Der Marathon des Sables gilt als der schwerste Marathon der Welt.  Natürlich sieht das jeder Läufer anders, und vielleicht ist ja der Badwater Ultra (217 km vom Death Valley zum Mount Whitney) oder das Atacama Crossing (250 km in der chilenischen Atacama-Wüste) noch schwerer, wer weiß? 

Was den Marathon des Sables auszeichnet, sind:

  1. Über 210 Kilometer Distanz, in sechs Etappen

  2. Austragungsort ist die marokkanische Sahara, mit Temperaturen über 40°C und ohne Schatten, dafür fast täglichen Sandstürmen

  3. Laufuntergrund ist Sand, Geröll, Stein, Fels, und wieder Sand, Sand, Sand …


Die Organisation stellt lediglich Wasser (kontingentiert pro Teilnehmer), einfachste Berberzelte in Form von zusammengenähten Kaffeesäcken mit einigen Stecken als Zeltstangen und dünne Teppiche.  Die gesamte Verpflegung für die Woche, Kleidung, Schlafsack, Isomatte und Pflichtgegenstände sind vom Teilnehmer zu tragen.  Am Start sind das rund 11 kg, im Ziel dann nur noch 5-6 kg.


Am Ende der Welt …

… liegt der Start zum Marathon des Sables.  Flug von London nach Frankfurt, von Frankfurt nach Casablanca, dann weiter nach Ouazazate.  Übernachtung in einem einfachen Hotel, Bustransport rund fünf Stunden über einen Ausläufer des Atlas-Gebirges, dann Weitertransport mit Armeelastern ins Camp.  Geschafft!  Nach zwei Tagen Anreise endlich am Ort des Grauens!  Wir landen im Zelt Nummer 53, zusammen mit zwei Ralfs und einem weiteren Frank, drei klasse Kameraden, die sofort zum Team dazugehören.

Bei der Material- und Gesundheitskontrolle


Am Tag vor der ersten Etappe wurde unser Material kontrolliert.  Das heißt, hätte kontrolliert werden sollen.  In Wahrheit war das ganze eher eine Farce – wir wurden gefragt, ob wir alles dabei hätten, besonders die Pflichtgegenstände wie Trillerpfeife, Kompass, Schlangenbiss-Set, dann bekamen wir unsere Signalrakete und wurden durchgewunken.  Komisch – da hatten wir monatelang an unserer Ausrüstung getüftelt, verschiedenste Socken, Schuhe, Hemden, Hosen getestet, die Zahnbürsten abgesägt um Gewicht zu sparen, und dann ist nach 15 Sekunden die ganze Materialprüfung vorbei…

Beim Gesundheitscheck lief es für mich ganz anders.  Die Fragen nach Trainingsumfang (70-100 Kilometer pro Woche), Rennerfahrung (über 30 Marathons, über ein Dutzend Ultras, drei davon in diesem Jahr) und Krankheiten (keine) konnte ich gut parieren.  Die Prüfung meines EKGs durch die Ärztin der Doc Trotters war dann schon anders – Lesebrille auf, Lesebrille ab, Lesebrille auf, bis sie meinte, sie müsse sich noch einmal rückversichern.  Fünf Minuten peinlichen Wartens, dann kommt sie wieder: „Sorry, I need to check with the head doctor“.  Noch einmal 10 Minuten warten.  Dann die Entwarnung: “OK“.   


Gut, dann habe ich sie aufgeklärt über das EKG – es wurde etwa eine halbe Stunde nach einem Bergmarathon (MoB Lite Mitte März) aufgenommen, daher der hohe Ruhepuls und niedrige Blutdruck.  „Why didn’t you say that before?  Then everything is definitely OK!“


 Ja, why hätte ich’s denn say’en sollen? Wollte mal checken, ob den Doc’ies was an meinem EKG auffällt.


Erste Etappe – 28 Kilometer

Das geht ja simpel los, bloß 28 Kilometer, was machen wir denn dann ab 12 Uhr Mittag?  28 km, das ist meine sonntägliche Schatz-ich-gehe-mal-eben-Brötchen-holen-Entspannungsrunde, vielleicht drei Stunden lockeres Laufen, so schwer kann der Marathon des Sables ja gar nicht sein.  Hätte doch besser ein Kartenspiel mitgenommen, oder einen dicken Schmöker zum lesen, und keine Kneipe weit und breit … 


Beim Spaziergang zum Startbogen dann das erste dumpfe Gefühl – Mann, ist der Rucksack schwer!  Aber im Adrenalinrausch von 760 begeisterten, tatendurstigen Läufern, angeheizt durch laute Musik und einen über unseren Köpfen kreisenden Helikopter verfliegen diese Gedanken sehr schnell.  Ein paar Fotos geschossen, eine Ansprache der Wettkampfleitung über die Tücken der Etappe (unsere tägliche Morgenandacht), Gratulation an die Geburtstagskinder, und dann endlich der Startschuss!


Alles rennt wie besessen los.  Ich natürlich auch.  Dann sehr schnell die Ernüchterung – geht das schwer!  Der Sand ist weich, gibt ständig nach.  Dazu das Gewicht des Rucksacks, der ja Gott sei Dank täglich leichter wird, und die Hitze.  Auf halber Strecke zum ersten Checkpoint ist meine Wasserflasche von 1,5 Litern schon leer.  Das wird hart.  Und ständig Sand in den Schuhen, es geht sich wie auf Sandpapier, die Gamaschen taugen nix.


Endlich der Checkpoint.  Wasser!  Einen Kilometer drauf dann der erste Anstieg, vielleicht 150 Höhenmeter über schwarzen Fels.  Ich muss stehen bleiben, alle vier, fünf Schritte und nach Atem ringen.  Die Hitze schneidet mir die Luft ab, die Sonne presst jeden Tropfen Schweiß aus meiner Haut, es wird unerträglich.  Ich muss viel trinken, zu viel, und sehr, sehr langsam gehen.  Endlich bin ich oben, dann geht es schon wieder leicht hinab und wieder hinauf.  Mehrfach muss ich mich setzen.  Dann ein grandioser Ausblick über ein weites Tal, der nächste Checkpoint ist in Sicht, sogar das Camp in weiter Ferne.  Den Berg hinunter, das Wasser ist längst leer, endlich der Checkpoint, und dann der lange, lange Marsch durch den Sandsturm zum Camp.  6 Stunden habe ich für die läppischen 28 km gebraucht, weitere drei Stunden liege ich regungslos im Zelt und habe auf die Zeltplane gestarrt, unfähig, mir mein Abendessen zuzubereiten.  Mein Kreislauf spielt verrückt.   Beim Qualm von Esbit und dem harzigen Holz der Wüstensträucher wird mir übel.


Prost Mahlzeit!  Wer hatte eigentlich die besch…… Idee, diesen Mist zu Laufen?  Und das waren noch nicht einmal 15% der gesamten Strecke.  Immerhin: Das ganze Zelt Nummer 53 ist sicher im Ziel.

 


Das IT4Ch@rity Team


Stephan ist Ex-Tennis-Semiprofi und erfahrener Marathonläufer.  Warum er läuft? „Eine genaue Antwort kann ich hier nicht geben. Ich denke das ist in meinen Genen verwurzelt; ich muss es tun.  Weitere plausible Gründe für mich sind: Das Abenteuer der Wüste hautnah zu erleben.  Sich gemeinsam mit Gleichgesinnten einer extremen Herausforderung stellen und dabei sich und die anderen kennen zu lernen.  Und nicht zuletzt, Kinder zu unterstützen, mit denen es das Schicksal nicht so gut gemeint hat.“  Seine Frau Susanne und Sohn Philip haben während des Marathon des Sables mitgefiebert und die Daumen gedrückt. 



Andreas ist passionierter Marathon- und Ultraläufer „Mittlerweile haben meine Frau und Tochter Laura Verständnis für den Marathon des Sables, auch wenn noch ein wenig Besorgnis mit dabei ist.  Dass wir dabei aber für einen guten Zweck laufen und (hoffentlich!) eine gute Summe Sponsorengelder für die Stiftung Kinderhilfe einsammeln werden freut beide sehr, gerade weil wir bei der Tsunami-Katastrophe 2004 gute Freunde verloren haben.“


Horst hat Sport studiert und blickt auf eine lange Karriere als Amateur-Radsportler zurück.  „Meine Hauptmotive für den Marathon des Sables: Neugier und das Erleben des Spannungsgefühls dieser physischen und psychischen Herausforderung, verbunden mit der Gewissheit, für einen guten Zweck zu laufen.  Der MDS verspricht allein schon durch seine Rahmenbedingungen (Hitze, schwieriges Gelände, Sandstürme usw.) Abwechslung, Abenteuer und Spannung pur.  Es ist eben kein Wettbewerb wie jeder andere.  An Mensch und Ausrüstung werden sehr hohe Anforderungen gestellt.  Da es eine internationale Veranstaltung ist, lernt man außerdem viele verschiedene Kulturen und Menschen kennen.“



Werner ist der Bergfex des Teams, Skifahrer, Bergsteiger, Mountain Biker.  „Nach ein paar Marathons ist der Marathon des Sables die ultimative Selbsterfahrung.  Die Familie ist extremes von mir gewohnt, sie machen sich wohl etwas Sorgen.“ 



Frank als Vater von drei sportbegeisterten Söhnen läuft mehrere Marathons im Jahr, zuletzt in New York und Zürich.  Sein Rezept zur Vorbereitung: „Etwas mehr trainieren als sonst; Lauferfahrung mit Rucksack, übergroßen Schuhen, bei Hitze sammeln und ansonsten weiterhin Balance zwischen Beruf, Familie und Sport halten.“


 


Zweite Etappe – 35 Kilometer

Wieso schleppe ich mich eigentlich noch an den Start?  Eigentlich hatte ich am Vorabend mit dem Ganzen schon abgeschlossen, innerlich zumindest.  Eine 10fache MdS-Teilnehmerin wäre am ersten Tag fast ausgeschieden, hatte eine Infusion erhalten und gerade noch die Zielschlusszeit geschafft.  Ein bestens trainierter Läufer aus der Schweiz aus dem Nachbarzelt hat auch schon aufgegeben, und der hat den Marathon des Sables auch schon zweimal überstanden, ein mal trotz Salmonellenvergiftung.  Dieses Jahr sei einfach der Wurm drin, meinte er.  Also – wenn ich aufgebe, dann bin ich doch in bester Gesellschaft, oder?


Aber was hätte das für eine Signalwirkung auf das Team?  Immerhin habe ich von allen vermutlich die meiste Ultra-Erfahrung (von der Sportskanone Horst abgesehen).  Also laufe ich heute noch einmal, solange ich kann oder Lust habe – jeder Kilometer mehr ist just for fun.  Nach der Morgenandacht (11 Läufer sind schon draußen aus dem Rennen, darunter der sympathische ältere Herr aus Deutschland, ganz in Schwarz gekleidet wie die einheimischen Berber und mehrfacher Finisher - Magenprobleme) geht es gleich den ersten Berg hoch.  Da das Feld noch dicht gepackt ist geht es im Gänsemarsch nach oben, und sehr, sehr langsam.  Nach gut drei Kilometern ist der Berg geschafft, jetzt geht es schnurgeradeaus zum Checkpoint eins.  Na also!  Ich bin ja doch noch im Rennen! 


Dann ein langer Anstieg durch Sand, vorbei an einem Gerippe, vermutlich ein Dromedar, die Wüste verschlingt die sterblichen Reste schnell.  Ich hätte mich daneben legen wollen, so schlecht geht es mir wieder – Kreislauf. 


Am Checkpoint zwei beginnt der tägliche Sandsturm, ich merke, dass mir das Wasser nicht ausreichen wird.  Ich muss die geschlossene Sandbrille aufsetzen, mit meiner normalen Sonnenbrille könnte ich unmöglich die Augen offen halten in dem Sturm feinster Nadelstiche (Naturpeeling).  Also sehe ich noch weniger, da die Sturmbrille keine Dioptrien hat.  Was soll’s.  Außer Sand gibt’s eh’nix zu sehen. 


Die angekündigten Dünen sind nur sehr flach, dennoch scheint der Wüstenwind mir das Wasser aus allen Poren zu pressen.  Mir wird klar, dass ich die Etappe mit dem Rest an Wasser unmöglich schaffen kann.  Als mir schwindlig wird, steuere ich einen Jeep der Doc Trotters an.  Ich verlange eine Messung von Blutdruck und Puls („everything is normal“, was auch immer in der Sahara noch normal ist), dann extra Wasser.  „That will cost you an extra hour penalty!“  Ist mir doch wurscht, dafür erspart Ihr Euch eine Infusion in den nächsten 30 Minuten oder einen Abtransport im Body Bag.  Strafwasser haben wir das dann getauft, wenn man für eine Extraflasche Wasser eine Strafe von einer Stunde aufgebrummt bekommt.  Und ab dann hießen die Doc Trotters bei mir nur noch Doc Trottels.  Später habe ich dann erfahren, dass es für das zweite Strafwasser schon drei Stunden Zeitstrafe gibt, mit der dritten Flasche fliegt man aus dem Rennen.  Na toll, mit dem Äquivalent einer Klospülung an Wasser ist der Traum vom Marathon des Sables zu Ende.  Der Gang zur Toilette wird nie mehr so sein wie früher. 


Mein Abstecher zum Jeep war das einzige Mal, dass sich die Medien für mich interessierten.  Kaum habe ich mich den Sanis zu Füssen geworfen, hatten die Jungs von Eurosport die Kamera eingeschaltet.  Als ich das dann bemerkt habe und gewunken, gelächelt und irgendwie „I’m OK“ gestammelt habe, ging die Kamera wieder aus.  Rekonvaleszierende sind für die Medien uninteressant, heute sollten nur die Sterbenden gefilmt werden. 


Da muss Eurosport reiche Beute gemacht haben.  59 Läufer sind heute ausgeschieden, die meisten wegen Dehydrierung und Kreislaufproblemen.  Hätte ich nicht mein Strafwasser erhalten, es wären 60 geworden.  Das Nachbarzelt mit den Schweizern ist von 8 auf 4 Läufer dezimiert.  Immerhin: Das ganze Zelt Nummer 53 sicher im Ziel.  Die beste Nachricht des Tages. 


Papa Afrika!

Abends im Camp bekamen wir Ausdrucke mit den Emails, die im Laufe des Tages für die Teilnehmer eingingen.  Wir Wüstenlegionäre nannten diese Mails „Feldpost“ – und nichts hat uns so motiviert wie die Nachrichten von unseren Lieben daheim.  Am zweiten Abend erhielt Stephan eine Mail seiner Frau, in der sie schrieb, der Sohn würde den ganzen Tag durch die Wohnung rennen und „Papa Afrika!“ rufen.  Der Spruch blieb irgendwie hängen …  


Dritte Etappe – 38 Kilometer

Drei Kilometer mehr noch als gestern, OK.  Ist auch schon wurscht.  Die Sonne stumpft einen ab, man verliert das Gefühl für Schmerz, Vernunft, trottet einfach weiter, schaltet den MP3-Player ein, die Beine auf Autopilot und das Hirn aus.  Heute geht es zur Abwechslung mal über einen getrockneten See.  Und über Sand.  Und Geröll, und Steine, und wieder Sand, …  


Ab jetzt bin ich mit drei vollen 1,5Liter Flaschen Wasser am Start: Eine quer in meiner vorderen Brusttasche, eine in der Hand, aus der ich trinke, und eine Reserveflasche hinten im Rucksack.  Ich fühle mich beladen wie am ersten Tag, I’m the water boy, aber was soll’s, so weiß ich, dass ich eine Chance habe durchzukommen.  Und wie wichtig das werden würde an diesem Tag konnte ich am Start noch gar nicht ahnen …  


Checkpoint eins, na prima, weiter, dann ein steiler Anstieg auf einen Berg, oben eine geniale Aussicht und der Checkpoint zwei.  Jetzt sollte es recht unspektakulär bis Checkpoint drei gehen.   


Pustekuchen.  Die 11,5 km hatten mehr Opfer gefordert als alles zuvor.  Mehrere Signalraketen gingen in die Luft, ich sah zahlreiche Infusionen.  Wo längst der nächste Checkpoint hätte sein sollen, ein Salzsee mit Sandsturm.  Aber mit meinen drei Flaschen schaffte ich es gerade zum Checkpoint drei.  Dort frisches Wasser, dann durch eine schattige Schlucht (ja, wirklich! Zum ersten Mal Schatten!) noch 6,5 km bis ins Ziel.  Auf halber Strecke dann noch eine Erfrischung – Wasser von einem solargetriebenen Brunnen, der mit finanzieller Unterstützung des Marathon des Sables kürzlich errichtet worden ist.  Herrlich!  Wenn auch nicht zum Trinken geeignet, doch eine schöne Erfrischung. 

Im Ziel bin ich sehr zuversichtlich.  Ich wusste, dass die morgige lange Etappe von 72 km mein Ding werden würde, so was hatte ich trainiert.  Zum ersten Mal glaubte ich wieder, den Marathon des Sables vielleicht bestehen zu können.  Mein Chili con Carne Travellunch schmeckte mir zum ersten Mal.  Herrlich!  I’m back in the race!  Und: Das ganze Zelt Nummer 53 sicher im Ziel. 


Dann die Schreckensnachricht: Wieder viele Läufer ausgeschieden, rund 150 würden es am Ende sein, die höchste Ausfallrate seit Jahren.  Ein Läufer hat einen Herzinfarkt erlitten, ist aber stabil, ein weiter Läufer liegt im Koma und wird in eine Spezialklinik nach Frankreich ausgeflogen.  Klar, beim Marathon des Sables gehen nur die Cracks der Ultra-Szene an den Start, wer die rund 2.800 Euro Startgebühr aufbringt, monatelang trainiert hat, 10 Tage Jahresurlaub investiert und sich dem Erwartungsdruck dutzender Lauffreunde und Verwandter daheim aussetzt, der läuft bis zum Umfallen. 


Es gibt eine zusätzliche Flasche Wasser für jeden Läufer, die morgige lange Etappe wird auf 57 km verkürzt, es soll extra Wasser an allen Checkpoints geben.   

Der Schock sitzt tief.  Aber ich weiß, dass ich mit dem extra Wasser durchkommen werde.  Wir vom Zelt 53 flachsen noch eine halbe Stunde, machen Jokes, die nur nach fünf Bier oder drei Tagen Wüstenlauf zitierfähig sind, dann legen wir uns schlafen. 


Dieser Tag war für mich die Wende.  Ich hatte das Ziel wieder vor Augen.  Jetzt war mein Fokus nicht mehr allein nach innen gerichtet, auf meine Zweifel und Schmerzen.  Ab jetzt nahm ich mein Team und die Zeltkameraden wieder richtig wahr.  Nachtetappe, Du kannst kommen! 


IT4Ch@rity unterstützt die Kinderhilfestiftung e.V.


Um unseren Lauf durch die Wüste zusätzlich einem guten Zweck zukommen zu lassen, haben wir Sponsorengelder gesammelt, die wir der Kinderhilfestiftung e.V. zukommen lassen.  So kamen rund 25.000 Euro an Spenden zusammen.  Das Team IT4Ch@rity bedankt sich sehr herzlich bei allen Sponsoren für die großzügigen Spenden! 

Die Kinderhilfestiftung e.V. leistet seit vielen Jahren einen Beitrag dazu, dass es mehr glückliche Kinder gibt.  Seit 1982 wurden mehr als 200 Projekte gefördert oder initiiert.  Im Mittelpunkt des Engagements steht die Hilfe für chronisch kranke Kinder, körperlich und geistig behinderte Kinder, psychisch kranke und misshandelte Kinder sowie deren Familien.  Typische Projekte der Kinderhilfestiftung sind

  1. Aufbau des Waisendorfes „The Village of Hope“ in Batticaloa, Sri Lanka

  2.  Anschaffung von Geräten zur Diagnostik und Behandlung von Diabetes-Patienten, leukämie- und tumorkranken Kindern

  3.  Einrichtung einer Mukoviscidose-Ambulanz 


Vierte Etappe – 57 Kilometer


Die Morgenandacht mit Happy Birthday, der Helikopter kreist über unseren Köpfen, dann der Start, es ist alles schon Routine geworden.  Meine viereinhalb Liter Wasser vom Start weg würden mir reichen.  Nach dem Checkpoint eins dann endlich die ersten hohen Dünen.  Imposant!  Wie in einem Ozean von haushohen Wellenbergen, der feine Sand spritzt wie die Gischt des Meeres, die steilen Hänge der Dünen geht es hinab auf dem Hosenboden.  Imposand.


Der nächste Checkpoint, die gleiche Routine wie immer: Wasserkarte vorzeigen, abknipsen lassen, Wasserflasche in Empfang nehmen, leere Flasche abgeben, den Sand aus den Schuhen ausleeren, zwei Salztabletten schlucken, weiter geht’s, hinab auf einen trockenen Salzsee.  Ein herrliches Panorama!  Zeitlos verrinnt die Zeit, ich laufe den ganzen Wettkampf ohne Uhr, warum auch, es gibt hier kein Meeting, keinen Flieger den ich verpassen würde. 


Dann wieder leichte Dünen, und irgendwann beginnt sich die Sonne zu neigen.  Bei Einbruch der Dunkelheit erreiche ich Checkpoint drei.  Ich erhalte mein Knicklicht, das ich hinten in den Rucksack stecke, damit mich die Läufer hinter mir sehen können.  Ab jetzt ist die Strecke durch Knicklichter alle 500 Meter gekennzeichnet.  Man kann sich nicht verlaufen. 


Hinter dem Check Point 3 winke ich den sympathischen Mädels von Focus TV zu und werfe ihnen ein „Servus Deutschland! Geht’s Ihr heute noch zum Chill-out in die Disco?“ zu. „Andreas, Du bist ja noch gut drauf!“ die Antwort.  „Klar, ich mach hier Urlaub!“ 


Dann wieder die Einsamkeit des Langstreckenläufers.  Es ist wunderschön!  Der Vollmond erleuchtet die Wüste, die Stirnlampe bleibt aus.  Der Sandsturm hat an Stärke verloren.  Es ist still, finster und doch hell.  Vor mir tanzen die Knicklichter der schnelleren Läufer wie Glühwürmchen durch die Nacht.  Auf meinem MP3-Player höre ich Tchaikovsky, 6. Symphonie, die Pathetique, die geniale Aufnahme mit Bernstein und den New Yorkern, für mich eine in Musik gegossene Todesahnung des Komponisten, in den letzten Wochen seines Lebens geschrieben.  Zum ersten Mal im Rennen schießt mir das Adrenalin durch den Körper. 


Für mich der eindrucksvollste Teil des gesamten Laufes.  Nachts durch die Wüste, dieses Erlebnis, das war die ganze Mühe wert, all die Trainigseinheiten und Wettkämpfe, die zwei Jahre an Vorbereitung und Planung, all die Verzweiflung der ersten drei Etappen.  Jetzt war ich da, der Körper wieder fit, der Geist klar, die Seele mit sich selbst und der Welt wieder im Lot, eine Neugeburt in der Nacht der Wüste. 

Gegen Mitternacht ist das ganze Zelt Nummer 53 sicher im Ziel.


Der Ruhetag

Für die lange Etappe hatte jeder Läufer 36 Stunden Zeit.  Viele übernachten in der Wüste und laufen erst am nächsten Tag ins Ziel.   

Für uns vom Zelt 53 aber ein Ruhetag.  Zeit, sich das Lager genauer anzuschauen.   


Am belebtesten geht es vor dem Zelt der Doc Trottels zu.  Hier ist die Schlange Fußkranker noch länger als vor dem E-Mail-Zelt.  Und es ist wesentlich lauter, einer hat sich die Schulter ausgekugelt.  Gut, dass man diese Schreie nicht bis zu unseren Zelten hört, sie würden jeden Hypochonder kurieren.  Neben dem Zelt für die Emails – die Schlage ist eigentlich immer riesig, so ein bis zwei Stunden Wartezeit, um dann auf einer französischen Tastatur zu hämmern, während die Rechner alle paar Minuten abstürzen, weil per klapprigem Dieselgenerator mit Strom gespeist – neben diesem Zelt also das mit den Satellitentelefonen.  4€ pro Minute für ein Gespräch.  „Ja, ich bin noch im Rennen“ – „aber macht es denn überhaupt ein bisschen Spaß?“ – „na ja, …“

 

Am Leitstand der Organisation die vorläufigen Ergebnislisten bis Platz 300.  Ich stehe nicht drauf.  Egal, ich bin eh’ so weit hinten, da kommt es auf einige dutzend Ränge mehr oder weniger nicht an.  Durchkommen, das war mein einziges Ziel von Anfang an gewesen, und wenn möglich die lange Etappe ohne Übernachtung durchlaufen.  Das zweite Ziel hatte ich schon erreicht, zum ersten fehlen nur noch ein läppischer Marathon und ein kurzer Zielsprint.  Ist doch machbar!


Manche Läufer sammeln trockene Zweige für ein Lagerfeuerchen.  Nette Idee! 


Mit den Toiletten ist die Situation heute etwas anders.  Toiletten gibt es ja gar keine, man geht ein Stück in die Wüste, hockt sich hin und legt dann einige Steine auf das Papier, damit es der Wind nicht ins Lager weht.  In den ersten Tagen joggte man noch einige Hundert Meter vom Camp weg, vielleicht hinter eine Düne oder einen Strauch.  Jetzt, nach vier harten Etappen und vielen Blasen an den Füßen, da reichen auch schon einige Dutzend Schritte vom Zelt entfernt.  Entsprechend muss man aufpassen, wenn man selber nach einem stillen Örtchen sucht.  Oder es geht einem wie im Witz mit dem Stotterer: „V… V… V-V-Vors… s… s…icht Sch… Sch… Sch… schon reingetreten …“

 

Fünfte Etappe – der klassische Marathon


Heute mal eine Abwechslung – der Sandsturm bläst schon vom Start an.  Dafür nicht so stark, Tendenz abnehmend.   

Bei der Morgenandacht wird eine Email verlesen – ein Heiratsantrag an einen Mitläufer!  600 Läufer schreien irgendwas zwischen „say YES“ und „Don’t do it!“, Patrik Bauer deutet es als „Ja“ und will es so weiterzugeben. 


Bis Checkpoint eins muss ich marschieren, die Blasen an den Füßen fordern ihren Tribut – obwohl der Startschuss das beste Schmerzmittel schlechthin ist: Wer noch wie auf heißen Kohlen zum Start gehumpelt ist, der sprintet nach dem 3-2-1-Go! los als gäbe es Freibier im Ziel.  Was vom Laufen kommt, das vergeht auch wieder mit dem Laufen. 


Bis zum Checkpoint zwei verfalle ich in einen langsamen Joggingschritt.  Ab dem Checkpoint bin ich am laufen.  Endlich!  Ich laufe, mache Tempo, überhole zur Abwechslung mal wieder jemanden!  Der Checkpoint vier ist nur drei Kilometer vom Ziel entfernt.  Ich greife zum Wasser und den gereichten Salztabletten, dann sprinte ich los.  Auf den letzten zwei Kilometern überhole ich an die 20 Läufer, jetzt macht das Laufen richtig Spaß!  Natürlich ist es für das Rennen völlig irrelevant ob ich jetzt laufe oder gehe, aber es macht einfach Spaß Tempo zu machen.   


Von weitem sehe ich den Zielbogen, es stehen viele Läufer dort.  Ich erhöhe noch einmal das Tempo.  Gut hundert Meter vor mir sehe ich einen anderen Läufer in schnellem Tempo.  „Den hol’ ich mir“, und ich gebe Gas.  Zweihundert Meter vor dem Ziel merkt er, durch das Gejohle der Zuschauer im Zielbogen alarmiert, dass ich von hinten komme.  Wie von der Tarantel gestochen sprintet auch er los.  Aber ich kann noch Boden gut machen, und auf den letzten 20 Metern kann ich ihn überholen.  Im Ziel fallen wir uns lachend in die Arme, wir wissen beide, dass der Zielsprint kompletter Unsinn ist, aber wir haben unseren Spaß gehabt, egal, wer erster wurde.  So sind wir halt, wir Wüstencowboys, älter gewordene Spielkinder im ultimativen großen Sandkasten. 


Und das Beste: Das ganze Zelt Nummer 53 sicher im Ziel.


Sechste Etappe – und ab ins Ziel!


Was soll heute noch passieren?  Nichts, nur noch Gas geben und durchs Ziel rasen.   

Morgenandacht mit Happy Birthday, gestern kein Ausfall, es wird auch heute keinen mehr geben. 


Sechs Kilometer Schotterpiste, einige Ruinen, und dann – ja, dann kommen die schönsten Dünen des gesamten Laufs!  Ein Genuss!  Und direkt hinter der letzten Düne ist alles vorbei, und es gibt die Medallie.  Im Ziel kommt das Mädel von Focus TV auf mich zu: „Glückwunsch!  Mensch, Andreas, Du hast es geschafft, ja Wahnsinn!  Wie war’s?“ – „war OK; was meinst Du, soll ich als nächstes den Badwater oder doch lieber das Atacama Crossing laufen?“ – „Du spinnst!“ 

Das ganze Zelt Nummer 53 sicher im Ziel. 


Andreas Dörfler, 19. April 2006