv aus meinem Alltag dazu:
Ich wohne an der Wiener U-Bahn und kriege täglich die darin agierende Drogenszene mit. Eine Konfrontation mit einer am Rand befindlichen Notgemeinschaft meist sehr junger Menschen. Es ist schwer auszuhalten, das mit ansehen zu müssen. Also schaut man oft weg, weil man sich ohnmächtig fühlt, manchmal auch schuldig, weil man es besser getroffen hat im Leben und das Gefühl nicht los wird, helfen zu müssen. Aber wie? Was ist sinnvoll? Wo liegen die Grenzen des Helfens? Was bedeutet Helfen für den Helfer und für den, dem geholfen werden soll? Usw.
Konflikte und Fragen: Sie sind das beste Unterfutter für eine leidenschaftliche Geschichte.
In „Keine Wunde, nichts“ gibt es nur eine Handvoll maßgeblicher Figuren. In deinem Erstling „Selmas Zeichen“ gab es noch weniger wichtige Figuren. Ist es das grundsätzlich Bedrückende an einem Kammerspiel, das Dich in diese Richtung schreiben lässt? Oder ist das Kammerspielartige eben genau das, wo für dich Thriller spannend werden?
Ich befasse mich lieber mit wenigen Figuren, mit denen dafür aber ausführlicher. So kann ich den Figuren viel näher kommen. Sehr nahe! Mir ist die Innenwelt meiner Protagonisten sehr wichtig. Was nicht heißt, dass somit die Außenwelt, in der sich die Figuren befinden, ausgeschlossen wird. Ganz im Gegenteil: Der innere Zustand einer Figur erzählt auf eine sehr unmittelbare Art alles über die Außenwelt, also die Gesellschaft, in der diese lebt. Ich versuche, auch den Lesern damit sehr nahe zu kommen. Und über diese Nähe, die sich hoffentlich beim Lesen einstellt, will ich Inhalte transportieren.
Ja, Inhalte sind mir wichtig. Nicht wichtiger als die Form, aber wichtiger als die Wahl der Form.
Für mich hat sich die Form des Thrillers schließlich aus dem Inhalt ergeben:
Für meine Protagonisten geht es grundsätzlich immer ums Überleben.
Wer mit dem Überleben kämpft, hat naturgemäß eine Menge Angst.
Und die Angst ist das Zentrum eines Thrillers.
Ist dein Thriller ein Aufruf zu mehr Zivilcourage? Zum Anteilnehmen?
Ein Anstoß, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich will niemanden aufrufen, auffordern oder nötigen. Das ist in einem Roman meist kontraproduktiv. Von einem Thriller erwartet man sich auch eine bestimmte Dramaturgie, einen Spannungsbogen, der auch was „Unterhaltendes“ hat. Wobei es hier natürlich nicht um Unterhaltung geht, die einem zum Lachen bringt. Hier geht es um die Unterhaltung, die mit den eigenen Ängsten spielt. In „Keine Wunde, nichts“ ist es die Angst vor der eigenen Courage. Und den damit verbundenen Gefahren, in die man sich womöglich begibt, wenn man Grenzen überschreitet, sein eigenes sicheres Milieu verlässt.
Durch einen Thriller werden Ängste aufgemacht, aber auch gebannt. Denn man kann das Buch am Ende zuschlagen und weglegen. Sich erholen. Und die noch nicht genug haben, schlagen nach kurzer Zeit den nächsten Thriller wieder auf ....
Dein Thriller hat ganz klar eine politische Botschaft. Was hältst du von Thriller, die das nicht haben?
Alles ist erlaubt :-)
Gibt es im Thriller/Krimibereich ein Vorbild?
Kein explizites. Von den Klassikern mag ich Patricia Highsmith (Ripley!) oder Raymond Chandler. Aber eigentlich lese ich „alles“.
Faszinierend finde ich A.L. Kennedy mit ihren abgründigen Romanen und Sybille Berg mit ihrem Gesellschafts-Wahnsinn.
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